«Dem Tes­sin feh­len In­itia­to­ren»

Interview

Wie steht es um die aktuelle Bautätigkeit im Tessin? Wir befragten Andrea Streit, den Leiter für Umwelt und Infrastruktur in Mendrisio; er war im Juli 2025 nach 16 Jahren in der Deutschschweiz in seinen Heimatkanton zurückgekehrt. Im Gespräch erörtert er die Unterschiede zwischen den beiden Regionen.

Publikationsdatum
22-01-2026

Herr Streit, Sie sind nach vielen Jahren in der Deutschschweiz zurück im Tessin. Worin sehen Sie die Unterschiede zwischen den Regionen hinsichtlich Architektur und Städtebau?

Andrea Streit: Im Tessin sind die Projekte meist kleiner als in der Deutschschweiz. Und es fehlt die Kultur der Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Institutionen und privaten Bauherrschaften. Es gibt zwar Vorgaben von den Gemeinden und vom Kanton, aber keinen Austausch der Bauherrschaften mit den Behörden und somit keinen Spielraum.

Woran liegt das?

Die zerstreute Bebauungsstruktur erschwert grosse Projekte, die für institutionelle Anleger interessant wären. Dadurch sind auch umfängliche städtebauliche Analysen eine Seltenheit. Das ist eine verpasste Chance, weil Qualität und Nachhaltigkeit genau so entstehen, besonders im sozioökonomischen Kontext.

Wie steht es um die Wettbewerbskultur im Tessin? Werden gleich viele Wettbewerbe ausgeschrieben wie in der Deutschschweiz?

Im öffentlichen Bereich ja – da gibt es verhältnismässig gleich viele Wettbewerbe. Bei privaten Bauherrschaften sieht es anders aus: Die zusätzlichen Kosten für einen Wettbewerb will und kann niemand stemmen. Hinzu kommt: Es ist bis jetzt einfach nicht üblich, Wettbewerbe auszuschreiben, darum macht es auch niemand.

Wobei es durchaus einzelne Leuchtturmprojekte gibt.

Ja, zum Beispiel die Banca Raiffeisen Colline del Ceresio, ein neues Gebäude der Raiffeisen, entworfen von celoria Architects aus Balerna (vgl. Abb.). Sie gewannen 2018 den Wettbewerb und erstellten das Gebäude 2021 nach den Kriterien der Minergie-Eco- und SNBS-Zertifizierung. Solche Projekte geben auch anderen Bauherrschaften Antrieb, mehr Wettbewerbe auszuschreiben. 

Welchen Einfluss haben Grenzgängerinnen aus Italien?

Die vielen Grenzgänger, die aktuell ein Drittel der Tessiner Arbeitskräfte ausmachen, verursachen ein starkes Lohn­dumping. Das ist mit ein Grund, weshalb wenig Geld bei Privaten vorhanden ist, um in Immobilien zu investieren. 

Auch in den Statistiken spiegelt sich das wider: 63 % der Gebäude im Tessin wurden vor den 1970er-Jahren gebaut. Im Vergleich dazu liegt der Schweizer Durchschnitt bei 50 %.1 Oftmals gehören die Gebäude älteren Personen und Erbengemeinschaften, denen schlicht die Mittel fehlen, um ihre Häuser zu sanieren.

« Die Nachfrage nach Wohnbaugenossenschaften ist da. »

 

Das führt uns direkt zum nächsten Thema: Neben der Überalterung des Immobilienparks geht auch die demografische Entwicklung in diese Richtung. Gibt es Projekte, die der zunehmenden Überalterung im Tessin Rechnung tragen?

Ja, zwei gute Beispiele sind das Mehrgenerationen-Quartier der Stiftung Parco San Rocco in Morbio Inferiore (vgl. Abb.) und die Mehrgenerationenresidenz PerSempre in Locarno. Das sind Projekte, bei denen altersgerechtes Wohnen mit anderen Nutzungen kombiniert wird.

Diese zwei Projekte funktionieren ähnlich wie das Quartiere intergenerazionale in Coldrerio: Altersgerechte Wohnungen sind kombiniert mit einer Mehrzweckhalle für Schülerinnen und Schüler.

Ja, genau. Oder zusammen mit einem Park oder einer KITA. Tagsüber funktioniert die Altersdurchmischung gut, am Abend aber nicht. Ich würde mir Projekte wünschen, die auch Wert auf die Altersdurchmischung beim Wohnen legen, also wo jüngere Leute, Paare, Familien und ältere Leute zusammenwohnen und am Abend Nutzungen wie Bars oder Theater das Quartier beleben.

Was braucht es für solche Projekte?

Im Tessin fehlen vor allem Initiatoren. Die etablierten Genossenschaften sind noch aus einer vergangenen Zeit. Beispielsweise gründeten grössere Konzerne wie die SBB Genossenschaften, um Familienhäuser für ihre Angestellten zu bauen. Aber die Kreativität, wie sie Genossenschaften aus Genf, Lausanne, Bern, Basel oder Zürich haben, fehlt hier noch.

Sie meinen also, für funktionierende generationsübergreifende Bauprojekte bräuchte es Wohnbaugenossenschaften?

Ja. Private Investorinnen initiieren solche Projekte nicht, da sie zu wenig Rendite abwerfen. Die Initiative müsste von Gemeinden, Stiftungen oder Genossenschaften kommen. Eigentlich hat die Tessiner Bevölkerung mit ihrer zwischenmenschlichen Offenheit die besten Voraussetzungen, denn genau die braucht es für solche Projekte!

Aber es gibt schon erste innovative Projekte, oder?

