Plä­doy­ers für ein «Bau­en mit Ver­nunft»

An der jährlichen «Fachtagung Nachhaltiges Bauen» trifft sich jeweils die Branche der Gebäudelabels. Das Online-Treffen kurz vor Ostern brachte zutage, dass die Kluft zwischen ökologischem Anspruch und alltäglicher Baurealität riesig ist.

Publikationsdatum
13-04-2021

Auch das darf einmal gesagt sein: Die Pandemie bringt frischen Wind in die Weiterbildung. Seit Seminare, Fachtagungen oder Referate fast nur noch virtuell vorgetragen werden, meldet sich das Publikum häufiger zu Wort. Die nationale Fachtagung Nachhaltiges Bauen, die von Vertretern der verschiedenen Gebäudelabels wie Minergie, SNBS und Ecobau jeweils zum Frühlingsanfang organisiert wird, fand diesmal pandemiegerecht statt.

Der Videostream wurde aber nicht nur stillschweigend konsumiert, sondern auch pausenlos via Chat kommentiert. An Kontroversen bot das Tagungsthema dafür anscheinend genug: Die Suche nach «Netto-Null und den Wegen zum klimaneutralen Bauen» provozierte ein wortreiches Gezwitscher aus zustimmenden und widersprüchlichen Meinungen.

Dem Vertreter des Bundes wurde vorgehalten, neueste Erkenntnisse aus der Klimaforschung zu ignorieren. Der Fürsprache eines Architekten für nachwachsende Baustoffe entgegnete man, ein moderner Holzbau sei ökologisch nur wenig besser als ein Haus aus Beton. Und weil ein Vortragender in einem Nebensatz den Begriff «Suffizienz» erwähnte, entspann sich daraus eine – von der Online-Tagung losgelöste – Debatte über den grossen technischen Aufwand beim Bauen. Man muss es leider auch sagen: Wenn das Publikum derart frei mitreden kann, werden zwar sehr viele Fragen aufgeworfen, aber fast keine einzige ist danach geklärt.

Weit weg von der Baupraxis

Der Eindruck, sich als Tagungsteilnehmer in Parallelwelten zu verlieren – anstatt sich mit einzelnen Aspekte vertieft auseinanderzusetzen oder sogar Antworten auf konkrete Fragen zu erhalten –, war aber nicht nur dem Veranstaltungsformat geschuldet. Auch was die Rednerinnen und Redner zu sagen hatten, lag sehr weit weg von der gebauten Realität. Obwohl sich die eingeladenen Architekten, Bauherren- oder Behördenvertreter bestens mit der heutigen Praxis auskennen, scheint das klimagerechte Bauen die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu vergrössern.

Ähnlich ergeht es den Klimaprognosen: «Die letzten zehn Jahre waren die wärmsten überhaupt», bestätigt Roland Hohmann, Chef der Sektion Klimaberichterstattung und -anpassung beim Bundesamt für Umwelt (Bafu). «Heute schon leidet die Bevölkerung unter Hitzestress, und älteren Menschen drohen gesundheitliche Risiken.» Genauso weitergehen dürfe es deshalb nicht: «Ab sofort in Klimaschutz zu investieren und die Treibhausgasbilanz auf null zu senken, ist ein Akt der Vernunft», richtete der Bafu-Vertreter eine dringliche Botschaft an all jene, die sich am Bau von Häusern beteiligen.

Zu Recht, wie die Fachtagung in der Folge zeigte: Der Gebäudesektor stösst zigfach mehr CO2 aus, als der natürliche Klimahaushalt verträgt. «Um den Faktor 10 ist der Rucksack beim Bauen zu gross», präzisierte Eike Roswag-Klinge, Architekturprofessor an der TU Berlin. Deshalb sind «90 % der Direktemissionen bis 2050 einzusparen – auch auf dem Bau», konkretisierte Roger Ramer von der Bafu-Sektion Klimapolitik die Vorgaben aus der Energie- und Klimastrategie des Bundes. Wie das gelingen soll? «Vor allem durch einen Rückgang beim Konsum von fossilen Brennstoffen.» Der Bundesrat beurteile Netto-Null bis 2050 technisch für machbar und realistisch.

Der scheidende SIA-Präsident Stefan Cadosch erwähnte weitergehende Anforderungen an ein klimagerechtes Bauen: «Die Relevanz der grauen Energie ist nicht zu unterschätzen; die Baustoffherstellung ist aber höchst energieintensiv.». Das CO2 sei die Währung, mit der die Verwendung allgegenwärtiger Baustoffe Beton, Stahl oder Glas neuerdings aufzurechnen sei. Das Netto-Null-Ziel sei für die Bauwirtschaft folglich hochgesteckt.

Gemäss Architekturprofessor Roswag-Klinge helfe dafür nur eine massive Abkehr von der jetzigen Baurealität: «Wir brauchen eine Bauwende: Die Häuser der Zukunft sind aus Bambus, Holz und Lehm.» Wie man ein Gebäude sonst«klimaneutral erstellen» kann, wurde an einem Workshop an derselben Fachtagung diskutiert.

Zeit bis 2050

«Netto-Null» kennt abhängig vom Absender zwei unterschiedliche Zeithorizonte: Die Klimajugend und die Architektur-NGO «Countdown 2030» möchten bis in zehn Jahren eine Null bilanzieren. Die staatliche Ebene stützt sich dagegen auf das Pariser 2-Grad-Abkommen ab, dessen globale Umsetzung auf die nächsten 30 Jahre anberaumt ist.

