Brüc­ken­schlag im Klein­ba­sel

Neubau Wohnüberbauung Riehenring 120, Basel

Auf dem Areal der Messehalle 3 in Basel soll eine Wohnüberbauung mit rund 170 Wohnungen entstehen. Das Siegerprojekt «Im Wandel» überzeugt mit mehreren geschickten Schachzügen, wobei der in Teilen schwierige Bestand als Chance begriffen wird.

Data di pubblicazione
27-05-2026
Katharina Marchal
Architektin Dipl. Arch. SIA, Fachjournalistin SFJ BR. Sie schreibt als Kriti­kerin für die Fachpresse und betreut Architekturbüros in der PR- und  Medienarbeit.

Dort, wo vor mehr als hundert Jahren noch der Badische Bahnhof stand, befindet sich heute das Basler Messegelände. Die langen Fronten der Hallen am Riehenring bilden seither eine städtebauliche Barriere innerhalb der Quartiere Matthäus und Rosental. Der Riehenring entwickelte sich aus dem ehemaligen Gleisfeld und wurde zur wichtigen Verkehrsachse im Kleinbasel. 

Nachdem die Halle 3 am Ende des Messegeländes nicht mehr benötigt wird und die aktuelle Nutzung durch Elektrobusse der Basler Verkehrsbetriebe bald endet, ergibt sich die Chance, die Quartiere durch einen neuen Stadtbaustein wieder besser zu verbinden. Eigentümerin der Parzelle im Geviert zwischen Feldberg-, Isteiner-, Sperrstrasse und Riehenring ist die Einwohnergemeinde der Stadt Basel. Sie will die Halle durch einen Neu­bau mit Wohnungen ersetzen. 

Dafür schrieb Immobilien Basel-Stadt einen anonymen Projektwettbewerb im selektiven Verfahren aus. Das Programm umfasst vor allem die Realisierung von preisgünstigem Wohnraum im Rahmen des Wohnbauprogramms +1000 und ergänzende Nutzungen wie Doppelkinder­garten, Tagesstruktur, Dienstleistungs- und Gewerbeflächen sowie ein dringend benötigtes Quartierparking. 

Mit dem Neubau sollen zugleich vielfältige öffentliche, halbprivate und private Freiräume angeboten werden. Dadurch erhält der Standort und die neue Überbauung eine Zentrumsfunktion für das nähere Wohnumfeld. Zwölf Teams mit den Fachbereichen Architektur, Baumanagement, Bauingenieurwesen und Landschaftsarchitektur wurden für die Teilnahme selektioniert. Gewonnen hat das Projekt «Im Wandel» der ARGE Clauss Kahl Merz und Truwant + Rodet +.

Integration des Bestands

Das Siegerprojekt überzeugt, weil es den heterogenen Bestand gekonnt integriert. So wird die Messehalle 1E – das Annexgebäude mit Nordeingang zur Messehalle 1 – selbstverständlicher Bestandteil eines kompakten Ensembles mit drei unterschiedlich ausformulierten Hofbereichen. 

Auch die mächtige Zufahrtsrampe, die ins Messeparking führt, integriert das Siegerteam funktional und architektonisch überzeugend. Gleichzeitig entsteht zum Riehenring hin ein gestaffelter Vorplatz, der vielfältige Formen der Bespielung anbietet, wie etwa einen mit Bäumen gesäumten Quartierplatz für Gastronomie und Gewerbe.

Den Schlussbericht und weitere Details finden Sie auf competitions.espazium.ch

Der aus vier Gebäudevolumen gebildete Blockrand öffnet sich auf allen Seiten zum Quartier. Spezifisch ausgestaltete Durchgänge und grosszügige Treppenanlagen verbinden die öffentliche Stadtebene mit den drei Höfen. Jeder dieser Freiräume bietet auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten und Öffentlichkeitsgrade an. Der nicht unterbaute Waldhof auf dem Erdgeschossniveau dient als Durchgangs- und Aufenthaltsfreiraum. Als grösster Hof lädt er sowohl die Mieterschaft als auch die Allgemeinheit zum Verweilen ein und kann als Sport- und Freizeitraum genutzt werden. 

Über eine Freitreppe werden die zwei weiteren Freiräume erschlossen, die direkt über dem Quartierparking liegen. Es ist der gemeinschaftlich orientierte Familienhof und der etwas privatere Pflanzhof. Auf stadträumlicher Ebene schafft dieses fein differenzierte Netz von Durchwegungen eine subtile, aber wirksame Verbindung der bislang schroff getrennten Quartierteile. 

Vielfältig und zukunftsorientiert

Der Vorschlag, das Quartierparking als offene, mehrheitlich oberirdische Struktur auszubilden, ist in doppelter Hinsicht vorbildlich. Zum einen werden damit Ressourcen geschont, da weniger tief ins Erdreich eingegriffen werden muss, zum anderen können diese Flächen zur Sperrstrasse hin einfach in ebenerdige Gewerbe- oder auch Wohnflächen umgewandelt werden. Dies für den Fall, dass die 150 Parkplätze in Zukunft wegfallen. Nebst einer erhöhten Flexibilität ist dieses Konzept kostengünstig und der Erhalt des Parkings führt zu einer Reduktion an CO2-Emissionen.

