Die Tie­fe der Ober­flä­che

Umbau und Aufstockung Büro- und Wohngebäude, Genf

Christian Dupraz Architecture Office – CDAO nahm den Umbau und die dreigeschossige Aufstockung des Bürogebäudes im Genfer Quartier Les Acacias zum Anlass, es mit einem monochromen Mantel aus Metall zu verkleiden. Er verbirgt das Alter des Baus, verleugnet aber nicht dessen Identität.

Publikationsdatum
04-04-2022

Für Christian Dupraz hatte der Kopfbau des Häuserblocks, der den Beginn der Route des Acacias festlegt, von jeher etwas Faszinierendes. Der 1973 von der Schweizerischen Volksbank in Auftrag gegebene Bau verkörperte das politische Bestreben, das Arbeiterquartier Les Acacias zu entwickeln. Doch nach der Übernahme durch die Vorsorgeeinrichtung des Kantons Genf (CPEG) verlor es seine Repräsentationsfunktion und wurde fortan an die Informatikabteilung des Genfer Kantonsspitals vermietet.

Zu Beginn der Planungen 2014 beauftragte die CPEG das Büro CDAO, das zu dieser Zeit bereits mit dem Gesamtumbau eines ihrer Gebäude betraut war, mit einer Studie für die Aufstockung des Baus. Das Reglement erlaubte es, das Gebäude zu Wohnzwecken um 6 m zu erhöhen. Der Quartierbebauungsplan für das angrenzende Gebiet Praille-Acacias-Vernets (PAV) hätte sogar  ganze fünf Geschosse zugelassen.

Die Studie zeigte jedoch auf, dass die Investitionen bei einem solchen Vorhaben aufgrund der technischen Herausforderungen und der gesetzlichen Vorschriften in keinem Verhältnis zur erwarteten Rendite stehen. Somit wurde entschieden, sich auf die Aufstockung der sieben bestehenden Stockwerke um drei Wohngeschosse zu beschränken, wodurch das neue Volumen  eine Höhe von 30 m erreicht. Während das Quartier mit dem Beginn der ersten Baustelle des PAV auf dem angrenzenden Gelände der Kaserne Les Vernets gerade erst seinen Wandel einleitet, nimmt das neue Gebäude mit seiner metallischen, von weitem sichtbaren Hülle eine dominante Position ein. Zusätzlich zum Akt der Redimensionierung stellten sich die Architekten die Aufgabe, den Eingriff an der Fassade unbemerkt zu lassen.

Eine neue Identität

Aufstockungen sind vor allem ein technisches Unterfangen, bei dem die richtige Balance zwischen der bestehenden Tragkonstruktion und dem Gewicht der zusätzlichen Geschosse gefunden werden muss. Es geht aber auch um das Vermitteln zwischen dem architektonischen Ausdruck von zweier baulicher Eingriffe. Oftmals gilt die Orientierung am Bestand, oder der Gegensatz, ein bewusstes Suchen nach einem Kontrast.

Christian Dupraz’ konzeptioneller Ansatz ist bei einem Umbau meist derselbe wie bei einem Neubau. Für ihn geht es beim Bespielen eines Grundstücks, sei es bebaut oder unbebaut, darum, alle Rahmenbedingungen – Objekte und Vorgaben gleichermassen – zusammenzubringen und wie «Schauspieler» in Beziehung zueinander zu setzen. So auch bei seinem wenige Meter weiter stehenden Bau «Caroline Context», in dem auch sein Büro untergebracht ist: Hier bestimmten die Wegrechte massgeblich den Kontext, und nicht der Bestand des direkten Umfelds oder die Situation der Baulücke.

Im Fall des Acacias II tritt der Kontext des Bestandsgebäudes in den Hintergrund und überlässt dem Fassadenersatz die Rolle des identitätsstiftenden Elements, wodurch das Gebäude neu interpretiert wird. Die zusätzlichen Wohnungen und renovierten Büroräumlichkeiten werden vom homogenen Volumen mit neu austarierten Proportionen aufgenommen.

Vollständige Verschleierung

Die anfangs analog zum Bestand aus Beton konzipierte Hülle wich im Lauf der Planungen einer Metallausführung, wodurch sie leichter wurde und das Tragwerk des Gebäudes entlastet werden konnte. Und so könnte man auf den ersten Blick glauben, die Vorhangfassade sei immer schon da gewesen, denn als zentrales Element des Projekts wirkt sie für sich wie auch hinsichtlich des ursprünglichen Gebäudes schlüssig. Mit ihren geometrischen Linien erinnert sie an die Architektur der Spätmoderne, von der einige Bauwerke die Genfer Stadtlandschaft prägen.

