Wie Frauen bauen

Bauen Frauen anders? Bauen sie überhaupt? Zwei Ausstellungen in Frankfurt und Bern gehen diesen Fragen nach.

Tina Cieslik Architektur/ Innenarchitektur, Redaktorin TEC21

Seit rund 100 Jahren ist es für Frauen in Deutschland möglich, Architektur an einer Technischen Hochschule zu studieren und das Studium mit einem Diplom abzuschliessen. Zeit genug, würden man meinen, um sich im Beruf zu etablieren. Doch erst seit einigen Jahren studieren etwa gleich viele Frauen und Männer an den Architekturhochschulen. Der Trend ist europaweit, in Deutschland mit 53 % am deutlichsten.

Andererseits gibt es unter den dort im Beruf tätigen Architekten nur rund ein Drittel Frauen. Zwar erreichen sie heute auch leitende Positionen als Partnerinnen in Architekturbüros oder als Hochschullehrerinnen, an dem Geschlechter-Missverhältnis in der Architektur ändern solche Karrieren aber immer noch wenig. Die Gründung von Büros oder die Besetzung einflussreicher Stellen und Professuren ist nach wie vor Männersache. 

Die Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum möchte dem entgegenwirken. Anhand der Berufsbiografien von 22 Architektinnen wird deren Einfluss auf die Baukultur im 20. und 21. Jahrhundert untersucht. Die Vielfalt ist eindrücklich: Ebenso, wie die porträtierten Frauen aus allen sozialen Schichten stammen, unterschiedlichen politischen Lagern angehörten und auf ganz verschiedene Arten zu ihrer Ausbildung gelangten, ebenso mannigfaltig sind die gezeigten Projekte in Plänen und Modellen, die das gesamte Spektrum des Architekturschaffens abbilden.

Die Aussensicht wird über Zeitungsartikel dokumentiert, die das herrschende Ungleichgewicht der Geschlechter teilweise erschreckend deutlich abbilden. Parallel zur Ausstellung zeigt das DAM in seiner Reihe «Schätze aus dem Archiv» eine Auswahl der Pläne und Zeichnungen zu einem nicht realisierten Entwurf für ein Berliner Bürohaus von Zaha Hadid (1950–2016).

Und hier und heute?

In Bern geht der Blick keine hundert Jahre zurück. Vor einem Vierteljahrhundert gründeten hier engagierte Berufsfrauen die ABAP, die Arbeitsgemeinschaft Berner Architektinnen und Planerinnen. Aktivitäten wie die Beteiligung in Kommissionen und Fachgremien und die alle zwei bis drei Jahre verliehene Auszeichnung ABAPplaus sollen einerseits das Schaffen der Frauen öffentlich sichtbar machen, andererseits die Anliegen von Frauen in die Planung transportieren.

Die Auszeichung ist es auch, die den roten oder eher grünen Faden durch die aktuelle Schau im Berner Kornhausforum bildet. Anhand der Preisträger – vorbildliche Projekte, Einzelpersonen, partizipative Planungsprozesse wie die der aktuellen Preisträger, die Nachbarschaftsinitiativen im Berner Stadtteil 3 – zeichnet die Ausstellung die Entwicklung der letzten 25 Jahre nach, ergänzt durch Einschübe zur politischen Einbettung der Frauenanliegen.

Filmische Porträts (Elisabeth Zahnd / Remo Legnazzi) von Berufsfrauen ergänzen das Plan- und Bildmaterial. Sie geben intime Einblicke ebenso in den Berufs- wie in den privaten Alltag der Frauen. Denn diese Verknüpfung ist, wie für alle berufstätigen Frauen, immer noch ein Kernthema: Die bessere oder schlechtere Vereinbarkeit von Familie und Beruf entscheidet oft über den Verlauf einer Karriere.  Entsprechend viel Wert legen die Bernerinnen auf Austausch und Vernetzung. Ergänzt wird die dichte Ausstellung von einer von der Fachbibliothek für Gestaltung kuratierten Auswahl an themenverwandter Lektüre.

Die Richtung stimmt

Wer nun meint, das Geschlecht spiele beim Bauen heutzutage doch keine Rolle mehr, dem sei gesagt: jein. Zwar betonte Zaha Hadid, erste und bisher einzige weibliche Pritzker-Preisträgerin, in ihrer Laudatio 2004, es gebe keine Architektur, an der sich das Geschlecht ihres Urhebers ablesen lasse. Das mag auf den ersten Blick stimmen. Bei vertiefter Betrachtung zeigen die ausgestellten Projekte sowohl in Bern als auch in Frankfurt aber, dass die Berücksichtigung weiblicher Bedürfnisse oft auch ganz generell mit einer höheren Gebrauchstauglichkeit der Architektur einhergeht. Dabei stehen die Frauen in diesem Fall stellvertretend für alle Minderheiten, und die Gestaltung ist selbstverständlich ebenso qualitätvoll wie bei männlichen Urhebern. Diversität ist nicht nur in der Wirtschaft ein Erfolgsfaktor,

Dass Frauen diesen Einfluss immer häufiger ausüben können, sei es über die Teilnahme an Jurys oder über die Besetzung wichtiger Schaltstellen, stimmt optimistisch. Weniger positiv hingegen ist die Tatsache, dass Frauen in der Architektur auch nach über hundert Jahren offenbar ein Sonderfall sind – so besonders, dass es sogar Ausstellungen darüber gibt.
 

Architektinnen in Frankfurt und Bern

Die Ausstellung «Frauen planen und bauen. Eine bernische Planungs- und Architekturgeschichte für alle» ist noch bis zum 16. Januar 2018 im Kornhausforum in Bern zu sehen.
Öffnungszeiten: Di–Fr 10–19 Uhr, Sa 10–17 Uhr
Zur Finissage am 16. Januar findet ein Podiumsgespräch zum Thema «Diversity. Frauenanliegen beim Bauen und Planen» statt. Weitere Infos: www.abap.ch

«Frau Architekt. Seit mehr als hundert Jahren: Frauen im Architektenberuf» läuft noch bis 8. März 2018 im Deutschen Architekturmuseum DAM in Frankfurt am Main.
Öffnungszeiten: Di, Do bis So 11–18 Uhr, Mi 11–20 Uhr
Weitere Infos, auch zum Rahmenprogramm: www.dam-online.de. Komplettiert wird die Ausstellung von einer überaus reichhaltigen Publikation.

Mary Pepchinski, Christina Budde, Wolfgang Voigt, Peter Cachola Schmal (Hg.): Frau Architekt. Seit mehr als 100 Jahren: Frauen im Architekturberuf. Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen 2017. 316 S., Hardcover, ISBN 978-3-8030-0829-9, Fr. 69.90

 

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