Täuschende Virtual Reality im Universitätsquartier

Leserbrief zur Planung Universitätsquartier Zürich

Die Planung für das Zürcher Uni­versitätsquartier schreitet voran (vgl. TEC21 42/2016, TEC21 48/2016). Die Ergebnisse sind umstritten, wie der Leserbrief der Arbeitsgruppe Raumplanung Zentrum zeigt.

Norbert Clemens Novotny Dr. sc. techn. ETH

«Wir haben in TEC21 48/2016 den Sinn der Stadtraumstudien für das Hochschulquartier, öffentlich ausgeschriebene Studienaufträge im selektiven Verfahren gemäss SIA 143,  infrage gestellt. Sie wurden durch Round-Table-Gespräche des Stadtrats ergänzt. Das Ergebnis liegt nun vor, ausgestellt im Informationsraum der ‹Alten Anatomie› des Universitäts-Spitals Zürich (USZ). Der Richtplan ist zwar vom Kanton verabschiedet, liegt aber noch unbestätigt in Bern. Die jetzigen Studien greifen daher der Legalität vor.
Studien eines architektonisch nicht definierten Aussenraums sowie das Hochhaus im Kerngebiet des USZ werden die erste Konkretisierung sein. Dies scheint uns das verkehrte Vorgehen zu sein. Dass zuerst die Stadt und nicht ihr Hohlraum kommt, wurde in der Geschichte des Städtebaus nur in ­absolutistischen Regimen infrage gestellt. Die nun vorliegenden Vorschläge für die Aussenräume des Hochschulquartiers verwenden ein dazu passendes Vokabular, wie ­‹Agora, Gloriapark, Parkschale, ­Gloriakaskade, Kulturmeile, Stadtbalkone, Sternwartekaskade, Sternwartestrasse, Nutzungschoreografie›. Sie sind in ihrer Konkretisierung inhaltlich unrealistisch und verwenden eine unehrliche, täuschende Architekturvisualisierung, eine Virtual Reality.


An der Rämistrasse stocken bereits heute öV und iV. Mit zwei neuen, an neuralgischen Knoten geplanten Tramstationen ist sie auch in den vorliegenden Studien eine determinierende horizontale Se­kante des Hochschulquartiers. Sie wird in den Schaubildern als idyllische Achse ohne Autos dargestellt, mit einem gewaltigen Rondell im ‹Gloriapark› – dies in Form einer überdimensionalen ringförmigen Tramstation, ‹Agora› genannt, als visuell prägendes Element der ‹Kulturmeile›. Schon gar nicht realistisch ist die Vision eines ‹Forums› von der Rämistrasse bis zu der von denkmalgeschützten Gebäuden verdeckten Semper-Sternwarte, der  ‹Sternwartekaskade› mit einem Mini­park an der geplanten ‹Sternwartestrasse›, der akademischen Promenade. In Wirklichkeit wird diese neue Stras­se von Ambulanzen und Zubringern Tag und Nacht befahren sein.


Und wer daran glaubt, dass die Hälfte der im Richtplan prognostizierten 50 000 Besucher der Hochschulterrasse, morgens und abends vom Hauptbahnhof kommend, sich zuerst über den Central zum Eingang an der Hirschengrabenmauer durchkämpft und dort mit einer 300 m langen teilweise unterirdischen Rolltreppe (maximale Stundenleistung mit Dreifachpalette: 7500 Personen) sowie über eine Fussgängertreppe in vernünftigem Zeitaufwand auf die Hochschulterrasse gebracht werden kann, ist nicht ernst zu nehmen. Da hilft auch ein Modal Split mit Tram und Velo nicht. Diese Menschen werden dann beim ‹ETH Forum› und die vom Stadelhofen über die Künstlergasse kommenden Fussgänger beim ‹Rondell› die ­Rämistrasse überqueren – und den Verkehr vom Irchel bis zum Heimplatz zum Erliegen bringen.


Trügerische Worte und Bilder verdecken die so entstehende  Vierteilung des Spital- und Hochschulareals in eine ‹urbs academica quadrata›: horizontal geteilt durch die stark befahrene Rämistrasse in eine Welt der Kranken und eine der Gesunden, vertikal in ein westliches Lager der zur Semper-Sternwarte strebenden Forums-Erklimmer und in ein östliches Lager der schöngeistigen Agora-Benutzer. Dazwischen liegen der ‹Gloriapark› und das ruhe­bedürftige Universitätsspital.


Wer meint, dass hier Synergien zwischen ETH, USZ und UZH entstehen können, und auf die romantischen Fusswege im ‹Gloriapark› setzt, hat die Rechnung ohne das USZ gemacht. Der Planer des USZ, Eugen Schröder, betonte bereits im ersten Round-Table-Gespräch der Stadt ausdrücklich, dass das Spital der Wahrung seiner Intimität bedarf. Die Spaziergänger des Quartiers, die Geisteswissenschafter und die ETH-Jünger werden sich hier nie ungehindert bewegen und begegnen dürfen. Und das auf der Wässerwies intendierte Begegnungszentrum der Universität, getrennt von der ‹Agora› und dem Spitalpark durch die stark befahrene Gloriastrasse als neue Zubringerin zum USZ-Haupteingang, wirkt auch nicht sehr integriert. Der Bericht zu den Studien spricht von einer ‹Nutzungschoreografie›, die deutlich zeigt, dass die Hochschulterrasse am Abend und an den Wochenenden leblos sein wird. Hier wird ein ‹gated area› entstehen, ein akademisches Getto ohne Integration in die Quartiere und die Stadt.


Die Richtplanung hat eine willkürlich festgelegte und bedeutungsmässig nicht strukturierte urbane Masse vorgegeben. Stadtraumstudien, die nur der eleganten Möblierung dieses noch fiktiven Gebildes dienen, sind eine selbstbefriedigende Kosmetikübung. Die Erfahrung, dass ein Richtplan und die a posteriori erfolgenden architek­tonischen Implementationen, wie es hier geschieht, nicht unabhängig voneinander behandelt werden ­können, wird hoffentlich auch im Unterricht der Architekten der ETH seinen Niederschlag finden.»
 

Weitere Infos: Die Webseite uniklotz.ch begleitet die Planung kritisch.

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