Rauchschwaden oder Klarheit

Gestaltung von Läden

Ein ungewöhnliches Konzept für ein Zigarrengeschäft vereint Verkaufsraum, Humidor und Lounge zu einem Ensemble. Dagegen setzt die Gestaltung einer Boutique auf die Wirkung des einfachen Raums.

Hella Schindel Architektur, Redaktorin TEC21

Nach Niederlassungen in Genf und Luzern ist nun auch in Basel ein – ja, was eigentlich? – ein «Tempel für Freunde des gepflegten Rauchens», ein Flagshipstore von Davidoff of Geneva eröffnet worden. In einem historischen Gebäude am Brücken­kopf auf Grossbasler Seite wurde dafür ein prominenter Ort gefunden.

Optik statt Authentizität

Funktional ist er wie eine Apotheke aufgebaut: Die eigentlich interessante Ware liegt hinter Glas und ist nur über den Verkäufer zugänglich, ergänzend werden handwerklich feine  Objekte aus Leder und Glas sowie kostbare Getränke präsentiert.
Dem weltweit einheitlichen Konzept entsprechend sind grosse Teile der Wandflächen sowie die Regale und Vitrinen aus Systemelementen gebaut. Deren Oberfläche ist mit speziell verdichtetem Nussbaumfurnier und Metallbändern bekleidet. Der begehbare Humidor, das Herz (um nicht zu sagen: die Lunge) in der Mitte des Geschäfts, ist an der Eingangsseite verglast. Von Zeit zu Zeit stieben kleine Dampfwolken aus eingebauten Düsen und verstärken die Tabakaromen, die durch den Raum schweben. Das gesamte Ensemble ist in erdigen Tönen und Materialien gehalten.
Idealerweise könnte die Raumhülle die Exklusivität der  Waren mit ihren Mitteln zum Ausdruck bringen. Bei näherer Betrachtung wird aber deutlich, dass die Holz­oberflächen, die durch die Behandlung viel von ihrem natürlichen Charakter eingebüsst haben, die gewünschte Klasse nicht ausstrahlen. Die Erwartungen an natürliche Qualität und Handwerkskunst erfüllen sich nicht.
Ähnlich verhält es sich mit der Lounge, die an das Geschäft anschliesst und die Räumlichkeiten zusammen mit dem Humidor zu diesem ungewohnten Ensemble verbindet. Gegenüber dem Verkaufs­tresen fällt der Blick durch einen verglasten Torbogen in den Bereich, der sich entlang der Rheinfront erstreckt und einen erstklassigen Blick über das Geschehen auf dem Fluss bietet. Die italienischen Ledersessel sind gediegen und werden
die Spuren der Zeit würdig aufnehmen. Es darf geschmaucht werden, und wer die Zigarren nicht mit sich herumtragen möchte, kann dafür eines der Schliessfächer mieten. Eine Ansammlung verschiedener Sessel verleiht dem Gefüge aber noch keine überzeugende Atmosphäre. Die Funktion der Lokalität ist wohl in erster Linie die eines repräsentativen Showrooms, denn Zigarrengeschäfte gibt es bereits in nächster Nähe. Es ist nicht ablesbar, wem die Smoker’s Lounge offensteht. Vielleicht ist es diese unklare Definierbarkeit, die ein Unbehagen auslöst.
Feuer, Erde, Luft und Wasser –  hier ist ein Ort entstanden, der mit grossem Effort unsere Sinne ansprechen will, und doch stellt sich der Eindruck von wahrem Luxus, wie er den Produkten entsprechen würde, nicht ein. Die räumliche Verquickung von Verkauf und Aufenthalt bleibt dennoch interessant.

Transparenz als Haltung

Die Idee, die hinter dem Ladenkonzept beim Modelabel «kleinbasel»  steckt, ist vergleichbar, wird aber mit ganz anderen Mitteln umgesetzt.  Auch hier soll die Haltung transportiert werden, mit der die Ware produziert wird – in diesem Fall Damen- und Herrenbekleidung.
Der Raum ist schlicht wie ein Blatt Papier. Vom Schaufenster unter den Berner Altstadtarkaden öffnet er sich gerade in die Tiefe. Ganz hinten ist der Anschnitt einer Rotunde zu sehen, daneben der ­Vorhang für die Umkleiden. Ein grauer Anstrich, der auch den ­
Boden im grossen Schaufenster mit einschliesst, erdet die weissen Flächen ringsum.
Der offene Verkaufsraum ist mit rohen Materialien und simplen Möbeln ausgestattet, so wie das Design der Kleider auf klaren Schnitten und  Stoffen beruht. Hier wie da liegt das Augenmerk auf der individuellen Fertigung und dem Detail.

Arte Povera

Entlang der Seitenwände stehen Regalmodule, deren Lagerflächen und Stangen flexibel umzubauen sind. Für die Damenkleider an der linken Wand wurde dafür weiss beschichtete Spanplatte gewählt. Für die Männerbekleidung auf der rechten Seite eine etwas stärkere Variante, die an den Schnittflächen ein Innenleben aus Naturholz zeigt und so etwas robuster wirkt. Im Kontrast zu diesen Möbeln, deren weisse Flächen sich optisch mit der umgebenden Architektur verbinden, dienen ein paar gebrauchte Rollwagen als Ablage und eine Werkbank als Tresen. Diese Elemente sind als eine Referenz an den Zeitgeist zu lesen und gleichzeitig eine unbekümmerte Geste, die die Struktur aufbricht. Auch beim Thema Beleuchtung gilt das Prinzip: Das Licht, nicht die Leuchten sind wichtig. Für die ­Präsentation der Kleidung reichen Leuchtstoffröhren, die am Boden der Regale eingelegt sind. Einzelne Glühbirnen in Bakelitfassungen ­setzen Akzente im Schaufenster,
das zum Verkaufsraum offen ist.

Der Wunsch, mithilfe der Raumgestaltung Inhalte zu transportieren, erfüllt sich. Indem denkbar schlichte Materialien, Farben und Formen gewählt wurden, verfängt sich der Blick an Verarbeitung und Proportion. Insgesamt ist der Raum so ­zurückhaltend, dass die Kleidung dar­in die Hauptrolle spielt.

Am Bau Beteiligte


«Davidoff of Geneva – since 1911», Basel

Ladenbau
Arno, Wolfschlugen (D)

Möblierung Lounge
Poltrona Frau, Tolentini (I)

Beleuchtung Lounge
ontwerpduo, Eindhoven (NL)


«kleinbasel» by Tanja Klein, Bern

Möbelentwurf
Oliver Senn, Architekt, Basel

Möbelbau
Schweighauser, Muttenz

Lichtplanung
Beda Klein, Architekt, Basel

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