Auf dem Gip­fel des Ur­sprungs

Herzog & de Meuron verleihen der Region um den Toggenburger Chäserrugg mit dem umgebauten und baulich ergänzten Gipfelgebäude eine neue Identität.

Publikationsdatum
16-06-2016
Revision
17-06-2016

Das Hochtal zwischen den Ortschaften Alt St. Johann und Wildhaus spannt sich über eine Breite von rund 3 km zwischen Alpstein und Churfirsten auf. ­ Es ist gekennzeichnet durch Bauernbetriebe, Holzwirtschaft und Tages­tourismus. Im Wettstreit der verschiedenen Naher­holungs- und Skigebiete – in der Umgebung sind das vor allem Flumserberg und Davos – brauchte es für den Ort, der in den 1970er- und 1980er-Jahren seinen touristischen Höhepunkt erlebt hatte, eine neue Identität. So steht das einstige Juwel der Region, das Hotel Acker, seit 2001 leer und ist mittlerweile zu einer Bauruine geworden, die bitter über dem Tal thront. 

Klangwelt oder Weitsicht

Kulturelle Identität wurde hier nicht in einer globalisierten Folklore-Maskerade, ­sondern in der Leidenschaft der Einheimischen für das Singen und für das «Klang-Thema» gefunden und vermarktet. Der Komponist, Dirigent und Musiker Peter Roth machte es zum neuen Leitmotiv des Tals: Die Kulturorganisation und Stiftung «Klangwelt» führt Veranstaltungen durch, hat aber auch den Klangweg umgesetzt und das neue Klanghaus am Schwendisee geplant. Damit war eine wichtige Voraussetzung geschaffen, dem Tal eine Identität zu verleihen – bisher fehlte aber eine entsprechende Architektur. 

Die Klangschmiede von Paul Knill in Alt St. Johann ­ist zwar ein gelungener Umbau aus dem Jahr 2011, sie liegt aber eher peripher zwischen Unterwasser und ­Alt ­St. Johann und hat nicht die Stahlkraft eines Neubaus. Einen bedeutenden Beitrag zu einer solchen Baukultur hätte das Klanghaus von Meili Peter Architekten leisten können; leider wurde es am 1. März 2016 in der Schlussabstimmung des St. Galler Kanto­nal­parlaments abgelehnt.

Dagegen zeigt das in kurzer Zeit geplante und ausgeführte Gipfelgebäude von Herzog & de Meuron, dass eine weitsichtige und private Bauherrschaft eine räumliche Entsprechung dieser neuen Ortsidentität möglich macht. Dass Herzog & de Meuron für dieses Projekt gewonnen werden konnten, ist das Verdienst von Melanie Eppenberger, der Vizepräsidentin der Toggenburger Bergbahnen. Sie entwickelte eine klare Vision und wollte eine entsprechende Architektur haben. 

Zwei Teile unter einem Dach 

Die neue Bergstation auf dem Chäserrugg, dem ersten der sieben Churfirsten, ist trotz relativ bescheidener Grösse bereits von Weitem sichtbar. Diese Fernwirkung verdankt das Gebäude einerseits einer hellen und einheitlichen Holzoberfläche, andererseits der Dachgestalt, die sich nach Norden wie ein Zelt oder wie die Flügel einer der unzähligen Dohlen, die um den Gipfel fliegen, weit öffnet. Das Gebäude ist für den Winter- und den Sommerbetrieb konzipiert, wobei es in Winter stärker auf Skitourismus, im Sommer auf Bergwanderer und betagte Ausflügler, die das Panorama geniessen wollen, ausgerichtet ist.

Der Bau besteht aus der erhaltenen Seilbahnstation sowie dem neuen Restaurant. Während die Seilbahnstation Nord-Süd-orientiert ist, steht das Restaurant senkrecht dazu. Daraus resultiert ein T-förmiger Grundriss, den das Dach diagonal bedeckt. Die einheitliche Holzfassade umhüllt und verbindet die beiden Programmteile. 

Das Restaurant öffnet sich grosszügig auf drei Seiten, wobei die Südwand eine durchgehende Fensterfront aufweist. Sie wird durch das tiefer gelegene Dach eingerahmt und er­öffnet einen atemberaubenden Blick auf die Glarner- und Sarganseralpen. Als Kontrast zur Nordseite fällt das Dach nach Süden hin tiefer und lässt das Gebäude wie eine Erweiterung der steilen Bergwand erscheinen. Diese Wirkung wird durch die horizontale Schichtung des Dachblechs erreicht, die sich der Steinschichtung des Bergs anpasst. Die trapez­förmigen ­Kamine auf dem Süddach verwandeln dieses in eine Landschaft und akzentuieren die horizontale Ausrichtung des Gebäudes.

Sowohl innen als auch aussen kommt Fichtenholz zur Anwendung. Aussen verleiht es dem Gebäude eine gewisse Leichtigkeit, innen schafft es in dem ­grossen und relativ einheitlichen Raum eine intime Atmo­sphäre. In der Mitte steht ein Kamin, und diesem gegen­über liegt die Küche. Sie ist über elegante auf­klapp­bare Holzpaneele mit dem Saal verbunden, der je nach Nutzung durch einen Vorhang geteilt werden kann.

Auf der Rückseite des Saals befindet sich das wahre Schmuckstück der Bergstation: je sechs Nischen, die gegenüber dem Hauptsaal leicht erhöht und ebenfalls aus dem gleichen Holz ausgestattet sind. Sie bieten Platz für jeweils acht bis zehn Personen. Wie kleine Schatullen gewähren sie, gerade in Zeiten von Hochbetrieb und lauten Touristen, einen willkommenen Rückzugsort. Im Obergeschoss, mit Einblick auf den Saal, befindet sich ein weiterer separater Raum.