Annette Aumann, Leiterin Fachstelle Nachhaltiges Bauen in der Stadt Zürich, erläuterte an der Fachtagung, dass die längerfristige Perspektive «Netto-Null bis 2050» niemanden wirklich entspannt. «Wir folgen seit zwölf Jahren dem 2000-Watt-Kurs; doch das reicht eindeutig nicht.» Von jetzt an wären über zehnmal mehr fossile Heizungen pro Jahr durch erneuerbare Energieträger zu ersetzen. Und auf Stadtgebiet dürften ab sofort nur noch klimaneutrale Baustoffe eingesetzt werden. Will die Stadt weiter wachsen und Netto-Null nicht verfehlen, braucht «es viel Innovation aus der Industrie». Auch nachfolgende Redner bekräftigten, die aktuelle Klimakrise sei nurmehr mit «klimanegativen Baustoffen» zu bewältigen.

Holz wäre beispielsweise eine solche CO2-Senke, sein vermehrter Einsatz als Baustoff soll zur Klimaneutralisierung von Städten beitragen. Severin Lenel, Geschäftsführer des Planungsbüros Intep, begrüsst solche Lösungsansätze, ohne die Wirkung einer ökologischen Substitution überschätzen zu müssen: Ersatzmaterialien und -technologien helfen durchaus weiter, «aber das Netto-Null-Gebäude bleibt illusorisch, solange sich die Ansprüche in der Architektur und der Nachhaltigkeit nicht radikal ändern». Von allem viel weniger, lautet seine Empfehlung: «Nur noch so viel bauen wie nötig, und auch dies möglichst klein, einfach und knapp.» Insofern erreiche man Netto-Null nur, wenn die Energiewende von einer Willenswende begleitet sei.

Während die Chatfunktion danach für einmal unbenutzt blieb, sprach Johannes Eisenhut, Geschäftsführer des Immobilienentwicklers Senn Development, aus, was zumindest einige an der Fachtagung dachten: «Wir haben im Moment noch keine Lösung für Netto-Null.» Der Weg dorthin sei erst in Ansätzen abschätzbar.
 

Wie werden Baustoffe klimaneutral?

 

Energie wird nicht nur für das Heizen von Häusern oder zum Betrieb von Gebäudetechnik konsumiert. Auch im Material und in der Struktur von Hochbauten steckt sehr viel (graue) Energie. Klimaneutrales Bauen meint demzufolge, die Baustoffe ebenso wie Energieträger auf Netto-Null-Bilanz zu trimmen. Die Fachtagung Nachhaltiges Bauen präsentierte in einem Workshop, wie die klimaneutrale Herstellung von Gebäuden anzupacken ist.

 

Nico Ros, Partner der Basler ZPF Ingenieure, untersuchte anhand von Fallstudien, wo die Ökologie am Gebäude beginnt: «Reduzieren wir den Materialaufwand bei Zwischendecken und Fassaden, spart man relativ viel Treibhausgas ein.» Ergänzend analysierte Rolf Frischknecht, ETH-Dozent für Ökobilanzierung, die Lieferkette: «Bei Beton, Stahl oder Holz muss und kann der Klimafussabdruck deutlich schrumpfen.» Die Industrie rechne selber damit, diese Baustoffe wesentlich klimafreundlicher fabrizieren zu können.

 

«Neben dem Einsatz von erneuerbarer Energie braucht es allerdings eine CO2-Kompensation zum Beispiel bei der Zementproduktion», so Frischknecht. Dass klimaneutrales Bauen auch auf aktive Massnahmen zur Treibhausgasabscheidung angewiesen ist, bestätigt Guillaume Habert, ETH-Professor für nachhaltiges Bauen.

Was kann die Architektur zum Netto-Null-Ziel beitragen?

 

Im Workshop «Was kann die Architektur zum Netto-Null-Ziel beitragen?» kam einleitend das neue SIA-Positionspapier «Klimaschutz, Klimaanpassung und Energie» zur Sprache. Zentrale Anliegen sind ein sparsamer Einsatz von Ressourcen, die Kreislaufwirtschaft und das Netto-Null-Ziel.

 

Nachfolgende Vorträge fokussierten auf weitere Aspekte dieses Papiers: Patrick Schrepfer von Schäublin Architekten präsentierte das Gebäude als Energieproduzent und stellte beispielhaft ein in Bau befindliches Projekt der Baugenossenschaft Zurlinden in Horgen ZH vor. Die grosse Wohnüberbauung wird Solarenergie mittels Photovoltaikmodulen etwa an den Fassaden nutzen und trage so konkret zu einer Dekarbonisierung des Gebäudeparks Schweiz bei.

 

Katrin Pfäffli, 2000-Watt-Expertin, beleuchtete in ihrem Vortrag das grosse Potenzial der Suffizienz: «Jeder Quadratmeter Wohnfläche, der nicht gebaut wird, reduziert die Treibhausgasemission.» Mit Umnutzen, Weglassen, Mehrfachnutzen, Teilen statt Besitzen oder Weiternutzen steckte sie ein breites Feld von Suffizienzstrategien ab, um das Netto-Null-Ziel besser zu erreichen.

 

Der abschliessende Vortrag von Leon Faust setzte den Fokus auf eine Aktivierung. Faust ist Vertreter von Countdown 2030, einer Gruppe von Architekten, die die Dringlichkeit des Klimawandels bewusst machen möchte. Er strich die spezielle Verantwortung der Schweiz sowie jedes Einzelnen heraus, darunter auch die grosse Zahl von Planerinnen und Planern sowie Architektinnen und Architekten. (Autor: Jörg Dietrich, Verantwortlicher Klima / Energie SIA)