Von der Ano­ma­lie zum Vor­bild

Ersatzneubau und Erweiterung Sporthalle Seefeld, Zürich

Die Stadt Zürich hat den Wettbewerb für die neue Sporthalle Seefeld im Quartier Mühlebach entschieden. Das Siegerprojekt «Annex» von Weyell Zipse Architekten überzeugt mit seinem ökologischen Fuss­abdruck. Doch das Verfahren wirft grundsätzliche Fragen zum Umgang mit Nachhaltigkeit in Projektwettbewerben auf.

Data di pubblicazione
13-05-2026

«Eine Scheune für den Sport, ein Gartenhaus zum Speisen und einen Pavillon zum Musizieren.» So beschreibt das Siegerteam um Weyell Zipse Architekten aus Basel ihren Entwurf für die Schulanlage Seefeld im Quartier Mühlebach in Zürich. Das Bild ist stimmig: Der Neubau ersetzt die Einfachsporthalle von 1977,  fügt dieser eine zweite BASPO-konforme Halle hinzu und gibt sich bescheiden gegenüber dem denkmalgeschützten Schulhaus von 1853. «Annex» stapelt beide Hallen übereinander und bleibt damit fast vollständig oberirdisch. Zum steinernen Ausdruck des klassizistischen Schulhauses tritt ein hölzernes Gegenüber mit einer schlichten, klar gegliederten, ablesbaren Tragstruktur. Am offenen Wettbewerb haben 75 Teams teilgenommen und die Jury hat das Projekt einstimmig zum Sieger erklärt. Das Resultat überzeugt, doch der Weg dorthin ist fragwürdig.

Viele Antworten trotz engem Spielraum

Das Grundstück an der Wildbachstrasse ist eng, der denkmalgeschützte Altbau verlangte Zurückhaltung und die zwei hundertjährigen Bäume waren unantastbar. Gleichzeitig war das erwartete Raumprogramm beachtlich: zwei Sporthallen, eine Mensa, Musikschule, Betreuungsflächen und einen Mehrzwecksaal. Dabei sollten alle Nutzungen unabhängig vonein­ander funktionieren und über einen separaten Zugang verfügen.

Die meisten Teilnehmenden lösten die Aufgabe, indem sie eine Sporthalle komplett versenkten, andere versuchten, mit einem Untergeschoss von rund vier Metern auszukommen. Tatsächlich wagten es nur wenige Teams, beide Hallen oberirdisch zu setzen.

Projekte mit zwei unterirdischen Sporthallen schloss die Jury bereits im ersten Rundgang konsequent aus. Mit Baugruben von mehr als neun Metern Tiefe liessen sich weder Nachhaltigkeitsziele noch das Gebot kostengünstigen Bauens einhalten, so die nachvollziehbare Begründung. Eine folgerichtige Entscheidung der Jury, keine Frage. Nur fiel das Ausschlusskriterium erst im Verlauf des Verfahrens und war nicht Teil der Wettbewerbsvorgaben.

Nettonull als Versprechen

Die Stadt Zürich will bis 2030 Netto-Null erreichen. Die Wettbewerbsunterlagen formulieren diesen Anspruch klar: Suffizienz, Effizienz, erneuerbare Ressourcen, minimale Treibhausgasemissionen bei Erstellung und Betrieb. Die vertiefte Auswertung der acht Finalistinnen und Finalisten bestätigte, was sich von Anfang an aufdrängte: Je kleiner das Aushubvolumen, desto geringer der CO₂-Fussabdruck.

Von den verbliebenen Entwürfen erzielte das Siegerprojekt «Annex» bei den Treibhausgasemissionen und den Kosten die besten Werte. Nur 14 % des Gesamtvolumens liegen unter der Erde. Dagegen versenkt das Projekt «Mille­foglie» auf dem siebten Rang ganze 47 % des Volumens. Gleichzeitig betrug die Kostenvarianz zwischen den rangierten Projekten knapp 20 % – bei Zielkosten von 21.5 Mio. Fr. doch ein erheblicher Unterschied, was zeigt: Tiefbau kostet, und zwar ökologisch wie auch finanziell. Nur «Annex» und «Isla Bonita» kamen ohne nennenswertes unterirdisches Volumen aus.

Den Schlussbericht und weitere Details finden Sie auf competitions.espazium.ch

Wenn die Stadt Zürich Netto-Null als oberstes Ziel ausruft, warum werden dann fünf der acht Projekte bis in die Schlussrunde geführt, wenn sie ebendieses Ziel mit einer vollständig vergrabenen Halle baulich unterlaufen? Und warum stellt ausgerechnet das Siegerprojekt eine Anomalie dar? Diese Fragen eines Verfahrensteilnehmenden sind berechtigt. Ein offenes Verfahren mit 75 Teams lebt davon, dass es echte Alternativen vergleicht. Wenn ein Grossteil der Eingaben das zentrale Klimaziel baulich verfehlt, bleibt diese Möglichkeit aus.

