Ver­dich­tung geht auch sanft

Die dominierende Praxis der Verdichtung durch Ersatzneubauten ist weder ökologisch noch sozial nachhaltig. Alternativen zu Abriss und Neubau finden in der Stadtpolitik und -planung jedoch nur wenig Beachtung. Das soll das Forschungsprojekt «Sanfte Verdichtung statt Ersatzneubau» ändern.

Publikationsdatum
06-12-2025
Alina Bärnthaler
Doktorandin in der Forschungsgruppe Raumentwicklung und Stadtpolitik an der ETH Zürich
David Kaufmann
Assistenzprofessor für Raumentwicklung und Stadtpolitik an der ETH Zürich, stellvertretender Vorsteher des Instituts für Raum- und Landschaftsentwicklung

Politik und Planung stehen vor grossen Herausforderungen: Zum einen ist der Gebäudesektor für mehr als ein Drittel der globalen CO2-Emissionen und des Energiebedarfs verantwortlich und somit ein zentraler Hebel zur Emissionsreduktion. Zum anderen steigen die Wohnkosten in vielen Städten und es braucht Massnahmen, die den Zugang zu bezahlbarem und angemessenem Wohnraum für eine wachsende und diverse Stadtbevölkerung sicherstellen. Wie kann diesen Herausforderungen gemeinsam begegnet werden?

Sowohl die Schweizer Raumplanung als auch viele Städte weltweit setzen auf die Siedlungsentwicklung «nach innen», um die Flächeninanspruchnahme durch das Bauen zu begrenzen und kompakte Siedlungsstrukturen zu schaffen. 

Durch eine effizientere Nutzung der knappen und nicht vermehrbaren Ressource Boden soll Wohnraum entstehen, ohne neue Flächen zu versiegeln. So soll ein zentraler Beitrag zur Reduktion des Ressourcenverbrauchs geleistet werden – zumindest in der Theorie.

In der Praxis steht die Umsetzung der baulichen Verdichtung jedoch im Widerspruch zu den ökologischen Nachhaltigkeitszielen. Die bauliche Verdichtung durch Ersatzneubauten ist mit hohen grauen Emissionen verbunden, die mit der Herstellung, dem Transport, der Verarbeitung sowie der Entsorgung von Baumaterialien in Verbindung stehen. Die Reduktion dieser grauen Emissionen gewinnt zunehmend an Bedeutung für die gesamtheitliche Reduktion der Emissionen im Gebäudesektor.

Gleichzeitig werden durch den Abbruch und Neubau von Wohngebäuden die bisherigen Bewohnerinnen und Bewohner aus ihren Wohnungen verdrängt und kostengünstiger Wohnraum zerstört. Wie eine aktuelle Studie im Auftrag des Bundesamts für Wohnungswesen zeigt, trifft dies insbesondere einkommensschwache Haushalte und auf dem Wohnungsmarkt marginalisierte Gruppen wie Asylsuchende und Personen mit aussereuropäischem Geburtsland. 

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die Wohnraumversorgung sozialverträglich und ressourcenschonend gestaltet und wie ein solcher Paradigmenwechsel eingeleitet werden kann. 

Es gibt sanftere Formen der Verdichtung als Abbruch und Neubau. Sie stellen einen vielversprechenden Ansatz dar, um die sozialen und ökologischen Anforderungen an die (Wohn-)Raumentwicklung miteinander in Einklang zu bringen. 

Durch Umnutzungen, Aufstockungen und Anbauten bleiben bestehende Gebäude und somit kostengünstigerer Wohnraum erhalten, während zugleich neuer Wohnraum geschaffen und graue Emissionen reduziert werden. Bisher finden diese Massnahmen in Stadtpolitik und -planung jedoch nur wenig Beachtung. 

Hier setzt das NPF-81-Forschungsprojekt «Sanfte Verdichtung statt Ersatzneubau» an: Am Beispiel von vier Schweizer Städten untersucht das Projekt, wie sanfte Massnahmen der Verdichtung baulich, planerisch und unter Einbezug der Bevölkerung umgesetzt werden können. 

Denn es zeigt sich deutlich: Die öffentliche Akzeptanz der Siedlungsentwicklung nach innen steigt, wenn soziale und ökologische Faktoren mit berücksichtigt werden. Die Herausforderungen der Emissionsreduktion und Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum können nicht isoliert betrachtet, sondern müssen zusammengedacht werden. 

Das Nationale Forschungsprogramm «Baukultur» (NFP 81) des Schweizerischen Nationalfonds umfasst 13 Forschungsprojekte. 

 

Die Ausschreibung erfolgte 2023, die Auswahl der Projekte 2024 und seit Anfang 2025 läuft die Forschungsphase, die über einen Zeitraum von fünf Jahren bis 2030 erfolgt. 

 

Die Leitungsgruppe des NFP 81 setzt sich aus zehn Expertinnen und Experten aus dem In- und Ausland zusammen und wird von Prof. Paola Viganò von der EPFL präsidiert.

 

www.nfp81.ch

Tags

Verwandte Beiträge