Perspektivenwechsel

Sustainable Built Environment Conference

Baufachleute sind auf der Suche nach Ideen für einfache und suffiziente Gebäude, Wissenschaftler interessieren sich mehr für komplexen ­systemischen Städtebau: Mitte Juni fand an der ETH Zürich die Sustainable Built Environment Conference (SBE16) statt.

Viola John Konstruktion/nachhaltiges Bauen, Redaktorin TEC21

Bei der gut besuchten drei­tägigen Sustainable Built Environment Conference in Zürich ging es um Nachhaltigkeit und systemisches Denken im Bauwesen. Statt individueller Einzellösungen wurden in zahlreichen Vorträgen ganzheitliche Konzepte an der Schnittstelle von Baustoff, Gebäude und Stadt thematisiert. In den vorgestellten Forschungsergebnissen zeigte sich dabei auch ein deutlicher Paradigmenwechsel im Vergleich zu den Themenschwerpunkten der Konferenzen vergangener Jahre: weg von der Optimierung einzelner Gebäude, hin zur nachhaltigen Gestaltung urbaner Räume. Einige inspirierende Vorträge namhafter inter­nationaler Forscher rundeten das Programm ab. 

Für diejenigen, die auch im Anschluss an die Konferenz-Ses­sions weitere Anregungen suchten, wurden Besichtigungstouren organisiert. Unter anderem gab es Führungen zum Empa-NEST-Gebäude in Dübendorf (vgl. TEC21 22/2016) und zum Hunziker-Areal der Baugenossenschaft «mehr als wohnen» in Zürich-Nord (vgl. TEC21 13–14/2015).

Nachhaltige Entwicklung 

Nils Larsson von der International Initiative for a Sustainable Built Environment (iiSBE) erinnerte an die Problematik des Klimawandels und an die weltweiten Bestrebungen, den globalen Temperaturanstieg unter 2 °C zu halten. Auch wenn der Klima­wandel langsam fortschreite, bestehe sofortiger Handlungsbedarf, da sämtliche Massnahmen, die heute beschlossen würden, erst über einen längeren Zeitraum Wirkung zeigten. 

«Der Mensch muss zukünftig stärker im Einklang mit der Natur leben und sich selbst als Teil des Ökosystems der Erde verstehen.» Dieses höchst engagierte Anliegen für eine nachhaltige Entwicklung trug Chrisna du Plessis von der südafrikanischen Universität in Pretoria vor. Jeder Einzelne müsse sein Möglichstes zu einer Zukunft beitragen, in der sich alle Lebewesen bestmöglich ent­wickeln können. Denn: «Wir atmen dieselbe Luft wie schon die Dino­saurier und wie unsere Kinder und Kindeskinder.» Passioniert verlangte sie, die menschliche Sicht auf die Welt müsse sich durch die Schaffung neuer positiver Werte ändern. Statt der Erde Rohstoffe und Lebensmittel zu entziehen, sollten wir zum Beispiel jene Dinge anbauen, die wir wirklich benötigen. Auch die Baupraxis muss sich ihrer Meinung nach wandeln, denn ausschlag­gebend ist die Art und Weise, wie Gebäude gebaut werden. Die Bau­beteiligten sollten sich mehr Zeit zur kritischen Reflexion nehmen.  

Systemischer Städtebau    

Peter Edwards vom Singapore-ETH Centre for Global Environmental Sustainability sagte: «Städte sind der Schlüssel zu nachhaltiger Entwicklung.» Sein Future Cities Lab arbeitet an Strategien, um Städte an die Anforderungen des Klimawandels anzupassen. Er widmete seinen Vortrag den Themen Verdichtung und Wachstum von urbanen Räumen und von sogenannten Desakota, Räumen im erweiterten Umland von Grossstädten in Asien, in denen urbane und landwirtschaftliche Nutzungs- und Siedlungsformen nebeneinander vorkommen und stark miteinander vermischt sind. 

Auch Koen Steemers, der kürzlich als einer der 50 einflussreichsten Menschen Grossbritan­niens im Bereich Nachhaltigkeit gelistet wurde, beschäftigt sich mit Dichte im Stadtraum. Der Architekt und Wissenschaftler von der Universität Cambridge proklamierte, eine maximale urbane Verdichtung könne nicht die Lösung für nachhaltige Städte sein. Vielmehr gehe es darum, vielfältige urbane Räume zu schaffen, um die Zufriedenheit der Menschen zu steigern. Dies sei mittels Diversität im Stadtraum zu erreichen, z. B. über unterschiedliche Gebäudehöhen und unbebaute Frei­flächen.

Er forderte die anwesenden Wissenschaftler dazu auf, sich vorrangig der komplexen und schwierig zu lösenden Probleme an der Schnittstelle von Technik und Gesellschaft anzunehmen. Bei der Betrachtung einzelner Aspekte dürfe man aber nie die übergeordneten Zusammenhänge aus den Augen verlieren. Sein Fazit: «Widme dich mit Begeisterung der Unsicherheit, Komplexität und Diversität!»

Passend dazu referierte der französische Stadtplaner und Wissenschaftler Serge Salat über die Stadt als massstabsloses Netzwerk und über urbane Morphologie in komplexen Systemen zur Vernetzung von Menschen und Gedanken. In seinem spannenden Vortrag analysierte er hierarchisch gestaffelte traditionelle Strassenmuster und resümierte: «Städte sind Beziehungsnetzwerke, aus denen sich Orte entwickeln.» Dabei gibt es charakteristischerweise viele kleinräumliche Teilsysteme, aus denen sich grössere urbane Systeme zusammenfügen lassen. Für eine integrale nachhaltige städtebauliche Planung müsse man daher in Systemen von Stoffflüssen, Dichte und Produktivität denken.