Zwischen Denkmal- und Klimaschutz

Die Jury dafür verantwortlich zu machen, wäre ungerecht, denn die Aufgabe liess wenig Spielraum: Das Schulhaus gilt als schützenswertes Ortsbild mit Erhaltungsziel A, die Grossbäume stehen unter absolutem Bauverbot. Die Orientierungs- und Baulinie schränken das oberirdische Volumen zusätzlich ein. Wer unter 
diesen Bedingungen ein derart grosses Raumprogramm unterbringen muss, greift zur naheliegendsten Lösung: unterirdischem Volumen. Hinzu kommt, dass die Jury dort abwägen musste, wo Klimaschutz und Denkmalpflege kollidierten. Und so wählte sie schliesslich ein Projekt, das beide Ziele gleichzeitig ernst nimmt.

Dennoch stellt sich die Frage, ob das Wettbewerbsprogramm von Anfang an klarer hätte definiert werden können. Etwa wie viele Untergeschosse ein Projekt haben darf; ebenso wenig verhandelbar wie Denkmal- und Baumschutz. Und genau hier liegt ein Hebel, den künftige Auslobungen nutzen könnten.

Das Siegerprojekt von Weyell Zipse Architekten zeigt, dass die Aufgabe oberirdisch lösbar war. Alt- und Neubau bilden ein überzeugendes Ensemble: Die beiden Hallen liegen übereinander, in Holzskelettbauweise, mit einer Fassade, die auf die dörfliche Architektur des frühen Zürich-Riesbachs anspielt. Die Betreuungsräume und der Mehrzwecksaal im Erdgeschoss öffnen sich direkt zum Aussenraum. Das Projekt erreicht den Grenzwert 1 nach Minergie ECO und kommt knapp an die Zielkosten heran.

Was nach dem Wettbewerb bleibt, ist nicht die Frage nach dem richtigen Siegerprojekt – denn «Annex» hat verdient gewonnen –, sondern nach strukturellen Belangen: Wie müssen Wettbewerbe angelegt sein, damit das Klimaziel das gesamte Verfahren prägt und nicht erst in der Schlussrunde als Kriterium auftaucht? Ein Ansatz wäre, einen maximalen Untergeschossanteil bereits als Zulassungsbedingung festzulegen. Durch den eingeschränkten Suchraum würde sich der Erkenntnisgewinn erhöhen: 75 Teams, die alle konsequent oberirdisch denken. Ein echter Test dafür, wie Zürich (Schulhäuser und Sporthallen) in einer klimabewussten Stadt bauen will.

Ersatzneubau und Erweiterung Sporthalle Seefeld, Zürich

 

Projektwettbewerb im offenen Verfahren
für Generalplanende

 

1. Rang / 1. Preis: «Annex»

Weyell Zipse Architekten GmbH, Basel; August +Margrith Künzel Landschafts­architekten AG, Binningen; Pirmin Jung Schweiz AG, Sursee; Waldhauser+Hermann AG, Münchenstein

 

2. Rang / 2. Preis: «Menhir»

Luca Pessina Architekten, Zürich; Linea landscape architecture GmbH, Zürich; Ingeni AG, Zürich; Amstein+Walthert AG, Zürich

 

3. Rang / 3. Preis: «Moby»

bernath+widmer Architekten AG, Zürich; Janine Schneider Landschaftsarchitektin BA BFO BSLA, St. Gallen; Dr. Deuring+Oehninger AG, Winterthur; Enerconom, Bern; Gartenmann Engineering AG, Zürich

 

Weitere Ränge und Preise

Online auf espazium.ch

 

Fachjury

Stefan Bernoulli, Amt für Hochbauten (Vorsitz); Alex Jaeggi, Amt für Städtebau; Adrian Kast, Architekt, Basel /Bern; Karin Stegmeier, Architektin, Zürich; Roman Berchtold, Landschaftsarchitekt, Zürich; Marianne Baumgartner, Architektin, Zürich (Ersatz)

 

Sachjury

Roger Curchod, Kreisschulbehörde Zürichberg; Ralph König, Sportamt Stadt Zürich; Benjamin Leimgruber, Immobilien Stadt Zürich; Ivan Gianrusso, Immobilien Stadt Zürich; Jessamyn Graves, Quartierverein Riesbach (Ersatz)

 

Auftraggeberin

Bauherrschaft: Stadt Zürich;
Eigentümer­vertretung: Immobilien Stadt Zürich; 
Bauherrenvertretung, Ausloberin: Amt für Hochbauten

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