Tea­tro dell’ar­chi­tet­tu­ra: An den Rän­dern Raum

Mit der Einweihung des Teatro dell’architettura in Mendrisio erhielt das Tessin ein erstes grosses Ausstellungszentrum für Baukultur und verwandte Bereiche. Ein Jahr danach ziehen die beiden Hauptverantwortlichen, Mario Botta und Marco Della Torre, Bilanz.

 

Publikationsdatum
05-11-2019

espazium.ch sprach mit Mario Botta, Architekt des Projekts und künstlerischer Leiter des Teatro, und Marco Della Torre, Koordinator der Geschäftsleitung der Accademia und Verantwortlicher für die Ausstellungen.

espazium.ch: Wie und zu welchem Zweck ist das Teatro entstanden?

Mario Botta: Es war ein alter Traum von uns. Als wir die Accademia konzipierten, stellten wir uns vor, dass sie dereinst auch über einen Ort verfügen würde, an dem Forschungsarbeiten der dort tätigen Personen gezeigt werden können. Dann bauten wir die Schule auf, die ihre Legitimation – das ist wichtig zu erwähnen – in der regionalen Geschichte findet. Der ehemalige Bundespräsident Couchepin hat einmal zu mir gesagt: «Welchen Sinn hätte es, im Wallis eine Schule für Architektur zu bauen? Keinen, weil der Background fehlt. Ihr hingegen habt einen.» Der Erfolg der Accademia entsteht in der Ferne, man weiss überall auf der Welt, wer Borromini, Le Corbusier, die Maestri Comacini sind: Die Schule ist ideell eine Fortsetzung dieses baukulturellen Wissens.

Als die Accademia (wir tauften sie so, um uns von den Eidgenössisch Technischen Hochschulen in Zürich und Lausanne abzugrenzen) so weit konsolidiert war, hatte ich den Eindruck, dass der anfängliche Schwung ein wenig erlahmte. Aus objektiven Gründen: Um der Accademia zu Sichtbarkeit und zu internationalem Format zu verhelfen, müssen wir für Gleichwertigkeit mit anderen Schulen auf der Welt sorgen, und Studienprogramme führen unweigerlich zu einer Nivellierung von Kultur und architektonischem Wissen, vielleicht auch auf einem höherem Level, aber jedenfalls zu einer Nivellierung. Austausch ist sicher wertvoll, aber wir haben dadurch auch einen Teil unserer Identität verloren.

Hinter dem Teatro – der Name lehnt sich an die anatomischen Theater an (hier die Studierenden und dort die Patientin, die Architektur, die untersucht werden muss) – steckt also folgender Gedanke: Wir schaffen einen Ort, der sich nicht um Gleichwertigkeit mit anderen Schulen zu kümmern braucht, der unabhängig von der Berufsausbildung ist. Wir wollten, dass sich Dozenten und Studierenden der Accademia dort über ihre Forschungen austauschen können. In Zukunft wird das Teatro vielleicht auch über einen eigenen Verlag verfügen und eine Reihe von Initiativen mitgestalten, von Tagungen über Forschungen bis hin zu Ausstellungen und Performances. Kurz und gut, es ist ein Arbeitsinstrument für die Schule, es können beispielsweise auch sehr grosse Modelle darin ausgestellt werden.

Marco Della Torre: Neben den Ausstellungsräumen in den oberen Stockwerken gibt es im Untergeschoss auch ein wunderschönes Auditorium und darum herum ein Foyer, in dem wir kleinere Ausstellungen einrichten. Der Raum ist äusserst vielseitig.

espazium.ch: Die erste Ausstellung, Louis Kahn e Venezia, war eine Art Erklärung der Poetik: Kahn gehört zu den Meistern, die Sie, Mario Botta, wie Sie selbst sagen, beeinflusst haben.

Mario Botta: Natürlich haben wir alle unsere Wahlverwandtschaften und unsere eigene Poetik.

Marco Della Torre: Es hat aber auch mit Bedeutung zu tun: Kahn ist ein Gigant der Architektur, der in Vergessenheit geraten ist. Eine andere Ausstellung, die noch in unserer Galerie gezeigt wurde, bevor es das Teatro gab, war Mangiarotti gewidmet – auch er eine überaus wichtige, aber vergessene Figur. Nach den Achtzigerjahren mit ihrer Revision der Moderne und den neohistoristischen Abwegen gingen diese hervorragenden Architekten im Topf der Postmoderne völlig verloren.