Der Holzboden hat während des ersten Sommers den Bergschuhen problemlos standgehalten. Die Skischuhe im Winter haben jedoch deutliche Spuren hinterlassen. Diese überziehen ihn mit einer Patina, die ihn gegenüber dem helleren Holz der Wände und der Decke etwas aus dem Rahmen fallen lassen. Bis auf die Stühle von Konstantin Grcic wurde alles von Herzog & de Meuron entwickelt, und die Stimmung profitiert von dieser einheitlichen Autorenschaft. 

Eine Treppe führt vom Restaurant nach unten zu Toiletten und Technikräumen. Die Unter­welt wurde bewusst als Umkehrung inszeniert, mit Sichtbeton und sichtbaren Leitungen sowie klarmatt lackiertem  Aluminiumwellblech für die Toiletten. 

Vom Wetter gezeichnet 

Konstruktiv steht das Thema der Pfette im Mittelpunkt: Das Restaurant liegt auf drei sich in die Höhe abstufenden Betonpfetten. Sie lösen einerseits das Gebäude vom Boden, andererseits schaffen sie einen eleganten, dynamischen Übergang zum getragenen Holz­körper, wo eine massive Holzpfette den horizontalen Abschluss ausmacht. Diese ist über eine Holzdia­­gonale mit dem Betonfundament verbunden. Dort, wo sich das Dach vom Gebäude löst, tragen weitere massive, von diagonalen Holzträgern abgestützte Pfetten das Dach. 

Die komplexe Bauform mit ihren Vor- und Rücksprüngen sowie ihren Nischen spiegelt die traditionelle Baukultur des Tals wieder. Sie findet sich insbesondere in der Architektur zahlreicher Ställe wieder, die dem Wetter des Orts angepasst ist. Die Namen der Ortschaften zeugen von diesem Wettereinfluss: Starkenbach, Wildhaus oder Unterwasser. Die wetterseitigen Ost- und Nordfassaden sind mit regengeschützten Nischen und schützenden Verlängerungen versehen.

Aus Symmetriegründen liegt in der Bergstation auch die Westfassade unter dem Dach. Das unbehandelte Holz vergraut mit der Zeit und verändert den Charakter des Baus. Er wird sich stärker dem Berg anpassen und an die Farb­ab­stufungen der Ställe im Tal anknüpfen.

Den Urzustand erreicht

Die Bergstation spricht explizit auch das Klangthema an. Es artikuliert sich über die Einschnitte in der Nordfassade, wo die beiden Seilbahnen ein- und ausfah­ren – ein Verweis auf Instrumenten-Schalllöcher. Aber auch die «geflochtene» Holzfassade im «Tenn» ­zwischen Seilbahn und Restaurant verweist auf ­die sich kreuzen­den Saiten des Hackbretts, ein in ­der Ostschweiz beliebtes Instrument mit seinem ­so besonderen Klang. 

Die geflochtene Fassade sowie die Erscheinung des Gebäudes als Zelt – die Holzdiagonalen scheinen wie Zugseile das Dach zu ziehen – könnten aber auch als Verweis auf ein für die Architektur fundamentaleres Thema gesehen werden, nämlich jenes der Urhütte. Herzog & de Meuron haben das Thema wiederholt aufgegriffen, wie beim Schaulager in Münchenstein. Überhaupt stand die Hütte immer wieder im Mittelpunkt des Architekturdiskurses und damit verbunden die Frage nach dem Ursprung der Disziplin und der spezifischen Architektur dieses Ursprungs.

Dass die Urhütte auf dem Chäserrugg eine Berghütte ist, spricht den Gründermythos der Schweiz an. Der Blick ist aber keineswegs rückwärts, sondern in die Zukunft gewandt. Dafür eignet sich eine Bergstation sinnbildlich durch Lage und Ausblick gut. Das muss aber nicht notwendigerweise über einen «techno-ästhetischen Infrastrukturbau» erreicht werden, sondern kann wie hier durch eine zeitgemässe Interpretation der lokalen Bautradition und über den präzisen Umgang mit Ort und Bauplatz erfolgen. 

Wenn man dieses Projekt mit einem weiteren, fast zeitgleichen Gebäude von ­Herzog & de Meuron vergleicht, dem Zellweger Park Uster (vgl. TEC21 9 – 10 / 2016), fällt auf, wie sich das Büro von einem seiner Marken­zei­chen abgewendet hat. Zwischen den zuweilen exzessiv ausgearbeiteten Fassadenoberflächen sowie zwischen den Ex­tremen eines Betonmassivbaus und der Leichtigkeit einer teilweise geflochtenen Holzfassade hat das Büro zu einem «Urzustand» der Architektur gefunden. Damit scheinten Herzog & de Meuron nach einer fast 40-jährigen Karriere mit zwei Projekten in der Schweiz am Ursprung der Architektur angekommen zu sein.

Am Bau Beteiligte


Bauherrschaft
Toggenburg Bergbahnen (TBB), Unterwasser

Architektur
Herzog de Meuron

Tragwerksplanung
Schnetzer Puskas Ingenieure AG, Basel

Holzbau
Blumer-Lehmann AG

Akustik
PIRMIN JUNG Büro für Bauphysik AG

Bauphysik
Zimmermann + Leuthe GmbH

Bauleitung
Ghisleni Partner, St. Gallen

Weitere Informationen
 

Ausführung
2014 bis 2015
 

Gebäudevolumen
Neubau: 5720 m3 Bahn und Bestand: 5042 m3
 

Gebäudefläche total
1360 m2 und existierender Teil 1010 m2 (SIA 416)
 

Geschosse
3

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