«Wir sind Hand­wer­ker un­se­rer ­ge­bau­ten Um­welt»

Die 17. Ausgabe der Architekturbiennale in Venedig wird im Mai 2021 nach ­einer einjährigen Verschiebung eröffnet. Céline Guibat, ehemalige Präsidentin der Pro-Helvetia-Jury für den Schweizer ­Pavillon, erzählt, was ihre Neugierde weckte, als das Projekt «oræ – Experiences on the Border» vorgestellt und ausgewählt wurde.

Publikationsdatum
21-05-2021

Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia hat das Architektenteam Mounir Ayoub und Vanessa Lacaille vom «Laboratoire d’architecture» aus Genf sowie den ­Filmemacher Fabrice Aragno und den Künstler Pierre Szczepski mit der Realisierung der Ausstellung im Schweizer Pavillon an der 17. Architekturbiennale in Venedig beauftragt.

Auch die Videokünstlerin Annabelle Voisin, der Mediator Benoît Beurret sowie die Architekten Noémie Allenbach und Jürg Bührer arbeiteten aktiv an dem Projekt mit. oræ – Experiences on the Border (oræ = lateinisch für «Grenzen») wurde im März 2019 aus 51 Bewerbungen ausgewählt (vgl. Wettbewerb Architekturbiennale Schweizer Pavillon).

Die Ausstellung im Pavillon verbindet die physische Realität der Schweizer Grenze mit politischen und sozialen Kontexten und zeichnet dabei ein neues Bild der Grenzgebiete. Der Ausbruch der Pandemie, der mitten im Werkprozess erfolgte, verlieh dem Projekt eine zusätzliche Relevanz. Das Team untersuchte das Thema der Grenze unter Berücksichtigung sowohl ihrer politischen und räumlichen Dimension als auch ihrer sensorischen und sozialen Wahrnehmung. «Sich in Zeiten wie diesen mit der Schweizer Grenze zu beschäftigen, bedeutet, sie nicht nur als Linie auf einer Karte, sondern auch als erfahrbaren Raum zu sehen; nicht nur als einen Abschluss, sondern auch als einen Anfang», so die Ausstellungsmacherinnen und -macher.

Das Team arbeitete mit partizipativen Mitwirkungsprozessen, die zu verschiedenen politischen und poetischen Erfahrungen anregen. Den Auftakt bildete eine Feldstudie Ende 2019: Mit einem Lastwagen, der als Atelier ausgestattet war, wurden mehrere Gemeinden an der Grenze zwischen der Schweiz und ihren Nachbarländern besucht. An jedem Etappenziel wurde die lokale Bevölkerung dazu eingeladen, Modelle imaginärer oder realer Grenzorte ihrer Wahl zu gestalten, was filmisch dokumentiert wurde.

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Der Ausbruch der Corona-Pandemie änderte plötzlich die Wahrnehmung der Menschen auf die Grenzen. Das Team beschloss, die Grenzregionen erneut zu besuchen, diesmal mit einem mobilen Forum, das Interessierten die Möglichkeit gab, im Rahmen von Schreibateliers ihre veränderte Sicht der Dinge zu schildern. Das Forum bot Raum für Gespräche rund um die neuen Erfahrungen an der Grenze. «Nach und nach ersetzen Beziehungen die Messgrössen, und die Bezüge verändern sich. Gewissheiten verschwimmen, und heimliche Erinnerungen schleichen sich ein. Eine andere Landkarte entsteht. Gefühle und Orte werden in Verbindung gesetzt, ein neuartiges Raumverständnis wird möglich», so das Projektteam.

Wir sprachen mit der ehemaligen Jurypräsidentin Céline Guibat, was sie an dem Projekt «oræ - Experiences on the Border» überzeugte, über die Auswahlkriterien der Jury und die wichtigsten Erkenntnisse aus dem partizipativen Projekt.

Mathilde de Laage: Was machte das Projekt, das aus einem offenen Wettbewerb hervorging, so eigen­ständig? Und was hat das Thema «Grenze», das oft in Länderpavillons behandelt wird, damit zu tun?

Céline Guibat: Ob ein Projekt das Potenzial hat, zeitgenössische Themen im Schweizer Pavillon darzustellen, ist durchaus ein Auswahlkriterium. Das Thema der Grenze ist eine dieser brennenden aktuellen Fragestellungen. Wie wirkt sich eine gezeichnete Linie auf einer Karte auf eine Region aus? Was bedeutet das? In der Tat hat eine solche Linie eine physische, psychologische und räumliche ­Wirkung. Die Kuratoren schlugen einen Blickwinkel der Wahrnehmung vor, uns faszinierte das Potenzial, das sich damit bezüglich des Raums eröffnete.

