Soft Space – Auf­lö­sung der Gren­zen

Symposiumsbericht

Ausgehend von einem intensiveren Gebrauch des bestehenden Raums durch Verschieben, Öffnen und Trennen oder durch das Nutzen von spezifischen Einrichtungen für unterschiedliche Zwecke entsteht Verdichtung. Nicht nur eine kreativere Haltung der Gesellschaft, sondern auch die Verbreitung einer offenen Innenarchitektur unterstützt Mehrfachnutzungen. Dies ist ein wichtiges Ziel beim Nachdenken über ökonomische Räume.

Publikationsdatum
27-11-2019

Auf der Suche nach Strategien, die zu einem Mehrwert für die Nutzerinnen und Nutzer dieser Räume beitragen, hat eine Forschungsgruppe für Innenarchitektur an der Hochschule Luzern zusammen mit der Vereinigung der Schweizer Innenarchitekten/-architektinnen (vsi.asai.) ein Symposium veranstaltet. Zwei Tage lang bot das Neubad in Luzern – ursprünglich ein Schwimmbad, heute ein eigenwilliger Veranstaltungsort – eine Bühne für Architektinnen, Innenarchitekten, Zukunftsforscher, Künstlergruppen und Wissenschaftlerinnen, die von ihren Projekten in Kobe, Melbourne oder Moskau berichteten.

Sowohl als auch

Die Definition von Raum ist dehnbar. Büroräume werden zu Arbeitsbereichen und erstrecken sich in Flure und Treppenhäuser. Wohnräume lösen sich auf in Kuben mit verbindenden Wegen, die durch Aussenflächen führen. Multifunktionalität folgt nicht mehr nur der Idee von multifunktionalen Objekten, sondern multifunktionalen Nutzungen derselben Objekte, Räume und Freiflächen. Indem ein Raum viele Funktionen beherbergt, wird ein anderer Raum frei. Was am Tag eine Arztpraxis ist, kann nachts zur Galerie oder zum Club werden. Grenzen lösen sich auf – und das nicht nur im physischen Sinn: Auch digitale Darstellungen ermöglichen Bilder, die Vorstellungen von Veränderungen nahebringen. Ein mutiges «sowohl – als auch» löst das bisherige «entweder – oder» ab.

Grenzen werden durchlässig

In Japan ist der kreative Umgang mit kleinsten Wohnhäusern und Stadträumen Normalität. So haben Tato Architects in Kobe einen schmalen Fussweg aufgewertet, indem die angrenzende Bebauung erst im Obergeschoss ganz an die begleitende Grundstücksgrenze geht. Der Baukörper kragt über dem Weg aus und lagert auf einer schmalen Stütze. Der auf diese Weise dem öffentlichen Raum zugeschlagene Bereich wertet auch das neue Haus auf. In einem anderen Beispiel löst sich das Hausinnere, das sich mit geschlossenen Wänden von der Aussenwelt abgrenzt, vertikal auf: Es besteht nurmehr aus sich verschränkenden Ebenen, die mal ein Tisch, mal ein Podest, mal ein Bett sein können, je nachdem, wo die mobilen Treppenteile aufgestellt werden. Jeder Spalt zwischen zwei Flächen ist nutzbar, ohne unbedingt begehbar sein zu müssen.

Grosszügig bleiben derartige Wohnräume durch weite Blickbeziehungen und Fensteröffnungen, die nicht zum Hinaussehen, aber als Lichtfang funktionieren. Tato Architects verleihen manch kleinem Haus auch eine Weite, indem sie es so positionieren, dass lange Blickachsen auf die Grünflächen des Nachbarn entstehen. Die Planenden beziehen den Luftraum mit ein und verleihen ihm einen Wert.

Privates wird öffentlich

Von Bedeutung im Wohnbau ist die Diversität unserer Gesellschaft, die beispielsweise in Kopenhagen inzwischen 37 verschiedene Gruppierungen des Zusammenlebens kennt. Im Angebot der Entwickler hat diese Verästelung noch keine spürbare Resonanz. Die grosse Tendenz geht dahin, dass der private Raum zugunsten des öffentlichen Raums schrumpfen muss. Das setzt gleichzeitig ein starkes Einfühlungsvermögen in die Bedürfnisse der Nutzenden wie auch einen radikalen Mut voraus, um Gewohnheiten infrage zu stellen und sie gegebenenfalls über Bord zu werfen. Der eigentliche Aufwand liegt dabei in der Denkarbeit. Die räumlichen Schlussfolgerungen sollten keine Frage des Budgets, sondern mit einfachen Mitteln umsetzbar sein. Erst dann können Veränderungsprozesse in der ganzen Gesellschaft stattfinden.

Über den Tellerrand

Wie das Team von Kosmos Architects aus Moskau feststellt, gibt es interessante Räume im Überfluss – man muss nur den Blick auf die Stadt verändern, um sie zu entdecken. In der Schweiz finden sie sie zum Beispiel im tunnelartigen Kanal der Birs, der unter Basel hindurchläuft und den sie für ein Projekt als einen begrünten Weg für romantische Spaziergänge oder als trockene Passage an Regentagen imaginieren. Baulich wäre das ein überschaubarer Aufwand. Viel mehr Veränderungen bräuchten die gesetzlichen Vorlagen, die einem solchen Umnutzen vorausgehen müssen.

Potenzial zur höheren Effizienz von Räumen findet sich unter der Erde, im Luftraum, innerhalb und ausserhalb von Mauern. Diese Erkenntnis ist ein deutlicher Appell, bei der Betrachtung der gebauten Umwelt mehr Fantasie zu entwickeln, anstelle immer mehr Landschaften zu bebauen. Um eine Beweglichkeit zu erreichen, ist eine transdisziplinäre Zusammenarbeit über Länder- und Kulturgrenzen hinweg bereichernd. Durch prozesshaftes Vorgehen, das ungewöhnliche Räume aktiviert, das das Unfertige zulässt, und das auch scheitern kann, eröffnen sich in verschiedener Hinsicht neue Räume.

Nach «Naked Space» 2017 und «Soft Space» 2019 wäre eine Fortsetzung der konzentrierten Betrachtung zu den Entwicklungen im Umgang mit Raum wichtig – sie ist noch nicht gesichert.