Mo­de, Ar­chi­tek­tur und In­nen­raum: Leh­re an der HEAD Genf

Mode und Architektur

Interview mit Jean-Pierre Greff, Direktor der HEAD – Haute école d’art et de design Genf, und Javier Fernández Contreras, Leiter der Abteilung Innenarchitektur und Raumdesign.

Publikationsdatum
12-11-2019

In der Diskussion über Mode und Architektur fallen unweigerlich die Begriffe Körper, Formen und Strukturen, aber auch Identität, Kultur und Bild. Um dieses Phänomen und dessen Bedeutung im Feld der Gestaltung zu untersuchen, wenden wir uns an eine der wenigen Schweizer Hochschulen, an der beide Fachrichtungen unterrichtet werden.

Auf Entdeckungsreise an einer der wichtigsten Kunsttalentfabriken der Schweiz, der HEAD in Genf, unterhielten wir uns mit Direktor Jean-Pierre Greff und dem neuen Leiter des Studiengangs Innenarchitektur, Javier Fernández Contreras. Im Zentrum unseres Gesprächs steht die Architektur und die Mode, aber auch die Zukunft der heutigen Gesellschaft in einer Zeit, in der einer der einflussreichsten Begriffe, der Innenraum, grossen Veränderungen unterworfen ist.

espazium.ch: Wie gestaltet sich die Lehre der verschiedenen Fachrichtungen an der HEAD?

Jean-Pierre Greff: Wir bieten fünf Abteilungen an: 1. Bildende Kunst 2. Film 3. Visuelle Kommunikation und Mediendesign 4. Raumdesign und Innenarchitektur 5. Produktdesign: Mode, Schmuck und Accessoires. Jede Abteilung ist in verschiedene Fachrichtungen aufgegliedert, um die Studierenden mit den verschiedenen Fragestellungen des facettenreichen Gebiets der zeitgenössischen Kunst- und Designproduktion vertraut zu machen.

espazium.ch: Welche Verbindung besteht zwischen der Mode und der Architektur?

Jean-Pierre Greff: Das gesamte Feld der Gestaltung ist heute interdisziplinär und dekontextualisiert. Die Abgrenzung zwischen den verschiedenen Disziplinen hat an Wichtigkeit verloren. Ein gutes Beispiel dafür sind die Mode und die Architektur, die sich – obwohl sie sich stark unterscheiden – angenähert haben.
Wenn man Massstab und Zeitbegriff mitdenkt, könnte man meinen, Mode und Architektur hätten nichts gemeinsam. Im ersten Fall geht es um den körperlichen Raum, im zweiten um den Wohnraum. Die Mode basiert auf der Vorstellung von Vergänglichkeit, wohingegen in der Architektur die Dauerhaftigkeit massgebend ist. In beiden Fällen ist die Funktion anthropologisch gesehen die gleiche: Das Kleid wie auch das Gebäude fungieren als Schnittstelle zwischen dem Menschen und dem Aussenraum. Zwischen Intimität und Kollektivität. Im Französischen wird diese Verwandtschaft auch auf sprachlicher Ebene deutlich: habit – habitation (Kleidung – Behausung). Die Kleidung ist gewissermassen eine Miniarchitektur; eine auf den Massstab des Menschen angepasste Architektur. Der Massstab ist nicht derselbe, die Funktion jedoch schon: Schutz (vor Blicken und äusseren Angriffen) sowie eine eigene Identität.

Javier Fernández Contreras: Beide Disziplinen setzen sich mit Funktionalität und Identität auseinander.
Eine Betrachtung dieser Dualität aus einer historischen Perspektive macht klar, dass sich die verschiedenen Identitäten, mit denen die beiden Disziplinen in ihrer Entwicklung spielten, zum ersten Mal in ihrer Geschichte gleichzeitig im gleichen physischen Raum befinden – dem der Modeschau. Die multiplen Identitäten sowohl der Mode als auch der Architektur begegnen sich in der gleichen Vergänglichkeit und im gleichen Raum. Uns als Schule für Kunst und Design interessieren die Möglichkeiten, die sich aus diesem Mix aus Identitäten ergeben.

espazium.ch: Was bedeuten Mode und Architektur für Ihre Schule?

