Transformation auf Augenhöhe
Bisher unsichtbare Qualitäten aufspüren: Ein Forschungsprojekt der Berner Fachhochschule nutzt die Methode der «Cultural Probes», um subjektive Wahrnehmungen mit fachlichem Wissen zu verknüpfen. Dies soll zu mehr Wertschätzung des Baubestands führen.
Vesin, ein kleines Bauerndorf im Kanton Freiburg, an der Schwelle zwischen Ebene und Plateau, liegt eingebettet in eine intakte Kulturlandschaft. Von Süden her zeigt sich das Dorf als harmonische Silhouette – Fassadenreihen säumen die Hauptstrasse, eine alte Linde markiert die Ortsmitte.
Trotz mancher baulicher Veränderungen bewahrt Vesin eine authentische Ländlichkeit. Doch wie lassen sich jenseits des Ortsbildschutzes die gelebten Werte einer Gemeinde erfassen? Und wie könnte dadurch nicht nur der Bestand erhalten bleiben, sondern auch zukunftsfähig weitergedacht werden?
Das Forschungsprojekt «Baukultur gestalten: wertebasiert und partizipativ» im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Baukultur» (NFP 81) untersucht, wie individuelle und kollektive Wertvorstellungen in die Beurteilung des Baubstands einfliessen können. Bestehende Gebäude sind Träger von Geschichten, Erinnerungen und Identitäten – und gleichzeitig Ressourcen für eine nachhaltige Zukunft.
Das Projekt versteht Baukultur, wie sie in der Davos Declaration (2018) und in der Strategie Baukultur des Bundes (2020) definiert ist, als Schlüssel für eine ganzheitliche, qualitätsvolle Transformation der gebauten Umwelt. Diese Transformation kann nur gelingen, wenn Menschen befähigt werden, sich wieder mit ihren Orten zu verbinden und aktiv zu ihrer Entwicklung beizutragen.
An diesem Punkt setzt die partizipative Methode der Cultural Probes an. Mithilfe von gestalterischen Werkzeugen wie Karten, Zeichnungen oder Fotografien sollen die Menschen vor Ort animiert werden, ihre persönlichen Perspektiven auf Gebäude und Orte zu teilen. So entsteht ein vielschichtiges Bild davon, was Orte wie Vesin für ihre Bewohnenden ausmacht.
Sie werden als Expertinnen und Experten ihres eigenen Alltags anerkannt, wodurch sie auf Augenhöhe in Entscheidungsprozesse miteinbezogen werden können. Bisherige Bewertungsmethoden fokussieren vor allem auf materielle Ressourcen, Energieverbrauch oder historische Bedeutung, während emotionale, soziale und alltägliche Werte meist nicht berücksichtigt werden. Die Cultural Probes hingegen regen zur Reflexion an und machen Qualitäten sichtbar, die im Planungsalltag oft unsichtbar bleiben.
Derzeit erprobt das Projektteam der Berner Fachhochschule unter Leitung von Nina Mekacher in mehreren Fallstudien diesen Citizen-Science-Ansatz, bei dem Bewohnende und Fachpersonen gemeinsam an der Einschätzung und Aktivierung des baulichen Potenzials beteiligt werden.
In Zusammenarbeit mit dem Kanton Freiburg und dem Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein (SIA) wird zudem geprüft, wie bestehende Richtlinien – etwa die technische Spezifikation SIA 2017 Erhaltungswert von Bauwerken – zu einem neuen Standard weiterentwickelt werden könnten.
Ziel ist es, partizipative und wertbasierte Verfahren künftig als selbstverständlich in Bewertungsgrundlagen, Normen und in der Lehre zu verankern. Damit soll der Umgang mit Bestandsbauten nicht nur technisch und ökonomisch, sondern auch kulturell fundiert erfolgen.
Indem subjektive Wahrnehmungen mit fachlichem Wissen verknüpft werden, entsteht ein neues Verständnis von Baukultur – nicht als statisches Bewahren, sondern als gemeinsames Weiterdenken und Aushandeln von Bedeutung.
Das Nationale Forschungsprogramm «Baukultur» (NFP 81) des Schweizerischen Nationalfonds umfasst 13 Forschungsprojekte.
Die Ausschreibung erfolgte 2023, die Auswahl der Projekte 2024 und seit Anfang 2025 läuft die Forschungsphase, die über einen Zeitraum von fünf Jahren bis 2030 erfolgt.
Die Leitungsgruppe des NFP 81 setzt sich aus zehn Expertinnen und Experten aus dem In- und Ausland zusammen und wird von Prof. Paola Viganò von der EPFL präsidiert.