Richtig. Im Sommer 2024 hat eine Gruppe junger Einwohnerinnen von Locarno, unter anderem auch das Architekturduo Giulia Augugliaro und Hermes Killer, mit der Gründung der Wohnbaugenossenschaft Società cooperativa di abitazione Radice viel Aufsehen erregt (vgl. Abb.). Die Genossenschaft rückt Werte wie soziale und ökologische Nachhaltigkeit ins Zentrum. Ich bin zuversichtlich, dass es das bald vermehrt geben wird, denn die Genossenschaft Radice hat in eineinhalb Jahren schon 50 Mitglieder bekommen: Die Nachfrage ist also da.

Kommen wir von der sozialen Nachhaltigkeit zur ökologischen: Wie geht das Tessin mit Herausforderungen wie der Klimaerwärmung und Ressourcenknappheit um? 

Das grösste Problem ist die zunehmende Überhitzung und alles, was mit Wasser zu tun hat. Das ist die Wasserknappheit in starken Hitzeperioden, es sind aber auch die heftigen Regenfälle. Seit ich im Juli bei der Stadt Mendrisio angefangen habe, hatten wir schon zwei Mal so starke Regenfälle, dass grosse Schäden entstanden. Unsere Kanalisation ist mit den riesigen Mengen an Wasser, die dann anfallen, am Limit. Deshalb suchen wir nach Strategien, die Kanalisation zu entlasten. Eine der wichtigsten ist die der Schwammstadt, also möglichst viel Wasser zurückzuhalten und natürlich versickern zu lassen (vgl. Artikel «Vom Villengarten zum Stadtpark»).

Ist die Klimaanpassung auch bei privaten Bauherrschaften ein Thema?

Wir merken, dass sie langsam eine Sensibilität für dieses Thema entwickeln. Weil aber die Industrie noch nicht so weit ist, fehlen die entsprechenden Produkte. Beispielsweise wird Wärmedämmung nur für den Winter konzipiert, dabei ist Dämmung gegen Hitze im Sommer unterdessen wichtiger.

« Für Lehm sind die Wetterkonditionen im Tessin nicht ideal. »

 

Und wie steht es um die Biodiversität im Tessin?

Dank der vielen unversiegelten Flächen haben wir eine vergleichsweise hohe Biodiversität. Zusätzlich haben wir eine hohe Dichte an Naturschutzzonen; allein in Mendrisio gibt es fünf solcher Zonen.

Das grosse Problem sind bei uns gebietsfremde Arten: Wir investieren Millionen von Franken in deren Bekämpfung. Das sind einerseits Insekten, die unsere einheimischen verdrängen, aber auch Pflanzen. Etwa die Palmen, eigentlich ein Symbol für das Tessin, die sich in den Wäldern ausbreiten und den Nährboden für einheimische Bäume vernichten. (Zum Thema Biodiversität im Tessin vgl. Sonderheft Biodiversität im Siedlungsraum Nr. 1/2025).

Wie steht es um das Thema Ressourcenknappheit: Fördert das Tessin ressourcenschonendes Bauen?

Der Kanton fördert Leuchtturmprojekte in der Kreislaufwirtschaft, zurzeit sind mehrere Kantonsschulen in Planung, die spannende Ansätze erproben: modular, sehr kompakt und mit Möglichkeit zur Wiederverwendung aller Materialien. Eine davon ist das Liceo Cantonale in Bellinzona von Durisch + Nolli Architetti (vgl. Abb. oder Artikel «Am selben Ort wiederverwendet»). Bei privaten Bauherrschaften ist das altbekannte Dilemma aber wieder präsent: Der Wille ist zwar da, aber die Mittel und die Expertise fehlen.

Hingegen sei Bauen mit regenerativen Baustoffen im Tessin nicht verbreitet – stimmt das?

Ja, für Lehm etwa sind die Wetterkonditionen im Tessin nicht ideal. Der saure Regen und die extremen Niederschläge bauen das Material schneller ab. Das sieht man zum Beispiel an der Agrarschule in Mezzana: Nach wenigen Jahren gab es schon diverse Abnutzungserscheinungen.

Wie ist es mit Holz?

Eigentlich haben wir viele Wälder im Tessin, bauen aber trotzdem nicht viel in Holz. Aktuell exportieren wir den grössten Teil nach Italien und den Rest nutzen wir nicht einmal zum Heizen, sondern wir kompostieren ihn. Gemäss Kaskadennutzung sollten wir das Holz zuerst verbauen, danach möglichst oft wiederverwenden und am Schluss energetisch verwerten. Wir haben also noch sehr viel Potenzial.

« Was fehlt, ist die Verbindung ab Bahnhof zum Zielort, also die letzten zehn Kilometer. »

 

Das Auto ist im Tessin immer noch das bevorzugte Fortbewegungs­mittel. Wie ist der Ausbaustand des öffentlichen Verkehrsnetzes?

Die Topografie des Tessins macht die Erschliessung mit dem ÖV aufwendig. Zusätzlich weist die Bebauung eine sehr niedrige Dichte auf, vor allem in Sopraceneri, also der Region nördlich des Monte Ceneri. Zwischen den grösseren Städten haben wir unterdessen sehr gute ÖV-Verbindungen. Was fehlt, ist die Verbindung ab Bahnhof zum Zielort, also die letzten zehn Kilometer.

Durch die neuen Tunnelbauten hat sich in den letzten Jahren im Tessin viel getan (vgl. TEC21 33/2020 «Metrò Ticino»). Dank dem Ceneri-Basistunnel zwischen Bellinzona und Lugano dauert eine Zugfahrt heute 14 Minuten, früher waren es noch 23 Minuten.

Anmerkung

1Bundesamt für Statistik, Stand 31.12.2023

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