Jean-Pierre Greff: Die Modefachklasse wurde bewusst in den Bereich Design integriert. Während andere Schulen eher in der Nähe der Kunstgeschichte, der Couture und des Kunstgewerbes angesiedelt sind, werden bei uns die Kreationen als Projekt konzipiert.
Die italienische Designerin Nanni Strada gehört zu den wichtigsten Referenten unserer Schule. Wir haben sie bereits mehrere Male zu uns eingeladen. Ganz im Sinn der Architektur- und Designkultur verstand sie ihr Modeschaffen in den 70er-Jahren als Entwurfsprozess. Sie stand experimentellen Architekturströmungen nahe, nach dem Vorbild der Mailänder Gruppe SUPERSTUDIO beispielsweise.

Javier Fernández Contreras: Auf die Architektur bezogen heisst das, dass wir Innenräume als Laboratorien der Gegenwart betrachten. Anfangs des letzten Jahrhunderts wurde der Modernitätsbegriff oft auf die Stadtplanung und die Ausdehnung der Städte bezogen. Heute sind es die Innenräume, die grossen Veränderungen unterworfen sind, die Fassaden hingegen bleiben unverändert. Das Phänomen der zyklisch und uneingeschränkt wiederkehrenden Transformation von Innenräumen und die damit verbundenen Faktoren wie Geschwindigkeit, Flüchtigkeit oder auch Oberflächlichkeit zeugen von den grossen Veränderungen, an denen sich die heutige Gesellschaft versucht. Diese Umstände erlauben es unserem Studiengang, als authentisches Versuchslabor von Raum zu wirken.

espazium.ch: Gibt es zwischen den Abteilungen Mode und Architektur der HEAD einen reellen Austausch?

Javier Fernández Contreras: Ja. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte gestaltet die Fachklasse Innenarchitektur die Szenografie der diesjährigen Modeschau der HEAD. Dadurch, dass in beiden Fachrichtungen zurzeit eine intellektuelle und praktische Annäherung geschieht, wird dieser Austausch ermöglicht.

espazium.ch: Warum greift die Mode heute auf die Architektur zurück? Und inwiefern profitiert die Architektur von dieser Verbindung?

Jean-Pierre Greff: Die Mode und die Kleidung, genauso wie die Architektur und das Gebäude, werden zweidimensional gezeichnet, um anschliessend in die Dreidimensionalität übertragen zu werden. Durch die Analogie im Arbeitsprozess der Mode- und Architekturschaffenden bereichern sich ihre Kreationen gegenseitig. Ihre Verwandtschaft wurde im Übrigen durch die Verbreitung der digitalen Gestaltungswerkzeuge verstärkt, da diese die Formen in der Mode und in der Architektur gleichermassen entscheidend beeinflusst haben. An den Werken von Zaha Hadid und Iris van Herpen ist dies beipielsweise klar ersichtlich. Die heutige Nähe von Architektur und Mode geht aus einer Annäherung in beide Richtungen hervor. Wie bereits gesagt verfolgt die Mode die Idee eines strukturierten Kleidungsstücks, wie eine Architektur im Massstab des Menschen. Die Architektur indes greift erneut auf organische, dynamische Formen zurück – sie scheinen in Bewegung zu sein, was natürlich die digitalen Technologien ermöglichen. Die Fassaden gleichen einer Haut, deren Formen und Strukturen dem Vokabular der Mode entliehen werden: Faltenwürfe, Plisseefalten, Maschennetze usw.

