Dem Quartier treu geblieben
In die alte Maschinenfabrik an der Hafnerstrasse ist nach einer ersten Sanierungsetappe 2016 das Architekturbüro Graber Pulver eingezogen. Im Anfang 2025 abgeschlossenen Neuaufbau des Dachgeschosses entstanden weitere Büroflächen.
Der Zürcher Kreis 5, der sich nördlich des Hauptbahnhofs zwischen den Gleisen, der Sihl und der Limmat entlangzieht, war früher ein Zentrum für die Schwer- und Maschinenindustrie. Viele der alten Fabrikanlagen wurden nach dem Auszug der Nutzenden in den letzten Jahrzehnten transformiert. Die Bauten, die oft aus Backstein errichtet sind, wurden zu Büro- und Gewerbeflächen umgenutzt.
Entlang des Sihlquais, auch ganz in der Nähe des Bahnhofs, sind verschiedene kleinere Industriegebäude zu finden. Eines von ihnen ist die frühere Maschinenfabrik und Mühlenbauanstalt der Firma Walther H. Gericke. Der Backsteinbau an der Ecke, wo die Hafnerstrasse in die Ausfallstrasse Sihlquai mündet, war nie auffällig, passte aber gut ins Quartier: zwei Geschosse, ein Satteldach und eine helle Klinkerfassade.
Einsatz für den Erhalt
Nachdem die bisherigen Mietenden ausgezogen waren, überlegte die Besitzerfamilie, wie sie das Gebäude zukünftig nutzen wollte – sie zogen sowohl die einfache Sanierung des Dachgeschosses, eine Totalsanierung mit möglicher Erweiterung des Bestands als auch einen Neubau an gleicher Stelle in Betracht. Zusammen mit dem Architekturbüro Graber Pulver, das bereits Räumlichkeiten im benachbarten Gewerbeturm nutzte, fanden sie eine bauliche Lösung, um das Gebäude zu erhalten.
Sie war in zwei Etappen umsetzbar und erwies sich für das Quartier als am verträglichsten: Zuerst kam die Totalsanierung von Erd- und Obergeschoss, womit die Etagen als Büroräume nutzbar wurden. Ab 2023 bauten sie auch das Dach neu auf und der historische Gewerbebau erhielt ein hohes Ateliergeschoss. Eine Dachterrasse dient als Pausen- und Aufenthaltsbereich für die Mitarbeitenden.
Weitere Beiträge zu Backsteinbauten finden Sie in unserem digitalen Dossier.
«Wir wollten bei beiden Umbauvorhaben unbedingt den Charakter des Hauses erhalten», erklären Thomas Pulver und Marco Graber. «Gleichzeitig sollten natürlich zeitgemäss nutzbare und funktionale Büroflächen entstehen, die auch auf einen veränderten Bedarf anpassbar sind.» Diesem Wunsch nach Markttauglichkeit entsprachen sie mit einer separaten Erschliessung über das der Bürozone vorgelagerte Treppenhaus. Sollte das Architekturbüro einmal weniger Platz benötigen, können ganze Geschosse getrennt genutzt werden.
Neuordnung des Grundrisses
Im Inneren sind alle Etagen ähnlich organisiert: Die Erschliessung, Nebenräume und geschlossene Sitzungszimmer besetzen die nordwestliche Gebäudeseite. Der Rest des Stockwerks ist als Grossraumbüro konzipiert. Glaswände sowie raumhohe Einbauschränke bilden zusammen mit den Betonstützen einen Mittelgang. Stirnseitig in Richtung Sihl liegen im Erd- und Dachgeschoss abgetrennte Besprechungsräume. Damit beim Lüften kein Strassenlärm ins Gebäude dringt, versorgt eine neue zentrale Lüftung die Büros mit Frischluft. Textile Markisen sorgen für ausreichenden Sonnenschutz. Da es keine Verbindung zum benachbarten Turmbau gibt, nutzt das Architekturbüro den südwestlich anschliessenden Riegel für weitere Besprechungsräume und die Modellbauwerkstätten.
Aufgesetzte Holzschatulle
Das neue Dachgeschoss haben Graber Pulver als leichten Holzbau aus vorgefertigten Elementen aufgesetzt. «Ursprünglich wollte die Bauherrschaft lediglich das Dachgeschoss sanieren. Entsprechend der aktuellen Bauvorschriften der Stadt sind Gauben jedoch nur auf einem Drittel der Fassadenlänge erlaubt», erklären die Architekten. «Kein Problem war hingegen, die Bewilligung für ein neues Vollgeschoss zu erhalten – an sich eine absurde Situation.»
