«Wir kön­nen die­ses Pro­jekt nut­zen, um un­se­re An­sät­ze all­ge­mein zu än­dern»

Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine geht eine immense Zerstörung der Infrastruktur vor Ort einher. Der gemeinnützige Verein RE-WIN liefert seither gebrauchte Fenster in die Ukraine. Doch nicht nur Fenster werden in der Ukraine benötigt, sondern auch Wohnungen, um Geflüchteten eine Unterkunft zu bieten. Damit setzt sich der ukrainische Verein Co-Haty auseinander.

Publikationsdatum
24-05-2023

Co-Haty hilft Menschen, die ihr Zuhause durch den Krieg verloren haben und in den Westen des Landes geflohen sind. Hier leben sie oft in Turnhallen oder provisorischen Einrichtungen. Der Verein sucht und saniert leerstehende Häuser, sodass den Geflüchteten bis zu ihrer Rückkehr in den Osten der Ukraine eine würdige Unterkunft geboten werden kann. Für die Sanierung der Häuser und Wohnungen werden Bauprodukte aller Art und Inneneinrichtungsgegenstände benötigt, die Co-Haty aus der Schweiz in die Ukraine bringt. Nun haben sich Re-Win und Co-Haty zusammengeschlossen, um gemeinsam administrative Arbeiten, Lagerung und Transport der Produkte effizienter organisieren zu können. Anna Dobrova und Anastasiya Ponomaryova von Co-Haty sowie Johann Petersmann von RE-WIN stellen das Projekt vor.

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Wie begann das Projekt Co-Haty?

Anastasiya Ponomaryova: Es begann Mitte März 2022. Unsere Kernorganisation Metalab befindet sich im westlichen Teil der Ukraine, wo wir zu den Themen Kreislaufwirtschaft im Bauwesen und Stadtforschung arbeiten. Metalab war an einem Projekt beteiligt, das Menschen in der Ukraine dabei half, Zimmer und Wohnungen in sicheren Regionen zu finden. Gemeinsam mit der NGO Urban Curators und geflüchteten Architekt:innen haben wir Co-Haty, ein Wohnprojekt für Geflüchtete, ins Leben gerufen.


Wie kam das Projekt Co-Haty in die Schweiz, und wie ist die Zusammenarbeit zwischen Re-Win und Co-Haty entstanden?

Anna Dobrova: Ich bin im Sommer 2022 von der Ukraine nach Basel gezogen. Zofia Jaworowska vom Verein Okno brachte mich mit Hinblick auf unser Projekt mit Barbara Buser, baubüro in situ und RE-WIN in Kontakt. Es entstand eine Zusammenarbeit, weil sich auch Metalab mit dem zirkulären Ansatz im Bauen beschäftigt.
Anastasiya Ponomaryova: Ich lernte Barbara Buser durch meine Arbeit an der ETH Zürich und ihre ETH-Entwurfsklasse «Studio Re-use» kennen. Aber auch, weil sich sowohl Co-Haty als auch Re-Win im ETH Network für die Ukraine engagieren.
Johann Petersmann: Zofia Jaworowska brachte uns zusammen, weil sie wusste, dass wir ähnliche Ziele haben. Wir setzen uns alle mit der Frage der Wiederverwendung beim Bauen auseinander. In der Zusammenarbeit mit Co-Haty ging es nicht um Fenster, sondern um Sanitärausstattung, Bodenbeläge, Türen, Lampen und Mobiliar für die Ukraine, die für die Sanierung der Wohnungen für interne Geflüchtete eingesetzt werden.


Welche Synergien gibt es? Was können Sie voneinander lernen?

Anna Dobrova: Im Moment arbeiten wir sehr intuitiv und suchen nach Lösungen. Baubüro in situ und Re-Win haben jahrelange Erfahrung auf dem Gebiet der Kreislaufwirtschaft. Was wir teilen und austauschen, ist das Wissen darüber, wie man in der Kreislaufwirtschaft arbeitet. Wir haben die Voraussetzungen, um dieses Wissen in die Ukraine zu bringen – lokales Wissen und Netzwerke.
Johann Petersmann: Wichtig ist der Blick von innen. Man kann als Schweizer nicht in eine Gesellschaft kommen und behaupten, dass man weiss, was die Leute wollen oder wie man bauen oder wiederverwenden muss. Co-Haty bietet uns einen Einstieg in die ukrainische Gesellschaft, um dort zu arbeiten. Die Mitglieder  helfen uns zu verstehen, wie die Mechanismen in der Ukraine funktionieren. Wir haben auf jeden Fall etwas dazu gelernt.