Mario Botta: Die Konsumgesellschaft wirft auch Architekten weg …

Marco Della Torre: Das Kuratieren eines Ausstellungsorts bietet einer Architekturschule eine, würde ich sagen, fast einzigartige Gelegenheit: So können in dieser lärmenden Welt grundlegende Werte wieder ins Licht gerückt werden. Auch die Conzett-Ausstellung, brachte darüber hinaus Werte zum Ausdruck: Ihr Verhältnis sowohl zur grossen Tradition der schweizerischen Ingenieurbaukunst im Verkehrswesen …

Mario Botta: Maillart docet!

Marco Della Torre: … als auch zur Landschaft ist sehr interessant. Unsererseits haben wir, unter der Leitung von Mario Botta, der Kultur und der Landschaftsforschung an der Accademia vor einigen Jahren einen starken Impuls gegeben, als wir João Nunes, Gomes da Silva und Michael Jakob hierher beriefen.

espazium.ch: Mit Conzett und seinem «persönlichen Inventar» Landscape and Structures (so der Titel der Ausstellung) stellen Sie etwas ganz anderes vor als bei der Schau über Kahn: Statt um Architektur geht es um Ingenieurbaukunst, der Blick ist diesmal nicht retrospektiv, sondern auf das Heute gerichtet, und im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die Schweizer Realität.

Mario Botta: Conzett, ein hervorragender Professor, unterrichtet bei uns an der Accademia und setzt im Bereich des konstruktiven Ingenieurbaus eine grosse Schweizer Tradition fort. Es schien uns wichtig, auf ihn hinzuweisen. Wir haben die Ausstellung nicht selbst kuratiert, es handelt sich um eine Wanderausstellung, die bei uns haltmacht.

espazium.ch: Werden auch die künftigen Ausstellungen ganz unterschiedliche Ansätze haben?

Mario Botta: Die nächste Ausstellung wird einem belgischen Künstler gewidmet sein, Koen Vanmechelen, der scheinbar an den Rändern der Kunst arbeitet, mit Hühnern.

Marco Della Torre: Ja, mit der Kreuzung von Tieren.

Mario Botta: Es ist sehr interessant, weil er an den Grenzen der Disziplinen arbeitet. Den Einführungstext schreibt ein Professor für Biologie, der am Institut für biomedizinische Forschung in Bellinzona tätig ist. Das ganze Projekt des Teatro stützt sich eigentlich auf die Beobachtung, dass die Disziplinen heute vor allem an den Rändern aufeinanderstossen: Nicht innerhalb der Disziplin Biologie, sondern an deren Rändern, nicht im Bauen, sondern dort, wo man über Architektur nachdenkt … Dasselbe gilt auch für die Philosophie, die Wirtschaft. Kurz und gut, ich habe den Eindruck, dass man an den Rändern der verschiedenen Disziplinen die Organisation des menschlichen Lebensraums beobachten kann. Und wir arbeiten mit Leuten zusammen, die etwas über diesen Raum zu sagen haben.

Marco Della Torre: Ausserdem bereiten wir eine Ausstellung über unveröffentlichte Zeichnungen des jungen Le Corbusier vor, aus der Zeit, bevor er die Schweiz in Richtung Frankreich verliess. Er war praktisch im Alter unserer Studierenden.

espazium.ch: Planen Sie auch Ausstellungen über Tessiner Architektur?

Mario Botta: Nein, die Tessiner Architektur muss sich darauf beschränken, diesen Raum zu bespielen, er ist aber nicht dazu da, einem so überschaubaren Gebiet Sichtbarkeit zu verschaffen. Das wäre meiner Meinung nach ein Fehler. Die Accademia ist nicht als Schule für das Tessin entstanden: Sie ist nicht die Supsi, die als Berufsschule den Auftrag hat, Akteure im Bereich der Architektur auszubilden. Nein, wir haben andere Ziele, wir haben Studierende aus 44 Ländern – das sagt schon alles aus. Warum kommen sie hierher? Bestimmt nicht, weil wir Tessiner sind.

Marco Della Torre: Na ja, vielleicht auch ein bisschen deswegen …

espazium.ch: Das Teatro und die Accademia: Welche Wechselbeziehung besteht zwischen dem Ausstellungs- und dem Ausbildungsprogramm?