Nach dem Abbruch des Satteldachs und der Freilegung der verbleibenden Mauerwerksteile setzten Graber Pulver die bereits gedämmten, aber noch fensterlosen Fassadenelemente auf die Holzbalken der beräumten Obergeschossdecke. Diese stehen bündig vor der gemauerten Brüstung und schliessen sich über die Etage zum Ring.
Im Bauprozess wurden etappenweise die mittigen Stützen gesetzt und über neue Dachbalken mit den Fassadenstützen zum Rahmen verbunden. Statisch orientiert sich der aufgesetzte Holzbau somit an der Struktur der unteren beiden Geschosse: In der Mitte, wo im Untergeschoss dicke Betonstützen stehen, sitzen in der Dachetage leicht bauchig geformte Stützen aus Fichtenholz, die über kleine Konsolen aus Buchenholz an die Dachbalken angebunden sind. Zwischen ihnen spannt eine Vollholzdecke aus Fichte, die den Raum leicht und hell abschliesst. Auf dem Dach befindet sich eine Terrasse, der grösste Teil der Fläche ist aber extensiv begrünt und mit PV-Modulen bestückt.
Ein aufgefrischtes Gesicht zur Stadt
So wie sich mit dem Umbau die Dachaufsicht verändert hat, liessen die Anpassungen im Inneren auch die Fassaden nicht unberührt. Die Umbauten aus den beiden Etappen haben den Charakter des Gebäudes gestärkt, weil die Architekten darauf achteten, ablesbare Strukturen sensibel fortzuführen. Die Schaufenster an der Giebelseite und der Gebäudeecke, die die beiden Architekten als Einbau aus den 1970er-Jahren verorten, dienten zuletzt als Ausstellungsfläche. Heute befindet sich dahinter ein Besprechungsraum, der direkt über das Treppenhaus erreicht werden kann und von dem aus man den Strassenzug und das andere Flussufer sehen kann.
Doch auch wenn das nachträglich eingebaute Schaufenster bewahrt wurde, wirkt die Fassade des 1894 als Maschinenfabrik und Mühlenbauanstalt errichteten Backsteingebäudes nach der Transformation strukturierter als zuvor. Im Rahmen der ersten Sanierung 2016 entstand eine neue, aber am Bautyp des historischen Hauses inspirierte Front: Die Schaufenster blieben, sind aber seitdem von hellem Backstein eingefasst.
Vom Bestand bis in das neu aufgemauerte Erdgeschoss betonen nun Lisenen die Vertikale und formen die Fensternischen des Ursprungsbaus in Teilen nach. Auch im neuen Dachgeschoss führten die Architekten die Struktur der Fassade weiter, indem sie die bestehende Gliederung aus Stützen mit dazwischenliegenden Feldern übernahmen.
Erinnerung, Materialtreue und funktionale Notwendigkeit
Das Projekt ist ein Plädoyer für das Weiterbauen und gegen die Abrissmentalität in der wachsenden Stadt. Verdichtung im Bestand kann quartiersverträglich gelingen, wenn trotz aller Anforderungen dennoch das «Wesen» des Gebäudes bewahrt wird. Die vorgestellte Transformation ist mehr als nur die Aufstockung eines Bestandsbaus und besonders auf die langfristige Nutzbarkeit des Gebäudes ausgerichtet.
Dank der freien Gestaltung der Grundrisse kann künftigen, sich ändernden Bedürfnissen Rechnung getragen werden. Diese strukturelle Weitsicht macht die umgebaute Mühlenbauanstalt zu einem zukunftssicheren Modell für adaptives Bauen, das auf die Lebenszyklen des Gebäudes und die unvorhersehbaren Anforderungen des Markts vorbereitet ist – und gleichzeitig die Geschichte des Orts weitererzählt.
Dieser Artikel ist erschienen in TEC21 23/2025 «Harte Schale, weicher Kern».
Umbau Mühlenbauanstalt, Zürich
Vergabeform
Direktauftrag
Bauherrschaft
Familien Gericke und Trautvetter
Architektur
Graber Pulver Architekt:innen, Zürich
Tragwerksplanung Umbau
Weber + Brönnimann, Bern
Tragwerks- und Brandschutzplanung Aufstockung
Timbatec Holzbauingenieure Schweiz, Zürich
HLKS- und Elektroplanung
3-Plan Haustechnik, Winterthur
Baukosten (BKP 2)
Fr. 2.6 Mio.
Fertigstellung
2025