Auf seine Erfahrungen mit Metallkonstruktionen angesprochen, verweist Dupraz auf die Sanierungsarbeiten der Bibliothek des Konservatoriums und des Botanischen Gartens des Architekten Jean-Marc Lamunière in Genf, mit denen sein Büro betraut war. Der Umgang mit den dem Material geschuldeten technischen Herausforderungen ist bei beiden Projekten derselbe: Vorfertigung, Verbindungen und Oberflächenbehandlung dienen dem architektonischen Ausdruck.

Im vorliegenden Projekt besteht das Konstruktionsraster aus Stahl aus schmalen horizontalen Bändern, die als Querbalken fungieren und die Fenster tragen, und aus vertikalen raumhohen Elementen. Eine Aluminiumblende mit integrierten Storen ergänzt das Grundraster. Als Mies'sche Ecke ausgebildet, werden die aufgehängten Bänder über den Dachrand hinweggeführt und fügen sich zu einem Raster aus Stahlbalken. Der Eingriff ist also wörtlich als oben aufgehängter Mantel konzipiert, der von der Tragkonstruktion des Gebäudes unabhängig ist.

Farbe als Material

Ein einziger Farbton umhüllt die drei sichtbaren Fassaden des Gebäudes. Der nüchterne Farbton, der eher an Mineralien oder gar an Erde als an Metall erinnert, changiert von einem kalten Braun zu Sandelholz und gleicht sich an die in ähnlichen Tönen verputzten umliegenden Gebäude an. Durch die simple Bearbeitung der Oberfläche wird die monochrome Hülle zu einem Monolith, zu einer Skulptur.

Die Öffnungen verstehen sich als Durchbrüche, nur wenige Verbindungen sind erkennbar oder durch die Verwendung von sichtbaren, unbehandelten Befestigungen hervorgehoben, die eher einem Ornament als einer konstruktiven Realität gleichen. Die Verkleidung im gleichen Farbton im Gebäudeinnern unterstreicht die Eigenständigkeit der Fassade. Die Differenzierung auf visueller und konzeptueller Ebene festigt die Trennung zwischen der tragenden Konstruktion des Gebäudes und der vertikalen Gebäudeoberfläche, die sich zu einer eigenständigen Schicht verdichtet.

In den Wohnungen der aufgesetzten Geschosse wird die Farbe dekliniert, hier jedoch auf intuitive Art und Weise. Sie überzieht den Erschliessungskern der Wohnungen, aber auch einige Wände, und bricht so aus der Logik des Grundrisses aus. Auf Schreinerarbeiten und Betonmauern gleichermassen angewendet, verschleiert sie die Materialität der Elemente und ihre Hierarchie. Auch die unverputzten Betonmauern der Aufstockung in der ergänzten vertikalen Gebäudeerschliessung und die Mauern des Bestands, deren Putz abgekratzt wurde, erfuhren die gleiche Oberflächenbehandlung. Die Farbe sorgt für eine fast perfekte Kontinuität, überspielt die Epochen, hebt aber die unterschiedlichen Texturen hervor. Wie bei jeder kosmetischen Behandlung auch, versteckt die Schminke gewisse Aspekte, um andere hervorzuheben, beispielsweise die Rauigkeit der Oberflächen oder ein Abstrahlen von Licht. Die Farbgebung im Gebäudeinnern ist subtiler und vielseitiger als jene der Fassade, dient aber dennoch der Intention des Architekten.

Für Dupraz ist die Verwendung von Farbe eine Herausforderung konzeptueller Natur. In einem Interview1 bekannte er sich zu seiner «Lust, Beton zu schminken». Für ihn ist «der Prozess der Farbgebung eine architektonische Auseinandersetzung mit der Plastizität von Material». Bei der Verwendung von Metall verlagert sich die Bedeutung dieses Ansatzes, da das Material selbst eine Oberflächenbehandlung erfordert. Aufgrund seiner Verarbeitung zeigt es sich selten als Masse, sondern wirkt wie fertige, zusammengesetzte Elemente. Indem die Architekten die Einzelteile durch den Einsatz von Farbe zu einem monochromen Ganzen erstarren lassen, gelingt ihnen das diffizile architektonische Unterfangen, einer Oberfläche Tiefe zu verleihen.

Anmerkung

1 Christian Dupraz, l’architecture mise en œuvre, espazium (Reihe Schweizer Konstrukteure), 2019

Am Bau Beteiligte

 

Bauherrschaft
Caisse de prévoyance de l'Etat de Genève (CPEG)

 

Architektur
Christian Dupraz Architecture Office (CDAO), Genf

 

Tragkonstruktion
Ingeni, Genf

 

HLKS-Planung
Energestion

Facts & Figures   

 

Verfahren
Direktauftrag

 

Ausführung
2014–2021

 

Bruttogeschossfläche
3672 m2

 

Kosten (ohne BKP 1, 2, 4 und 5)
12 Mio. Fr.

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