Am sel­ben Ort wie­der­ver­wen­det

Kreislaufwirtschaft auf der eigenen Baustelle: Beim Bocciodromo in Quartino verfolgten Planende und Bauherrschaft das Ziel, die vorhandene Bausubstanz wo immer möglich wiederzuverwenden. Sie bauten überflüssige Elemente zurück und setzten sie an anderen Orten im Projekt wieder ein.

Publikationsdatum
22-01-2026

Im Kontext der Kreislaufwirtschaft stehen die «9 R» für refuse (Abfall vermeiden), reduce (reduzieren), reuse (wiederverwenden), recycle (rezyklieren), repair (reparieren), rethink (überdenken), recover (wiedergewinnen), repurpose (umfunktionieren) und remanufacture (wiederaufbereiten). Die Instandsetzung des Bocciodromo folgt diesen neun Strategien, reduziert damit den ökologischen Fussabdruck und bewahrt die historische Substanz.

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Der Komplex besteht aus drei Bauwerken: einem zweigeschossigen Einfamilienhaus, einer Stahlhalle und einem Natursteinbau aus dem frühen 20. Jahrhundert, der ein Restaurant und eine Wohnung beherbergt. Die Halle wurde anfangs als Bocciodromo, also als Boccia-Halle, errichtet und später in ein Restaurant umgewandelt (1970–1990).

Tragende Elemente wiederverwendet und verstärkt

Das Instandsetzungskonzept zielte darauf ab, die ursprüngliche Nutzung der Gebäude wiederherzustellen. Eine vorgängige Untersuchung hatte gezeigt, dass fast alle Bauelemente ein erhebliches Tragpotenzial besassen, somit konnten die Bauingenieurinnen Cristina Zanini Barzaghi und Valeria Gozzi das bestehende statische System beibehalten. Das ermöglichte ihnen, die Elemente der Tragkonstruktionen entweder zu erhalten, zu verstärken oder wiederzuverwenden.

Wo der Tragwiderstand nicht ausreichte, wurde verstärkt: Die Stahlhalle wies ein Defizit bei den Fachwerkträgern auf, die die Schneelast aufnehmen sollten. Als Ausgleich wurde das Gewicht der Dachkonstruktion reduziert, indem man die Dachpfetten demontierte und die Hauptträger punktuell verstärkte. Ausgesteift wurde die Halle mit justierbaren Stahlseilen in den Wänden und der Dachebene. Um das Gebäude für internationale Wettkämpfe tauglich zu machen, verlängerte man es auf die Standardspielfeldgrösse – unter Wiederverwendung der ausgebauten Dachpfetten.

Kreislaufwirtschaft als Planungsprinzip

Wo die Wiederverwendung nicht möglich war, kamen Rückbauelemente anderer Baustellen zum Einsatz. Dieser konsequente Kreislaufwirtschaftsansatz erforderte jedoch eine grundlegende Anpassung seitens Planenden und Bauherrschaft: Die zulässige Nutzlast einiger Bauteile wurde in der Nutzungsvereinbarung reduziert. Eine gut überlegte Entscheidung, die keine Einschränkung bedeutete, da das Tragwerk ohnehin nicht mehr Lasten aufzunehmen hatte.

Dieser Artikel ist erschienen in espazium magazin 02/2026 «Was macht das Tessin anders?». Der Originalartikel «9R, vom Abfall zum Recycling» erschien zuerst in «Schweizer Ingenieurbaukunst 2023-2025» und wurde von Celementine Hegner-van Rooden ins Deutsche übersetzt.

Neuer Bocciodromo mit Gasthaus, Quartino TI


Bauherrschaft

Stabio Life, Stabio

 

Bauingenieurwesen 

Zanini Gozzi, Paradiso

 

Architektur und Bauleitung

Martinelli e Rossi, Mendrisio

 

HLKS- und Elektroplanung

Ifec Ingegneria, Rivera

 

Daten 

Ausführung 2023–2025

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