Theorie allein reicht nicht

Wiebke Rösler Häfliger, Direktorin des Amts für Hochbauten der Stadt Zürich, forderte die Konfe­renz­teil­nehmer dazu auf, nicht nur theo­retisch zu arbeiten, sondern Beziehungen zu Städten und Gemeinden aufzubauen, um Forschungs­ergeb­nisse in die Tat umzusetzen. So soll möglichst bald ein emissionsarmer Gebäudepark Realität werden. «Helft uns bei der praktischen Umsetzung!», so ihr nachdrücklicher Appell.

Einfachheit und Suffizienz

Abschliessend fand eine Podiumsdiskussion unter der Moderation des emeritierten Professors Niklaus Kohler statt. Eine Gruppe ausgewählter Redner diskutierte die für sie wichtigsten Themen für Forschung und nachhaltige Entwicklung im Bauwesen. 

Laut Architekt Eike Roswag steht heute viel Technologie zur Verfügung, auch in Gebäuden. Architektur müsse sich auf das Einfache zurückbesinnen, damit zukünftig anpassungsfähige Gebäude entstehen können. Es dürfe aber nicht darum gehen, Technologie abzuschaffen, entgegnete Chrisna du Plessis, sondern darum, sich nicht zu sehr von ihr kon­trol­lieren zu lassen. Problematisch sei die Tatsache, dass es sich heute viele Menschen aufgrund der hohen Wohnungspreise nicht mehr leisten können, in Städten zu leben. 

Dass es unterschiedliche Auffassungen gibt, was «einfaches» Bauen ausmacht, davon war  Annette Aumann von der Stadt Zürich überzeugt. Ihrer Ansicht nach kann man durch reduzierte Wohnungsgrössen und gemeinschaftlich nutzbare Flächen viel zur Lösung des sozioökonomischen Wohnraumproblems beitragen. 

Niklaus Kohler zog das Fazit, dass man mit Forschungsergebnissen allein nichts im wirklichen Leben verändern könne. Eine neue gesellschaftliche Denkweise müsse sich etablieren, hin zu einfachen, suffizienten Lösungen.

Aber wie sind Einfachheit und Suffizienz konkret in der Baupraxis realisierbar? In dem bunten Potpourri aus ca. 90 Fachvorträgen während der SBE16-Konferenz in Zürich wurde über diese Frage kaum reflektiert. Die Suche nach Ideen geht also weiter, ebenso wie die Serie der regionalen SBE16-­Konferenzen. Die nächste findet im September in Singapur statt.
 

Organisatoren der Konferenz:
Professur für Nachhaltiges Bauen sowie Professur für Architektur und Gebäudesysteme der ETH Zürich, Amt für Hochbauten der Stadt Zürich und Bundesamt für Energie

Ausgezeichnete «Best Paper»:
P. Van den Heede et al., The cost and environmental impact of service life extending self-healing engineered materials for sustainable steel reinforced concrete.
A. Klinge et al., Naturally ventilated earth timber constructions.
S. Schneider et al., Geo-dependent heat demand model of the Swiss building stock.

Die Konferenzbeiträge erscheinen als E-Book im vdf Hochschulverlag

Weitere Informationen unter www.sbe16.ethz.ch

Auszeichnungen: vom Baudetail zum Gebäudepark

Die drei «Best Paper»-Auszeichnungen für die besten Konferenzbeiträge gingen an Philip Van den Heede von der Universität Gent, Andrea Klinge von Ziegert | Roswag | Seiler Architekten und Ingenieure aus Berlin und Stefan Schneider von der Universität Genf. Thematisch vielfältig decken die drei ausgewählten Beiträge Aspekte auf den Ebenen Baudetail, Gebäude und Gebäudepark ab.

Van den Heede führt in seinem Beitrag eine Ökobilanz- und Kostenanalyse für selbstheilenden Stahlbeton durch und vergleicht die Ergebnisse mit jenen für normalen gerissenen Beton. Die Ökobilanzergebnisse zeigen eine deutliche Reduzierung der Umweltwirkungen unter Verwendung des selbstheilenden Betons, da man sich so die Reparaturaufwendungen für gerissene Betonteile über ihren Lebenszyklus erspart.

Allerdings lohnen sich die höheren Investitionskosten für den heilenden Zusatzstoff auf Polyurethanbasis erst, wenn die erforderlichen Kapseln für das Einbringen des Wirkstoffs deutlich günstiger werden. 

Ziegert | Roswag | Seiler Architekten stellen ihre Forschungs­ergebnisse zu natürlich belüfteten Lehm-Holz-­Konstruktionen vor. Sie zeigen, dass die Anwendung emissionsschwacher natürlicher Baustoffe mit stark hygroskopischen Eigenschaften, kombiniert mit einer ­natürlichen Belüftung, eine gute Alternative zur mechanischen Belüftung von Innenräumen bietet.

Schneider stellt in seinem Artikel ein statistisches Extrapolationsmodell vor, das den Wärmebedarf des gesamten Schweizer Gebäudeparks berechnen soll. Das Modell basiert auf den GIS-Daten des Schweizer Gebäude­registers und erweitert diese mit Schätzungen zur beheizten Fläche und zum Energiebedarf jedes Gebäudes.

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