Über die Art und Weise, wie in der Ukraine gebaut wird?

Johann Petersmann: Und was die Ansätze sind, die wir vielleicht in der Zukunft nutzen können. Wir würden in Zukunft auch gerne grössere Projekte realisieren. Es gibt den Vorschlag, das Tribünendach des Stadions Cornaredo in Lugano abzubauen, das abgerissen wird, und in die Ukraine zu transportieren. Die Frage, was denn aus dem Tribünendach am Zielort werden soll, ist noch offen: Soll es wieder als Stadiondach eingesetzt werden oder neu zu einer Halle zusammengesetzt werden?


Wie findet Co-Haty die Gebäude und Wohnungen in der Ukraine?

Anna Dobrova: Es begann mit einem Gebäude der örtlichen Universität in Iwano-Frankiwsk. Es wurde jahrzehntelang nicht genutzt, wir haben es durch Recherchen gefunden. Nach unserem ersten Projekt mit der Universität meldeten sich andere Interessierte, und es entstand ein weiteres Projekt.
Anastasiya Ponomaryova: In der Ukraine gibt es viele verlassene kommunale, staatliche oder private Gebäude. Wir konzentrieren uns auf die kommunalen Gebäude. Bei der Suche danach beginnen wir mit der Kommunikation mit den Eigentümern.
Anna Dobrova: Das Hauptaugenmerk liegt auf Regierungsgebäuden, da es sich um temporäre Unterkünfte handelt. Nach der Renovation und der Nutzung als vorübergehende Unterkunft für Vertriebene können sie zum Beispiel als Studentenwohnheim dienen. Alles, was wir jetzt mithilfe von Spendern und Zuschüssen investieren, bleibt bei den Städten, der Regierung oder den Universitäten.


Gibt es eine bestimmte Zeitspanne, wie lange die Gebäude genutzt werden können?

Anastasiya Ponomaryova: Es gibt derzeit keinen staatlichen Mechanismus, um den grossen Bedarf an zusätzlichen Wohnungen für Geflüchtete zu decken. Viele Organisationen wie Co-Haty versuchen, neue Möglichkeiten zu schaffen. Wir nutzen Metalab als Gefäss mit Immobilienvermögen, um Räume für mindestens vier Jahre zu vermieten. Das ist der Zeitraum, ab dem es sinnvoll ist, ein Gebäude zu mieten und die entsprechenden Investitionen in die Renovierung zu stecken. Geplant ist, den Vertrag zu verlängern.
Anna Dobrova: Viele Geflüchtete haben begonnen, bei den Sanierungen mitzuhelfen. Das motiviert sie und hilft ihnen, sich in der neuen Stadt und Gesellschaft zu integrieren.


Übernehmen Sie alle Einrichtungsgegenstände, die Ihnen angeboten werden?

Anna Dobrova: Der grosse Unterschied zwischen Re-Win und Co-Haty ist, dass wir mit Gebäuden im Westen der Ukraine arbeiten, der nicht Kriegsgebiet ist. Wir brauchen also keine Fenster wie in der Ostukraine. Barbara Buser und Johann Petersmann empfahlen uns, zu nehmen, was wir finden können. Vor Ort würden sie wissen, wie sie die Produkte gebrauchen können. Wir stimmten dieser Logik zu, weil wir verstanden, dass wir nicht genau das finden können, wonach wir suchen. Aber wir haben gemerkt, dass wir eine Vorauswahl treffen müssen.


Wie ist der Prozess, um an Bauteile und -material zu kommen?

Anna Dobrova: Manchmal werden wir angerufen mit der Information, dass ein Haus abgerissen wird und wir vorbeikommen sollen, um mitzunehmen, was wir brauchen können. Die Suche ist sehr zeitaufwendig. Deshalb haben wir unsere Strategie geändert und rufen bei grossen Firmen an, von denen wir grosse Mengen an Material bekommen können.


