Ge­bau­te Nach­bar­schaft mit fein­kör­ni­ger Dich­te

In der Zuger Kleinstadt Rotkreuz ist mit feinem Gespür für Raum, Material und Gemeinschaft ein reichhaltiger Stadtbaustein entstanden: Die Siedlung Chäsimatt funktioniert in ihrer ganzen Vielfalt.

Publikationsdatum
18-11-2025
Noemi Grodtke
Architektin, freie Autorin und Performance-Künstlerin

Nach der Eröffnung des Bahnhofs 1864 hat sich Rotkreuz vom Eisenbahnerdorf weiter zum zentralen Verkehrsknotenpunkt der Region entwickelt. Heute wächst die Kleinstadt rasant – begünstigt durch die Nähe zu Luzern und Zürich sowie die lokal attraktiven Steuerbedingungen. Beim Bahnhof und in unmittelbarer Nachbarschaft lässt sich feststellen, wie unterschiedlichste städtebauliche Ideen aufeinandertreffen. Inmitten dieser Heterogenität setzt die 2025 fertiggestellte Überbauung Chäsimatt von AM Architects einen präzisen, identitätsstiftenden Akzent. 

Ein Ensemble – vierzehn Häuser

Zwei Blockrandbebauungen bilden ein funktionales Ensemble, das durch die einheitliche Materialisierung in rotem Klinker betont wird. Die Typologie schützt gegen den Lärm des Güterverkehrs, andererseits wird die Wahrnehmung von innerem und äusserem Stadtraum geschärft. Die Planenenden schufen feine Übergänge und vermittelnde Zonen zwischen öffentlichem und privatem Raum. Die mittels Höhenversprüngen und differenzierten Fassadendetails massgeschneiderte Gestaltung gliedert das massive Volumen in 14 Teile.

Die Bauherrschaft entwickelte das Raumprogramm in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro. Die Vielfalt mit altersgerechten Clusterwohnungen, Wohngemeinschaften, Ateliers und 126 Wohnungen mit einem bis siebeneinhalb Zimmern ist eine bewusste Entscheidung, um die Verdichtung zu fördern und gleichzeitig die dörflichen Vorteile zu bewahren. Neben der gezielt integrierten Landi finden auch ein Self-Check-in-Hotel, ein Coiffeursalon und eine Kaffeerösterei ihren Platz im Areal. Dank der sorgfältigen Programmierung begegnen sich zu unterschiedlichen Tageszeiten Wohnende und Besuchende der ganzen Stadt.

Vom lebendigen Stadtraum zum ruhigen Rückzugsort

Der Betrieb von Gastronomie und Gewerbe hinter den rot eingefärbten Sichtbeton-Arkaden belebt den reichhaltigen Aussenraum. Der Chäsiplatz mit der alten Tankstelle als markantem Pavillon bildet einen neuen autofreien Begegnungsraum im Zentrum von Rotkreuz. Die breite Treppe verbindet den Platz mit der grosszügigen Verteilzone und dem öffentlich zugänglichen Foyer. 

Neben dem Grillpavillon, der auch für die Winternutzung ausgestattet ist, und einem Brunnen erschliessen sich hier gemeinschaftliche Nutzungen des Areals: der multifunktionale Chäsisaal und die zentrale Poststelle mit Coworking-Bereich. Der gegenüberliegende historische Bau der Käserei zeugt von der 1906 gegründeten Milchverwertungsgenossenschaft Risch (der heutigen Landi) und belebt den Platz durch das Café im Erdgeschoss zusätzlich. Die schmalen und geschwungenen Wege in den Innenhöfen sind gesäumt von Pflanzbeeten, es entstehen Spielbereiche, vielfältige Aufenthaltsbereiche und geschützte Sitzplätze für die Wohnungen. 

Die Ausbauvarianten der Wohnungen bezüglich Materialisierung zeugen vom Anspruch an individuellen Charakter. In Beton eingelassene Nischen neben den farbigen Wohnungseingangstüren lassen bewusst Raum zur Aneignung durch die Mieterschaft, Blumenvasen und kunstvolle Namensschilder bestätigen dies.

Bei architektonischer Präzision und immensem Detailreichtum bleibt die Chäsimatt angenehm unprätentiös. Die Farbigkeit des Klinkers wechselt an den Hauskanten vom warmen Rot zu einem kühlen Weiss. Wer genau hinschaut, entdeckt auf dem Areal viele charmante Details wie einen Moosgarten mit Resten einer alten Steinmauer als Reminiszenz an das Vergangene, einen Steingarten mit Bohrkernen der letzten Baustelle und einen eigens für Hunde entwickelten Waschraum, um nach dem Spaziergang am nahegelegenen Weiher auch wieder saubere Pfoten ins Haus zu bringen.

Überbauung Chäsimatt Rotkreuz


Bauherrschaft
Rotkreuzhof Immobilien, Rotkreuz

 

Architektur
AM Architects, Luzern

 

Bauleitung, Baumanagement
Schärli Architekten, Luzern

 

Tragkonstruktion
Gwerder + Partner, Rotkreuz;
BlessHess, Luzern (Tiefbau)

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