Wir spürten sofort das starke kuratorische Potenzial, denn bei der Architekturbiennale geht es auch darum, die Besucher rasch in den Bann zu ziehen, indem man ein eindringliches Erlebnis schafft. Die Heraus­for­derung für das Team besteht darin, ein reich­haltiges und komplexes Konzept in der Ausstellung umzusetzen. 2018 war die Ausstellung «Svizzera240» (vgl. TEC21 28–29–30/2018, «16. Architekturbiennale: Freespace») von Alessandro Bosshard, Li Tavor, ­Matthew van der Ploeg und Ani Vihervaara teilweise spielerisch und erregte in amüsanter Form Aufmerksamkeit, auch wenn sie eine direkte Kritik am Schweizer Bauwesen war. Die Herausforderung besteht darin, zu kommunizieren und dabei das richtige Mass zu finden, um das Thema brisant darzustellen!

Laut den Autoren des Projekts bedeutet «das Studium der Schweizer Grenze in unserer Zeit, diese nicht nur als Linie auf einer Karte zu sehen, sondern als einen Lebensraum – nicht nur als Ende also, sondern auch als Anfang».

Guibat: oræ – Experiences on the Border umfasst die ganze Schweiz und regt eine zentrale De­batte in der Zivilgesellschaft an. Die Stärke des Vorschlags ist, einen Raum für den Austausch über einen metaphysischen Aspekt zu schaffen und eine Diskussion innerhalb der Gesellschaft zu konkretisieren. Grenzen betreffen alle, auf konkrete und auch unfassbare Weise. Das Projekt schärft das Bewusstsein für die Wahrnehmung und eröffnet eine Dis­kussion über die gebaute Umwelt und das kollektive Gedächtnis.

Die Herausforderung beim Projekt ist die Transkription komplexer Inhalte in eine einfache, verständliche und interessante Darstellung, die Art der Dokumentation, der partizipativen Prozesse und wie ein Modelllabor mit den Bewohnern geschaffen wurde. Das gesammelte Wissen während des Ent­stehungsprozesses war umfangreich, aber entscheidend war die Umsetzung, da sie auch mit einem kartografischen Ehrgeiz verbunden ist. Zudem erwies sich der Kontext der Pandemie als Chance, weil das Team eine zweite Tour machen und so das Projekt weiterentwickeln konnte. Jetzt stellt sich die Frage der Synthese. Das Team hatte einen umfassenden Kurs! Es hat alle Aspekte angesprochen und bewiesen, dass sein Ansatz vollständig ist.

Was kann die Architektur von dieser Annäherung ­lernen, die das Kuratorenteam mit den Bewohnern gewählt hat?

Guibat: Gemeinden sind zunehmend offen für partizipative Prozesse. Als beteiligte Fachleute können wir Lehren aus dem Format und den Erfahrungen ziehen, denn das Team hat den Bewohnern neue Praktiken aufgezeigt. Das ist das eigentliche Thema des Pavillons: Wie kann man eine Zivilgesellschaft für neue Praktiken sensibilisieren, auch für experimentelle? Denn wir alle sind Handwerker unserer gebauten Umwelt. Von dem Moment an, in dem wir lernen, die Dinge wahrzunehmen, ent­decken wir sie in einem neuen Licht und können sie in der Folge anders gestalten. Diese Mehrfach­effekte des Dialogs, verbunden mit dem Territo­rium, sind interessant und erweitern den Horizont.

Die Kulturstiftung Pro Helvetia setzt für die Auswahl auf offene Wettbewerbe. Macht auch das die Projekte für die Biennale so hochwertig?

Guibat: Diese Wettbewerbsart macht es möglich, ein Ausstellungsprojekt über einen längeren Zeitraum zu entwickeln, unabhängig vom Kalender der Architekturbiennale. Nach der Bekanntgabe des Hauptthemas der Biennale wäre der Zeitrahmen für die Kuratoren zu klein, um ein Projekt umfassend auszuformulieren. In unserem Kalender gewinnt es mit der Zeit an Reife. Ausserdem, und das ist dem offenen Verfahren in zwei Runden geschuldet, ist der Prozess dynamisch und entwicklungsfähig; er bietet Platz für eine Vielzahl von Vorschlägen. Das Format ist leicht für die erste Phase und gut umsetzbar für unterschiedlich grosse Büros. Es ist agil, an die Situation der Fachleute angepasst und offen.

17. Internationale ­Architekturbiennale Venedig

 

Die vom Architekten Hashim Sarkis unter dem Titel «How will we live together?» kuratierte Ausstellung wurde wegen der Pandemie von 2020 auf 2021 ver­schoben: Die Ausstellung wird nun von Samstag, 22. Mai, bis Sonntag, 21. November 2021, zu sehen sein.

Weitere Infos: labiennale.org