SIA-Mas­ter­preis Ar­chi­tek­tur 2016: Ver­un­si­che­rung und neue Ba­lan­ce

Jährlich zeichnet der SIA die besten Architektur-Masterarbeiten der drei universitären Hochschulen aus. Die prämierten Entwürfe zeigen: Die Schulen registrieren die Unsicherheiten der Praxis und entwickeln als Reaktion unterschiedliche Haltungen, die auch in den Ergebnissen der Studierenden spürbar sind. 

Publikationsdatum
20-04-2017
Revision
25-04-2017

Ein Blick auf die wichtigsten internationalen Architekturpreise weckt den Eindruck, dass die «Mutter aller Künste» in einer Phase der Verunsicherung steckt: Ausgezeichnet wurden in der letzten Zeit so unterschiedliche, teilweise gegensätzliche Haltungen wie jene von Elemental, RCR Arquitectes, BIG, Rudy Ricciotti oder Grafton Architects. Die Digitalisierung der Architektur und die Anforderungen, die der Klimawandel an das Bauen stellt, verunsichern die Branche; ebenso die zunehmenden sozialen Unterschiede, sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene, und die Millionen von Menschen, die wegen geopolitischer Krisen emigrieren müssen. Traditionelle Referenzpunkte verlieren ihre Verbindlichkeit im Sog einer Konsumgesellschaft, in der Güter und Ideen rasch als überholt gelten. Auch der Gegensatz zwischen der globalen Illusion des «anything goes» und der lokalen Resignation, alles sei schon längst entschieden, wirkt destabilisierend.

Diese Situation hat einen direkten Einfluss auf die Art und Weise, wie Architektur gedacht und unterrichtet wird. Der Zusammenhang zwischen akademischer Welt und Berufspraxis ist nicht mehr so direkt und unmittelbar wie vor einigen Jahren, und er nimmt ungewohnte Formen an. Angesichts dieser neuen Perspektiven stellt sich die Frage: Welche Instrumente müssen sich angehende Architektinnen und Architekten aneignen, um den neuen, der Profession bisher unbekannten Realitäten gewachsen zu sein? Welche Methoden gilt es angehenden Architekturschaffenden zu vermitteln, die klassische architektonische Prinzipien wie Ordnung, Kohärenz und Schönheit beherrschen sollen, aber auch soziologische, ökonomische und politische Erkenntnisse umsetzen müssen?

Wie die Trägerinnen und Träger der grossen Architekturpreise stehen auch die Siegerprojekte des SIA-Masterpreises Architektur 2016 für unterschiedliche ideologische Strömungen, in diesem Fall jene der drei universitären Hochschulen, die einen Studiengang Architektur anbieten – möglicherweise als Reaktion auf die Spannung, die in der zeitgenössischen Praxis spürbar ist. Die zwölf Projekte zeugen von der konsequenten Haltung der Jurys und belegen exemplarisch die Antwort der jeweiligen Institution auf die erwähnte Verunsicherung und Destabilisierung.

Kult der Landschaft

An der Accademia di architettura di Mendrisio (AAM) beschäftigten sich die Studierenden unter der Leitung des Architekten und ehemaligen Direktors Valentin Bearth mit der Bündner Ortschaft St. Moritz. Alle drei prämierten Entwürfe schlagen Objekte vor, die Referenzen in der Landschaft bilden und diese letztlich sublimieren: vom Obser­vatorium, das einen vertikalen thematischen Spaziergang vorschlägt («St. Moritz Bad, osservatorio sul territorio»), über einen Hotel-Schule-Hybrid, dessen Typologie und Einteilung in öffentliche und private Räume ein subversives Spiel zwischen Dorf und Wald inszeniert («St. Moritz Bad, Hotel and cooking school between the city and the forest»), bis hin zur starken Geste einer öffentlichen Infrastruktur, die das Dorf St. Moritz mit dem See verbindet («St. Moritz, un’unica città»). Die Landschaft dient als Basis, als Ausgangspunkt einer Betrachtung, die den Lebensrahmen der Menschen erweitern und erneuern soll. Deshalb, und auch aufgrund der kon­struktiven Tradition der Tessiner Architektur, dienen die Struktur und die Landschaft als wichtigste Elemente bei der Zusammenstellung einer neuen Architektur.

