Ein Dorf­platz ist auch ei­ne Büh­ne

Die Siedlung Maiengasse der Stadt Basel von Esch Sintzel Architekten spielt städtebauliche Besonderheiten zugunsten der Bewohner der unteren und mittleren Einkommensklasse aus. Die Qualität des Holzbaus zeichnet sich seit der Fertigstellung im Jahre 2018 durch die selbstverständliche Aneignung im Quartier ab.

Publikationsdatum
21-04-2022

Wie sieht ein Dorf in der Stadt aus? Diese Frage – nicht nur mit ihren architektonischen, sondern auch den sozialen Komponenten – leitete Esch Sintzel beim Entwurf der Basler Überbauung Maiengasse in einem dreiseitig von einem Blockrand umgebenen Hinterhof. Dort nutzten etwa ein Dutzend Leute einen Werkhof und einige Schuppen. Die Bauten bestanden vor allem aus Holz. Den Architekten gefiel diese Oase mit dem post­industriellen Charme, die Hinterhofidylle dieser kleinen Gemeinschaft, und sie wollten dieses städtebauliche Muster zu einem modernen Dorf uminterpretieren.

Doch das zeitgenössische Bild eines Dorfes in der Stadt musste gesucht werden. Als sie sich Gedanken über die Konstruktion machten, entstand so die Idee eines leichten, fast provisorisch wirkenden Baus, dessen ­Stimmung in Backstein oder Beton nicht hätte vermittelt werden können.

Blumen statt Wände am Trottoir

Die heutige Maiengasse liegt am Übergang zur Stadt­erweiterung Ende des 19. Jahrhunderts. Östlich von ihr befindet sich die Altstadt innerhalb der früheren Stadtmauer. Nach der Schleifung der Mauer entstanden grosse Strassenzüge, die zum Beispiel nach Frankreich führten, und ihnen entlang Blockränder, die das St. Johann-Quartier bis heute prägen.

Ungefähr dort, wo sich der Strassenzug der Maiengasse heute befindet, gab es frei stehende Häuser und stark durchgrünte Freiräume, die dem Ort einen anderen Charakter verliehen als jener der bis an die Trottoirlinie bebauten Blockränder ringsherum. Einige Gärten zeugen bis heute von dieser speziellen Situation, und auch der Name der Gasse, der auf eine Gärtnerei zurückgeht, in der Maien – das Mundartwort für Blumen – angepflanzt wurden.

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«Wir sahen in dieser Lage eine Chance, aus der starren, stark typologisierten Blockrandbebauung auszubrechen und eine andere Wohnform, ein anderes Zusammenleben zu finden», so Marco Rickenbacher, Partner von Esch Sintzel und Projektleiter der Maiengasse. Im einseitig offenen Blockrand positionierten sie den u-förmigen, mit drei Stockwerken relativ niedrigen Neubau.

Zwischen den beiden Flügeln öffnet sich zur Gasse hin ein Platz, der so zum Teil des Quartiers wird. Auf der Rückseite ist der Bau gegen den höheren Blockrand von einem Grüngürtel umgeben, was ihm eine zusätzliche räumliche Qualität verleiht. Grund für diesen Freiraum war das Baurecht, das vorschreibt, dass zwischen dem Blockrand und der Bebauung auf der Hofparzelle mindestens sechs Meter frei bleiben müssen.

Zuschauer und Schauspieler zugleich

Die Stadt Basel hatte bis zu dem Zeitpunkt wenig Wohnungsbauten erstellt – die Maiengasse war ein Pilotprojekt. Entstehen sollte zahlbarer Wohnraum für ein mittleres und unteres Lohnsegment – die Wohnungsnot war 2013 mit einem Leerstand von etwa 1 Prozent gross.

Bezahlbare Wohnungen konnten vor allem mit kleinen Grundrissen erreicht werden. Die Mindestbelegung besteht aus der Zimmerzahl minus eine Person. Die Stadt gab auch vor, dass eine 3 ½-Zimmer-Wohnung maximal 75 m2, eine Maisonette 95 m2 gross sein durfte.