Javier Fernández Contreras: Die Mode interessiert sich aus den gleichen Gründen für Räume, aus denen sie sich seit jeher für die Fotografie interessiert: um eine Identität zu erschaffen. Sie kommt nicht ohne diese beiden Kommunikationsmittel aus.
Historisch gesehen ist diese Beziehung mit den ersten Schaufenstern britischer Einkaufszentren und später mit der Institutionalisierung der Modeschauen entstanden. Heute markiert das Prada Epicenter, Rem Koolhaas’ Werk für Prada, einen Wendepunkt in diesem Verhältnis. Das Projekt spricht dem Innenraum eine einzigartige Berechtigung gegenüber der Mode zu.
Ein weiterer wichtiger theoretischer Aspekt der Beziehung zwischen Mode und Architektur zeigen nicht zuletzt die Schriften Gottfried Sempers (1803–1879) mit seiner Auffassung der Fassade als Stoff auf. Um dies zu verstehen, muss man nur an die Borte eines Hemds und an einen Fensterrahmen denken. Sie beide sind technische Umsetzungen ein und derselben Problematik: der des Ornaments.

espazium.ch: Wie wird das Thema der Identitätsbildung mit den Studierenden behandelt?

Jean-Pierre Greff: Das war einer der ersten Punkte, über den wir nachdachten, als wir die Abteilung Modedesign neu ausgerichtet haben. Es geht darum, neben den technischen Kenntnissen und den Intuitionen der Studierenden ein einzigartiges Universum geltend zu machen, eine eigene Bildwelt, Gefühlswelt und Stimmung, die ihre Kreationen trägt, prägt und bereichert und ihnen Substanz gibt. Diese Vorstellungswelt entsteht ganz am Anfang und zeugt von der Fähigkeit, eine Arbeit für eine (subjektive, soziale, politische) Wirklichkeit zu erfinden und zu entwerfen, die über die äussere Form des Kleids hinausgeht und dem Projekt auch eine ganz andere Qualität verleihen kann.

Javier Fernández Contreras: Dieses Thema interessiert uns ganz speziell und wird eines der zentralen Elemente des neuen Masters in Innenarchitektur sein, der im September 2019 startete.
Kurz gesagt, die Beziehung zwischen dem Raumkonzept und seiner Darstellung hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Während historisch gesehen die Beziehung zwischen Innenraum und Wahrnehmung durch Darstellungsarten wie die der Zeichnung, der Malerei oder dem Theater illustriert wurden, gestaltet sie sich heute mit dem Aufkommen neuer Wirklichkeiten wie Fotografie, audiovisuelle Medien und digitale Techniken immer komplexer. Heutzutage ist die Gestaltung von Raum ein unerschöpfliches Geflecht aus verschiedenen Darstellungsformen, das schlussendlich unsere zeitgenössischen Bildwelten hervorbringt. Die heutige Raumkonzeption geschieht grösstenteils fachübergreifend.

espazium.ch: Inwiefern unterscheidet sich der Unterricht an der HEAD von dem an den Eidgenössischen Technischen Hochschulen?

Javier Fernández Contreras: An den klassischen Eidgenössischen Technischen Hochschulen wird die Architekturdisziplin als konstruktive Herangehensweise verstanden und der Raum als Skulptur. Auch bezüglich der Darstellungsarten werden die Studierenden schnell auf eine ganzheitliche Wahrnehmung bestehend aus Grundriss, Schnitt und Axonometrie getrimmt. Die schaffende Person bleibt dabei immer ausserhalb ihrer Kreation.
Dabei ermöglicht die Betrachtungsweise der Innenarchitektur eine Vielzahl an Ausgangspunkten; die Innenräume verlangen nach einer Interdisziplinarität. Die verschiedenen Disziplinen wie Film, Mode, Design oder die neuen Technologien, aus denen sich unsere heutige Bildwelt speist, überlagern sich innerhalb einer Erzählung. Auf diese Weise spiegeln die Innenräume die Veränderungen unserer heutigen Gesellschaft und erlauben es, Entwicklungen zu verstehen oder vorherzusehen.
Das Ökosystem Kunst- und Designschule hat deshalb einen entscheidenden Vorteil. Wir sind ständig in Kontakt mit Gestaltern aller Art, die wiederum als Referenzen verwendet werden, wenn es beispielsweise darum geht, einen Innenraum neu zu gestalten und verschiedenste Bildwelten aus Film, Werbung, Produktdesign, sozialen Medien usw. heranzuziehen.

espazium.ch: Welche Inspirationsquellen beeinflussen die heutigen Kreationen?

