Mit klei­nen Ein­grif­fen den Be­stand ver­wan­deln

Mit einer Balkonerweiterung und PV-Fassade entwickelten Lütjens Padmanabhan Architekt*innen einen bestehenden Genossenschaftsbau in Hirzenbach weiter – minimalinvasiv und als Beitrag zur Energiewende. 

Publikationsdatum
09-12-2025

Im Rahmen des Wasserfallen-Plans stellte Hans Hochuli den Wohnungsbau der Siedlungsgenossenschaft Eigengrund 1958 fertig. Damals wie heute bietet er günstigen Wohnraum in Zürich Schwamendingen. Um die niedrige Kostenmiete für die Bewohnenden zu erhalten, nahm die Bauherrschaft über die Jahre keine umfassende Generalsanierung vor, sondern nur gezielte, kleinere Eingriffe und Teilsanierungen. 

Damit reagierte sie bedarfsgerecht auf den Zustand der Bausubstanz und sparte gleichzeitig graue Energie ein. 2007 sanierten KLP Architekten das Gebäude energetisch und ergänzten die Wohnungen mit Wohnküchen in Elementbauweise. So blieben die ursprünglichen Grundrisse weitgehend erhalten, während den Wohnungen mehr Aufenthaltsqualität verliehen wurde. 

Am 19.Dezember 2025 erscheint das Sonderheft Fassade als Beilage zur TEC21. Neben der Siedlung Hirzenbach zeigt es viele weitere spannende Umbauprojekte und deren vielfältige Möglichkeiten für Fassadengestaltung. 

 

Das Sonderheft Fassade 2024 finden SIe hier zum Download.

Der Anschluss ans Fernwärmenetz erfolgte 1974, 2014 rüstete die Bauherrschaft das Dach mit einer PV-Anlage auf. Die jüngsten Eingriffe von Lütjens Padmanabhan Architekt*innen sind somit Teil einer kontinuierlichen Weiterentwicklung des Bestands: Im Dezember 2024 stellten sie eine Balkonerweiterung mit PV-Brüstungen und kleineren technischen Eingriffen in den Innenräumen fertig und gestalteten zusammen mit Bischoff Landschaftsarchitektur die Umgebung mit neuem Gartenpavillon um.

Sanierung im laufenden Betrieb

Als offene, selbsttragende Struktur aus feuerverzinktem Stahl ergänzt neu eine vertiefte Balkonschicht den strengen Wohnriegel. Die schuppenartig ausgestellten Brüstungen brechen die Strenge des Bestands und der Dialog mit dem vorgelagerten Gartenpavillon zur Gemeinschaftsnutzung stärkt den Bezug zur Umgebung. 

Die Idee zur Integration von PV-Modulen auf den Brüstungen war im Planerwahlverfahren noch nicht angedacht und entstand erst während des Planungsprozesses. In Zeiten von potenzieller Energieknappheit aufgrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine entschloss sich die Siedlungsgenossenschaft Eigengrund, die exponierte Fassade zur PV-Integration zu nutzen. Die Brüstungen eignen sich dank ihrer Ausrichtung nach Westen optimal dafür. 

Die Eingriffe und Details hielten die Planenden einfach, um auch weiterhin günstige Mieten zu ermöglichen. Die bestehenden, schmalen Balkonbänder erweiterten sie mit Betonfertigelementen, die in Stahlrahmen eingespannt und vor Ort vergossen wurden. Die Geländer bestehen aus einfachen Bodenrosten, auf denen die PV-Paneele montiert sind. Deren Transluzenz sorgt für ausreichend Licht auf den Balkonen: Mit einer neuen Tiefe von 2.2 m bietet die Balkonschicht nun einen spürbaren Gewinn an Aussenraumqualität für die Mietenden. 

Die bestehenden Sonnenstoren aus dem Jahr 2013 blieben erhalten, wurden jedoch für die neue Balkonposition versetzt. Im Inneren des Gebäudes modernisierten Lütjens Padmanabhan lediglich aus schalltechnischen Gründen die Wohnungstüren und die Lifte. So konnten die Mietenden während der gesamten Bauzeit im Gebäude wohnen bleiben – nur auf die Nutzung ihrer Balkone mussten sie vorübergehend verzichten. 

Der Pavillon als Treffpunkt

Die soziale Struktur im Haus ist über die Jahre gewachsen. Mit dem Gemeinschaftspavillon erhält sie ein konkretes räumliches Pendant. Dieser befindet sich auf einer Lichtung auf dem dicht bepflanzten Grundstück. Seine Gestalt erinnert an ein Festzelt: Streifenmuster prägen den Innenraum und Leuchtgirlanden sorgen für atmosphärisches Licht. 

Aussen ist der Pavillon mit Welleternit verkleidet, die offenen Fugen unterstreichen die Leichtigkeit der Konstruktion. Ein Naturspielplatz ergänzt das Ensemble im Aussenraum. Das Projekt zeigt eine weitere Adaption eines Bestandsgebäudes des Wasserfallen-Plans und schafft es, mit einfachen und spielerischen Elementen den Bestand in zeitgemässen Wohnraum zu transformieren. 

Technik sichtbar gemacht

Auch in den konstruktiven Details steckt ein Schlüssel zum Erfolg: Die PV-Paneele bestehen aus Zellen, die zwischen zwei Glasscheiben eingefasst und mit Metallprofilen fixiert sind. Die Rasterstruktur der Module korrespondiert mit der Konstruktion der Brüstungen. Im Vergleich zur bestehenden 20-kWp-PV-Anlage auf dem Dach des Gebäudes produziert die Fassade nun mit 88 kWp mehr als das Vierfache an Energie. 

Die Westausrichtung diversifiziert zudem den Energiegewinn über den Tag hinweg, Überschüsse werden ins Netz geleitet. Das wiegt die bei der Herstellung entstandene graue Energie der Paneele auf. Zudem fördert die ästhetische Qualität die Bewusstseinsbildung für erneuerbare Energieproduktion in der Stadt. Die Erweiterungen in Hirzenbach zeigen, wie man mit minimalinvasiven und präzise gesetzten Eingriffen sowohl die Energieeffizienz als auch die Lebensqualität im genossenschaftlichen Bestand stärken kann. 
 

Siedlung Hirzenbach, Zürich


Bauherrschaft
Siedlungsgenossenschaft Eigengrund, Zürich


Architektur
Lütjens Padmanabhan Architekt*innen, Zürich


Tragkonstruktion
JB Kempter Fitze, Amriswil


PV-Fassade
CIPV, Zürich


Brandschutzplanung
mmag, Zürich 


Landschaftsplanung
Bischoff Landschaftsarchitektur, Baden

 

Facts & Figures
PV: Art
Leistung: Glas-Glas Modul von Activ’Glass, 88 kWp
Fertigstellung: 2024
Baukosten: CHF 5.9 Mio.

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