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Für den offenen Wettbewerb im Jahre 2013 beschrieb die Soziologin Christina Schumacher von der FHNW die Zielgruppen: alte und junge Leute, Pärchen und grosse Familien, Leute mit Behinderungen – und sie schrieb auch von einem Mehrgenerationenhaus. Der Vorschlag von Esch Sintzel fiel entsprechend vielfältig aus. Die Wohnungen sind unterschiedlich angeordnet: zwei Längsriegel mit zwei- oder dreistöckigen Maison­etten, einige Grosswohnungen, die sich über die unteren spannen, Studios an den Ecken und zwischen den Flügeln der Kindergarten, der zum öffentlichen Charakter des Platzes beiträgt.

Der Beschrieb von Christina Schumacher war später eine Hilfe bei der Auswahl der 500 Bewerbungen auf die 55 Wohnungen, in denen heute 150 Leute leben. Es handelt sich also verglichen mit der vorherigen Situation – mit dem Dutzend Zwischennutzer des Werkhofs und der Schuppen – zwar nicht um eine räumliche, aber sicher um eine soziale Verdichtung.

Eine wichtige Rolle bei der Differenzierung des Öffentlichkeitsgrades spielen die erhöhten Podeste im Erdgeschoss der Wohnungen um den Platz. Sie sind etwas nach innen versetzt, und über sie kragt die Trag­struktur des darüberliegenden Geschosses aus. Diese Zonen sind privat, leiten aber eine räumlich offene Abstufung gegenüber dem Platz ein und ermöglichen es, ihn zu überblicken. Sie machen ihn für die Bewohner ein wenig zur Bühne – und der Besucher auf dem Platz wirft seinerseits einen Blick auf die individuell ausstaffierten Logen, die ebenso theatralische Qualitäten aufweisen.

Entsprechend sorgfältig sind die Details ausformuliert. Die CNC-gefrästen Stützen unter der Auskragung wandeln sich gegen oben vom Kreis zum ­Viereck. Es handelt sich immer um das gleiche Element, das aber um 90 Grad gedreht ist. Der Künstler Jürg Stäuble fertigte den Fries zwischen den Säulen und der Unterkante der Auskragung.

Traditionsreich und einfach

Eine klassische Tragstruktur wäre eine Vollholzdecke, 12 cm dick mit Beton belegt und einer Aufschüttung gewesen. Doch Esch Sintzel schwebte etwas Leichtes, Flüchtiges, etwas fast temporär Wirkendes vor. Sie fanden die Lösung in Dreischichtplatten, deren Schichten zwar verleimt sind, aber von einfachen Balken getragen werden. In den Innenräumen bilden sie eine klar ablesbare Struktur. Für die Verbindungen zu den Sekundärträgern schlug der Ingenieur Metallwinkel vor, doch nachgerechnet ergaben sich für die 2000 Balken tausende Winkel.

Es zeigte sich, dass CNC-gefräste Schwalbenschwänze die günstigste Lösung waren. Die Balken wurden per Kran von unten nach oben zusammengesetzt und die Platten darauf montiert. Die traditionelle Zimmermannsstruktur gab die Konstruktion vor; eigentlich hätte sich alles von selbst ergeben, so Rickenbacher. Im Achsabstand der Balken sind die Fenster im Rhythmus von 66 cm zueinander verschoben – je nach Wohnungsgrundriss.

Die ausführliche Version dieses Artikels ist erschienen in TEC21 12/2022 «Zusammenleben im Holzbau».

Architektur
Esch Sintzel Architekten, Zürich / Basel

 

Baumanagement
Büro Bauökonomie, Basel

 

Landschaftsarchitektur
Schmid Landschafts­architekten, Zürich

 

Bauingenieur
EBP Schweiz, Zürich

 

Haustechnik
Vadea, St. Gallen

 

Elektroingenieur
Edeco, Aesch

 

Bauphysik
BWS Bauphysik, Winterthur

 

Brandschutz
Bachofner, Frümsen

 

Holzbau
Husner Holzbau, Frick

 

Holzfassade
Dynasol, Buchs

 

Kunst
Jürg Stäuble, Basel

 

Farbkonzept
Andrea Burkhard, Basel

 

Energieversorgung
Fernwärme

 

Energiestandard
SIA-Effizienzpfad Energie (2040)

 

Herkunft
Holz CH, D, A

 

Auszeichnung
Prix Lignum Gold National und Gold Region Nord

 

Mieten
untersch. Bonusmodelle

 

Kosten BKP 1–9
keine Angaben

 

Geschossfläche (GF)
8472 m2

 

Bauvolumen (GV)
27 085 m3