Rund 170 preisgünstige Mietwohnungen, hauptsächlich für Familien, und ein Appartementhaus mit Kleinwohnungen sind geplant. Das breit gefächerte Angebot von 1.5- bis 5.5- Zimmer-Wohnungen sorgt für die angestrebte Durchmischung der Bewohnerschaft. Zudem gehen die unterschiedlichen Wohntypen auf den spezifischen stadt- wie auch binnenräumlichen Kontext ein. Die Erschliessung variiert von zwei- bis mehrspännigen Treppenhäusern bis zu offenen Treppenanlagen und Laubengängen. 

Unter den drei nominierten Projekten weist das Siegerprojekt die kleinste Kubatur und das beste Verhältnis zwischen ober- und unterirdischem Volumen auf. Trotz einer durch die Erschliessungstypologie bedingten, leicht unterdurchschnittlichen Flächeneffizienz erreicht es etwa die gleiche Nutzfläche wie die anderen Projekte. 

Wirtschaftlich und nachhaltig

In der Bereinigungsstufe überarbeiteten die drei Teams ihre Projekte. Das Siegerprojekt gewann dadurch an Kohärenz. Die Kombination aus Holz-Beton-Verbundbauweise und massiv ausgebildeten Bauteilen wurde verfeinert und zeigt nun eine überzeugende strukturelle Logik über alle Geschosse hinweg. Geneigte Stützen eliminieren die Versprünge und gewährleisten eine einfache Lastabtragung, was sich positiv auf Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit auswirkt.

Die Metallverkleidung der Gebäudehülle und die Verwendung eher roher Materialien wie des Glasbausteins bei den Treppenhäusern verweisen auf die ehemaligen gewerblichen Nutzungen, die diesen Standort prägten. Einen spannungsreichen Kontrast dazu bildet die Veredelung der prägnanten Stirnfassaden in Naturstein. Überhaupt besticht das Projekt durch einen Reichtum an architektonischen Akzenten, wie beispielsweise den schrägen Dachschildern an den Ecken des Gevierts wie auch die prägnant ausformulierte Ecke des offenen Parkgeschosses an der Ecke Sperr- und Isteinerstrasse. 

Darüber hinaus ist das Projekt umweltfreundlich, da verschiedene Bauteile, wie etwa Stahlträger aus der bestehenden Messehalle 3 sowie aus der ehemaligen BVB-Garage Rank, wiederverwendet werden. Ab 2028 soll der Bestand zurückgebaut werden. Die Freigabe der weiteren Planungsschritte erfolgt phasenweise. Ziel ist der Bezug des Gebäudes durch die Nutzenden im Jahr 2030.

Neubau Wohnüberbauung Riehenring 120, Basel
Projektwettbewerb im selektiven Verfahren 

 

1. Rang, 1. Preis: «Im Wandel»

Clauss Kahl Merz Atelier für Architektur und Städtebau GmbH, Basel; Truwant + Rodet + GmbH, Basel; Schnetzer Puskas Ingenieure AG, Basel; Ganz Landschafts­architekten GmbH, Zürich; CSG Baumanagement AG, Basel; Peter Zeugin, Zürich; Zirkular, Basel; Rombo, Zürich
 

2. Rang, 2. Preis: «Rosi»

Rahbaran Hürzeler Architekten GmbH, Basel; HSSP AG, Zürich; Schnetzer Puskas Ingenieure AG, Basel; Gohl Landschaftsarchi­tektur GmbH, Basel
 

3. Rang, 3. Preis: «Dschungeli»

Staufer & Hasler Architekten AG, Zürich; Graser Troxler Architekten AG, Zürich; Werkraum Ingenieure ZT GmbH, Wien (A); Müller Illien Landschaftsarchitekten GmbH, Zürich; Christian Meier, Nachhaltigkeitsexperte, St. Gallen
 

4. Rang, 4. Preis: «Limonaia»

Weyell Zipse Architekten GmbH, Basel; Ferrari Gartmann AG, Chur
 

5. Rang, 5. Preis: «Bob l’Éponge»

SERA – Studio Esch Rickenbacher Architektur AG, Zürich
 

6. Rang, 6. Preis: «La Vie en Halle»

Donet Schäfer Reimer Architekten GmbH, Zürich; Takt Baumanagement AG, Zürich
 

Fachjury

Beat Aeberhard, Architekt, Kantonsbaumeister Basel-Stadt (Vorsitz); Ludovica Molo, Architektin, Lugano; Simon Frommenwiler, Architekt, Basel; Marco Graber, Architekt, Zürich/Bern; Margrith Künzel, Landschaftsarchitektin, Binningen; Nico Ros, Bauingenieur, Basel (Ersatz)
 

Sachjury

Bruno Fritschi, Mandatsleiter/Portfoliomanager, Pensimo Management AG, Zürich; Jonathan Koell­reuter, Leiter Portfoliomanagement, Immobilien Basel-Stadt; Christina Bronowski, Leiterin Entwicklung, Immobilien Basel-Stadt
 

Veranstalterin

Einwohnergemeinde der Stadt Basel, vertreten durch Finanzdepartement Basel-Stadt, Immobilien Basel-Stadt (Eigentümervertretung) sowie Bau- und Verkehrsdepartement, Städtebau & Architektur, Hochbau (Bauherrenvertretung)


Verfahrensbegleitung

planconsult, Basel; Bau- und Verkehrsdepartement, Städtebau & Architektur, Hochbau
 

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