Mario Botta: Das Teatro ist entstanden, weil es die Accademia gibt, und das ist einerseits ein Glück und andererseits ein Nachteil. Ein Glück deswegen, weil wir ein eigenes Publikum haben, nämlich unsere Studierenden und das Umfeld der Accademia: Wir müssen nichts Spektakuläres aufziehen, um Publikum anzuziehen. Aber gerade weil wir ein Instrument der Accademia sind, fehlt uns die Signalwirkung einer Venezianer Biennale oder einer Mailänder Triennale. Wir versuchen daher, nur wenig, aber dieses Wenige gut zu machen, und die kritischen Reflexionen, die diese Ausstellungen mit sich bringen, etwa mit Katalogen zu dokumentieren. Dieses Ziel ist ambitioniert, aber, so glaube ich, erreichbar, auch dank dem Potenzial der Professoren, die wir hier haben.

Aber nun geht es darum, die nötigen Ressourcen zu finden, damit das Teatro aufblüht. Entweder wird es zu einem Ausstellungsraum der Accademia – aber das wäre meiner Meinung nach ein Fehler, weil die Fluktuation dann viel schneller und vielleicht weniger ambitioniert erfolgen müsste –, oder es markiert eine historische Region, wird zu einem Gedächtnis für architekturbezogene Forschung, und dann ist seine Existenz sinnvoll.

espazium.ch: Sie haben von Ressourcen gesprochen: Wie sieht es beim Teatro finanziell aus?

Mario Botta: Es gibt eine Stiftung, die wir gegründet haben, weil die Schule das Teatro nicht allein tragen könnte. Die Stiftung wird also Geld suchen. Die grosse Abwesende ist (in Tat und Wahrheit) die Schweiz … Ökonomisch gesehen ist sie präsent, sie gewährt universitäre Unterstützung nach dem Giesskannenprinzip: überall ein bisschen, ohne wahre Auswahl. Die Schweiz braucht aber dieses Mediterrane, diese lateinische Kultur, diese humanistische Welt, die ihre Kraft auch aus der italienischen Renaissancekultur bezieht!

Und noch etwas: 1965, ein Jahr bevor er starb, traf ich Alberto Giacometti in seinem Atelier in Paris. Er sagte: «Le pauvre, tu es Suisse aussi, tu devras tout faire tout seul.» Das war mein prophetisches Gespräch mit Alberto Giacometti. Bis zu seinem Tod hat ihm die Schweiz nicht einmal eine Lithografie abgekauft. Danach haben sie sich seine Werke in Amerika beschafft. Damit will ich sagen: Die Schweiz ist unaufmerksam, sehr unaufmerksam!

Marco Della Torre: Andererseits, wenn man bedenkt, dass das Teatro erst im vergangenen Oktober eingeweiht wurde: Es ist erst ein einziges Semester vergangen, aber wir nehmen im Kanton bereits Interesse wahr. Wir veranstalten regelmässig Tage der offenen Tür, und allmählich nimmt die Besucherzahl zu, es kommen auch viele Gymnasien, ausserdem seit je die Technischen Hochschulen (Mailand und Turin) und die Supsi mit ihren Professoren. Wir verfügen auch über Kontakte zu anderen Wirkungsbereichen, etwa zum Vitra Design Museum, und wir werden nun auch mit verschiedenen Schweizer Architekturforen zusammenarbeiten.

espazium.ch: Sollen im Rahmen solcher Kooperationen auch baukulturliche Reflexionen vorangetrieben werden, die die Politik betreffen könnten?

Mario Botta: Ja. Vor Kurzem waren beispielsweise Vertreter der im Architekturrat der Schweiz zusammengeschlossenen Schweizer Architekturschulen hier. Die Maschinerie muss in die Gänge kommen – das Gefäss ist da, die Inhalte werden folgen.

espazium.ch: Das Teatro profitiert von seiner Position im Ensemble der Accademia, das auch die Fachbibliothek und das Archiv der Moderne umfasst.

Marco Della Torre: Was das Archiv betrifft, befinden wir uns derzeit in einer schwierigen Transformationsphase: Es soll von der Università della Svizzera italiana zurückgekauft werden, aber solche Prozesse brauchen Zeit. Aber natürlich stellt auch dies eine Ressource dar, und so gesehen ist die Accademia nun komplett: Sie verfügt über eine sensationelle Bibliothek, ein Archiv und das Teatro. Was möchte man mehr, auch als Student?

Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Sauser.

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