Urbane Transformation

Die Studierenden der Ecole polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) absolvierten vorerst ein Semester, das ganz einer theoretischen Arbeit in schriftlicher Form gewidmet war, und wählten dann das ­Entwurfsthema für ihren Master frei. Was dabei auffällt, ist das gemeinsame Anliegen, das trotz allen formalen Unterschieden die Projekte prägt. Alle drei beschäftigen sich mit der Integration des Bestands in einen städtischen Kontext, der sozio­politischen Veränderungen unterworfen ist. Die spezifischen Themen umfassen dabei verlassene Gotteshäuser, die als Zentren für Migranten umgenutzt werden, einen Friedhof, der wegen des Wachstums der Stadt neuen Anforderungen genügen muss, und die mögliche Entwicklung und Transformation der Abtei Saint-André-le-Haut in der französichen Stadt Vienne. Die Architektur widmet sich den dringenden Bedürfnissen unserer Zeit. Mit ihren Mechanismen der Adaption, Transformation und Umnutzung orientiert sie sich nach einer neuen Poesie des Alltäglichen, die als Antwort auf die unmittelbare Beunruhigung der Gesellschaft zu verstehen ist.

ETH Zürich: Professionalität

Die sechs Projekte der ETH Zürich schliesslich belegen, welchen Nachdruck und welche Sorgfalt die Schule in die entwerferische und operative Kompetenz ihrer Studierenden investiert. Die angehenden Architektinnen und Architekten können jedes Semester zwischen verschiedenen Themen wählen, etwa der Erweiterung der Architekturschule, einem Ausstellungszentrum, einem neuen Wohnquartier oder Ausbildungs- und Werkstatträumen. Diese Ausgangslage schafft ähnliche Bedingungen wie bei einem Entwurfswettbewerb in der Praxis. Die Projekte fallen eher durch ihre Klarheit und ihre technische Reife auf als durch konzeptuelle Experimente. Sie zeugen vom Ehrgeiz der ETH Zürich, bereits in der Ausbildung die gesamte Komplexität und die Ganzheitlichkeit des Architekten­berufs möglichst authentisch zu vermitteln.

Bestehen im Spagat

Als Reaktion auf die Unsicherheit, die die heutige Theorie und Praxis ergriffen hat, formiert sich die akademische Welt als Bastion und als Labor für ein Wissen, das sich im Wandel befindet. Diesen Balanceakt vollführen zurzeit alle drei universitären Hochschulen: Zum einen müssen sie verlässliche Arbeitsmethoden lehren, zum anderen sollen sie durchlässig bleiben für Tendenzen und Einflüsse, die pädagogische Innovationen und neue Unterrichtsweisen fördern könnten. Denn die Architektur ist keine statische Kunst, sondern eine, bei der die Lern- und Reifephase ein ganzes Leben dauern kann. (Übersetzung: Judit Solt, Chefredaktorin TEC21)

Die prämierten Projekte finden Sie im E-Dossier «SIA-Masterpreis Architektur 2016» und auf www.a-k.sia.ch. Lesen Sie demnächst auf espazium.ch: eine Würdigung von Jonathan Sergison und ein Interview mit Jurymitglied Franz Bamert.

Preisträger 2016

 

AAM:
Francesca Facchini, «St. Moritz Bad, osservatorio sul territorio»,
Atelier Frédéric Bonnet
 

Giuseppe Fontana, «St. Moritz, un’ unica città»,
Atelier João Nunes + João Gomes da Silva
 

Lajdi Sulaj, «St. Moritz Bad, Hotel and cooking school between the city and the forest»,
Atelier Valerio Olgiati

 

EPF Lausanne:
Sophie Didisheim, Marco Ievoli, «Composition pro­fane»,
Professoren Dieter Dietz, Yves Pedrazzini, Charlotte Erckrath, Patrick Mestelan
 

Fanny Vuagniaux, «Mort et rituel. Le cimetière de Pérolles, Fribourg»,
Professoren Marco Bakker, Yves Pedrazzini, Rui Filipe Gonçalves Pinto, Tim Kammasch
 

Rémy Cottin, Elias Rama, «Saint-André-le-Haut, continuité et rupture»,
Professoren Nicola Braghieri, Yves Pedrazzini, Sibylle Kössler, Bernard Gachet

 

ETH Zürich, Frühlingssemester:
Anouchka Kaczmarek, «Die Brücke, der Reiter, das Quartier – Naht­stellen in Basel»,
Professor Andrea Deplazes
 

Edwart Jewitt, «An Architecture School for Zurich»,
Professor Tom Emerson
 

Sandro Elmer, «Ausstellungshaus für Architektur und Städtebau am See»,
Professor Andrea Deplazes

 

ETH Zürich, Herbstsemester:
Lia Giuliano, «Zürich Altstetten – Wohnen in einem Quartier am Stadtrand»,
Professor Dietmar Eberle
 

Nathalie Ender, «Manufaktur und Lehrwerkstätte Kunstschmiede»,
Professorin Annette Gigon und Professor Mike Guyer
 

Michael Pöckl, «Manufaktur und Lehrwerkstätte»,
Professorin Annette Spiro

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