Jean-Pierre Greff: Ich sehe zwei mögliche Antworten. Einerseits sind die heutigen Bildwelten grundsätzlich politisch motiviert. Die Zukunft der Welt steht auf dem Spiel: Wie wird sie sich entwickeln? Was erwartet uns? Leben wir nachhaltig? Wie kann man den Kurs noch korrigieren?
Andererseits mischen die technischen Neuerungen unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit auf. Beispiele im Feld der Mode sind der Transhumanismus und die Veränderung des Menschen, Human Enhancement, der Cyborg usw. Wir wissen nicht, wie weit das gehen wird.
Diese zwei Fragestellungen haben ohne Zweifel grossen Einfluss auf die Bildwelten der heutigen Gestalter. Noch nie war die Gewissheit so gross, dass uns eine grundlegende Veränderung des Menschseins kurz bevorsteht.

espazium.ch: Wie sieht die Zukunft der HEAD aus?

Jean-Pierre Greff: Das Wichtigste für eine Schule ist es, eine Kraft auszustrahlen und Sehnsüchte zu wecken. Einen magischen Ort zu schaffen, der Leute anzieht, die sich die wichtigen Fragen stellen, um unaufhörlich das Feld der Kunst oder der Gestaltung im weitesten Sinn neu zu erfinden.
Mir gefällt die Vorstellung einer idealen Schule, an der Poesie wichtiger ist als rationale Ziele. Letztlich ist das mein eigentliches Ziel: diese Vision oder anders gesagt, diese Vorstellung von Schule mit anderen Leuten zu teilen. Damit dieser Traum Bestand hat und auch ohne mein Zutun weitergeführt wird.

Jean-Pierre Greff ist Kunsthistoriker, Professor und Kurator. Nachdem er von 1993 bis 2003 die Ecole superieure des arts décoratifs in Strasbourg geleitet hatte, übernahm er die Leitung der Ecole superieure des beaux arts in Genf, dann der HEAD-Genève, deren Gründung im Jahr 2007 er leitete. Daneben war Jean-Pierre Greff 1994 Gründungspräsident der Association nationale des directeurs d’école d’art (ANdEA), von 1996 bis 2000 Vizepräsident der ELIA (European League of Institutes of the Arts, Amsterdam) sowie Chefredaktor des European Journal of Arts Education. Derzeit ist er Aufsichtsrat der Fondamco (MAMCO, Musée d’art moderne et contemporain de Genève). Unlängst wurde er als Präsident in die Fondation Plaza in Genf berufen. 


Javier Fernández Contreras ist Architekt und Architekturtheoretiker. Nach seinem Studium an der Delft University of Technology in Delft und an der Technischen Hochschule ETSAM in Madrid (MA, 2006) promovierte er in Architekturgeschichte mit seiner Arbeit «Drawings of Enric Miralles: The Miralles Projection and the Utrecht Town Hall». Javier F. Fernández unterrichtete an der ETSAM in Madrid (2007–2012), an der Xi’an Jiaotong-Liverpool University – XJTLU in China (2013–2014) und am Departement Architektur der ETH Zürich (2016). Seit 2018 ist Javier F. Contreras Leiter der Abteilung Innenarchitektur an der HEAD in Genf

Mit «Prada Experience» lanciert espazium.ch seine neue Online-Themenreihe. In diesen Dossiers greifen wir aktuelle Themen zur Baukultur auf, die nach und nach um weitere Beiträge ergänzt werden.

In dieser Serie erschienen:


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