Aber Sie sind immer noch an privaten Bauherrschaften interessiert?

Anna Dobrova: Ja. Zum Beispiel hat die Wohngenossenschaft auf dem Zwicky-Areal in Zürich ihre Wohnungen renoviert. Zuerst konnten Vertriebene, die in der Genossenschaft oder deren Umgebung leben, mitnehmen, was sie brauchen. Den Rest konnten wir für unser Projekt nutzen. Das waren ganz verschiedene Dinge. Zum Beispiel ein Teppich, Möbel, Lampen, … alles. Wir schickten es in das Lager von Re-Win in Pratteln und von dort in die Ukraine.
Anastasiya Ponomaryova: Unser Hauptziel ist es jetzt, Bedürftigen zu helfen. Aber wir haben bereits Ideen, wie wir diese humanitäre Agenda in Zukunft stärker in Richtung der Wiederverwendung weiterentwickeln können. Wir können die Energie dieses Nothilfeprojekts nutzen, um unsere Ansätze in der Architektur im Allgemeinen zu ändern. Es handelt sich dabei nicht um einen linearen Prozess, bei dem wir bis nach der Krise warten.


Welche Unterstützung brauchen Sie bei Ihren Projekten heute?

Anna Dobrova: Wir verstehen den Prozess jetzt und wissen, wie wir vorgehen müssen, um Bauteile zu sammeln und in die Ukraine zu versenden. Wir sind offen für Elemente, Materialien und Produkte, am besten in einer grossen Stückzahl. Wir werden definitiv Spenden benötigen, um den Prozess von der Schweiz in die Ukraine zu implementieren und auch, um unser Projekt in der Ukraine weiterzuentwickeln – vielleicht zu einer schweizerisch-ukrainischen Zusammenarbeit oder Partnerschaft. Dazu müssen wir auch eine gute Grundlage für unser Team in der Ukraine schaffen, mit Lagerräumen, Ausrüstung für die Nachbearbeitung der Materialien und der Möglichkeit zum Wissensaustausch.
 

Anna Dobrova hat Architektur an der Nationalen Akademie der Schönen Künste in Kiew und der Technischen Universität Wien studiert und in verschiedenen Architektur- und Stadtplanungsbüros gearbeitet. Während ihrer Zeit in Wien interessierte sie sich zunehmend für sozial orientierte Architektur. 2015 war Anna Mitbegründerin der NGO MistoDiya für urbane Interventionen, Forschung und kuratorische Praxis. 2018 folgte die NGO Metalab– ein urbanes Labor in Iwano-Frankiwsk, Ukraine, wo die Co-Haty-Projekte begonnen haben. Dobrova engagiert sich hier bei der Mittelbeschaffung und strategischen Entwicklung.

 

Anastasiya Ponomaryova arbeitet an der Schnittstelle zwischen Architektur, Kunst, Gemeinschaftsentwicklung, Praxis und Forschung. Sie ist Mitbegründerin der NGO Urban Curators und der Initiative Сo-Haty. Seit 2015 arbeitet sie im Osten der Ukraine, wo sie lokale Gemeinschaften bei der Arbeit mit der Stadtlandschaft unterstützt. Anastasiyas akademischer Hintergrund umfasst ein Stipendium am Levental Center for Advanced Urbanism am MIT (Cambridge) und an der Architekturabteilung der ETH Zürich. Ihr derzeitiges Projekt Co-Haty konzentriert sich auf nachhaltige und schnelle Unterkünfte für Vertriebene in der Ukraine.

 

Johann Petersmann, Architekt Dipl.-Ing., studierte Architektur an der EPFL, der TU Cottbus und der Uni Stuttgart. Seit 2008 ist er tätig als Architekt und Stadtplaner in Krisengebieten wie Syrien, Palästina, Marokko und jetzt in der Ukraine. Johann Petersmann ist Lehrbeauftragter an diversen Hochschulen und Leiter des Vereins RE-WIN aus Basel seit 2022.

Weitere Informationen:

re-win.ch

metalab.space/co-haty-ukr

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