Architektur und Politik

Editorial aus archi 6/2014
«Überall gewaltige Splitter, scharfe Spitzen, schräge Flächen. […] Das heutige Angebot von Formen ist riesig, betäubend und verwirrend, ebenso wie ihr Konsum, als würden wir uns in einem grossen Architektur-Supermarkt befinden, wo wir von allen Seiten erbarmungslos von Farben, Geglitzer und grellem Licht umgeben wären.» (Tita Carloni, 2004)

Den oben in Erinnerung gerufenen Sätzen, die Tita Carloni mit Blick auf die an der Biennale von Venedig im Jahr 2004 ausgestellten Arbeiten niederschrieb, fügte er noch hinzu, diese derart modischen Bauformen im Allgemeinen seien nicht von Dauer und würden die Zeit nur überdauern mit einer kontinuierlichen Wartung, mit «einer aussergewöhnlichen Energiezufuhr, mit Strukturen und Anlagen, die ständig überwacht werden müssen und die selbst mit automatischen Vorrichtungen den langsamen oder plötzlichen Einbruch kostspieliger Ausfälle erleiden …».

Beim neuerlichen Lesen dieser Betrachtungen kam ich nicht umhin, an den auf dem Cover der Ausgabe 21/2014 von TRACÉS (Foto) abgebildeten gestreckten Mittelfinger von Frank Gehry zu denken. Damit reagierte dieser kürzlich auf einer Pressekonferenz auf einen kritischen Journalisten, der ihn aufgefordert hatte, Stellung zu nehmen zur Kritik an dem «reinen Show-Charakter» seiner Bauwerke. Der Zusammenhang zwischen Carlonis Text und diesem Bild ergibt sich nicht allein aus dem Umstand, dass sich Carloni genau auf die Werke von Architekten wie Gehry bezieht, sondern auch aus den Betrachtungen zur extremen, gegensätzlichen Vielfalt im Stil dieser Leute, in ihrer Ethik, in ihrem Konzept zur Beziehung zwischen dem Beruf und der Gesellschaft.

Zu einem besseren Verständnis für das, worauf ich die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser gern lenken würde, lade ich Sie ein – sofern Sie es nicht schon getan haben –, den Text Diario dell’architetto von Paolo Fumagalli zu lesen. Für mich ist dieser Essay in jeder Hinsicht fester Bestandteil des Themas der Ausgabe 6/2014 von Archi, die Tita Carloni gewidmet ist – und damit der Frage nach dem Verhältnis zwischen Architektur und Politik. Es ist generell eine der komplexesten und bedeutendsten Fragestellungen. Was uns jedoch hier und heute interessiert, ist die dringende Notwendigkeit, eine Ausübung von Kritik als öffentliche Aufgabe gegenüber Architekten und Ingenieuren wiederzuerlangen und sie aus ihren Studios und von ihren Baustellen wegzuholen.

Das vorherrschende Bebauungsmodell, das unter aller Augen die Geografie und Landschaft der Tessiner Täler  verschandelt und planlos Bauwerke über sie verstreut, wird von jenen verteidigt, die Profit daraus ziehen und die auf die Unterstützung anderer zählen – noch immer sehr vieler, einer Mehrheit –, die sich aus Unkenntnis von der illusorischen Erwartung haben umgarnen lassen, auf irgendeine Weise ein paar Brosamen dieses Profits abzubekommen; und auf Unterstützung von jenen, die die (ebenfalls illusorischen) Vorteile dieser Art auf Kosten der Gemeinschaft zu leben nutzen, auf das sich dieses Modell zu einem sehr hohen Preis stützt. Unter Letzteren sind viele Vertreter der jüngeren Generation, die es ablehnen, in der Stadt bzw. unter den Bedingungen einer erhöhten Bevölkerungsdichte zu leben, weil ihnen noch niemand gezeigt hat, dass es sehr wohl Wohnmöglichkeiten gibt, die eine Alternative zum einzeln stehenden Häuschen sind – Möglichkeiten, die den Bedürfnissen nach Privatsphäre, der Beziehung zur Natur, innovativer Aufteilung und geringen Kosten gerecht werden. Und sie sind sich nicht wirklich der Ressourcenverschwendung bewusst, die die Zersiedlung mit sich bringt, Ressourcen, die von der sozialen und kulturellen Verwendung zum Nutzen aller abgezogen werden.

Wer könnte sich an dieser öffentlichen, vornehmlich kulturellen Auseinandersetzung mit einiger Wirksamkeit beteiligen, um den Konsens von einem Bereich auf einen anderen zu verlagern, wenn nicht die Architekten und Ingenieure mit ihrer Forschung, mit ihren Projekten und ihrer professionellen Beteiligung an der öffentlichen Debatte zu diesen Themen? Das ist die Politik.

Die Geschichte Tita Carlonis ist ein Beispiel für dieses Engagement. Gewiss, in einem Abschnitt seines Lebens war Carloni auch als Angehöriger einer Partei und gewähltes Mitglied des Grossen Rats auf eine umfassendere und professionelle Weise politisch aktiv. Wir wollen uns jedoch hier mit seiner Arbeit als Stadtarchitekt befassen, eines Architekten, der sich stets der Auswirkungen und Konsequenzen seiner Arbeit auf die Umgebung bewusst war, und auf seine intensive schriftliche und mündliche Beteiligung in allen strittigen Angelegenheiten.

Die Teilnahme am politischen Leben – im Sinn der bereits erwähnten Bürgerbeteiligung, der aktiven Bürgerschaft – und die Ausübung der Reflexion, die Hervorbringung eines Bürgergedankens im Kontext, aus dem das Projekt Gestalt bezieht, verleihen diesem Projekt Sinn und Qualität. Der Gebrauch der Fähigkeit zum Verständnis der Realität, die durch das Projekt verändert wird, ist ein Mehrwert des Planungsprozesses.

Die Casa del Popolo (Volkshaus), die Tita Carloni in den Jahren 1970–71 in der Via Balestra in Lugano realisierte, ist ein Werk, dessen aussergewöhnliche, durch die Fülle von Bezügen genährte Urbanität nicht nur von der Baukultur des Architekten herrührt. Sie reflektiert auch seine – in seiner politischen Tätigkeit gewonnene – Fähigkeit, die Erfahrung mit dem Charakter der Stadt, wie sie sich herausgebildet und welche Widersprüche und Konflikte sie dafür durchlebt hat, in eine aktive und schöpferische Beziehung zum Wissen und zur Ausübung der Baudisziplin und -kultur zu setzen.

Die italienischsprachigen Beiträge zum Thema finden Sie unter diesem Link: «Tita Carloni e la casa del popolo».

Abschied von unserem Archi-Redaktor Marco Bettelini
Die Redaktion von archi und die Verlags-AG danken Marco Bettelini für den langjährigen redaktionellen Einsatz und wünschen ihm für seine berufliche Zukunft alles Gute.

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