Warum Schaf­f­hau­sen Wett­bewer­be brau­cht, statt sie ab­zu­schaf­fen

Manifest über Mittag: «L’architecture n’existe pas»

Die SVP forderte in einem Postulat an den Grossen Stadtrat in Schaffhausen den Verzicht auf Architekturwettbewerbe nach SIA. Am 1. April inszenierte das Schaffhauser Architektur Forum ein fiktives Folge-Postulat, um den «Verzicht auf Architektur» ebenfalls auf die Traktandenliste zu setzen. Ein Blick auf das Rheinufer zeigt, was auf der Strecke bleibt, wenn es keine Konkurrenzverfahren gibt.

Data di pubblicazione
08-04-2026

Auf Einladung des Schaffhauser Architektur Forums (SCHARF) versammelte sich am 1. April 2026, an einem unerwartet sonnigen Frühlingstag, an der Wasserkante der Schaffhauser Rheinuferstrasse eine kleine Gruppe. Das Postulat der SVP, das den Verzicht auf Architekturwettbewerbe nach SIA fordert, lieferte dem Forum eine Steilvorlage: SCHARF nahm den 1. April zum Anlass, um postwendend ein fiktives Folge-Postulat einzureichen, das den Verzicht auf Architektur als Ganzes verlangte. Denn wenn der Architekturwettbewerb nicht als Instrument zur Qualitätssicherung taugt, was nützen dann Architektinnen und Architekten?

Trotz Einladung zeigte sich aus der Politik auf einstimmigen Beschluss niemand; und auch die lokalen Medien blieben fern. Nun ging es bei der Versammlung nicht um die Ehre der Planenden, sondern um die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität sowie die Frage, wer den öffentlichen Raum und die Architektur gestalten soll.

Weit verfehlter Schattenwurf

Den Ort der Zusammenkunft wählte SCHARF bewusst: Die Wasserkante am südlichen Rheinufer ist von einer vielbefahrenen Hauptstrasse gesäumt. Vergleicht man den heutigen Zustand mit historischen Bildern, scheint sich nicht viel getan zu haben. Das Geld für die «Aufwertung» des öffentlichen Raums floss in eine einwandfreie Strasse, ein schmales Abstandsgrün mit knietiefen Büschen und eine Promenade, die Fahrrad- und Fussverkehr nicht entflechtet und keinen Zugang zum Wasser bietet. Ein Konkurrenzverfahren gab es für diesen Ort nie. Ein paar Sitzbänke im «Grünstreifen» zwischen Promenade und Hauptstrasse sollen für mehr Aufenthaltsqualität sorgen, im Rücken den rauschenden Dauerverkehr.

Über den Sitzbänken steht neuerdings ein Baugespann. Geplant sind schattenspendende Dächer, damit die Schaffhauserinnen und Schaffhauser hier die Mittagspause geniessen können. Wer um 12 Uhr mittags am Rheinufer steht, stellt aber schnell fest, dass die geplante Konstruktion den Schatten nicht auf die Sitzflächen wirft, sondern auf die dahinterliegende Fahrbahn. 

Nun kann argumentiert werden, dass es für Schattendächer keinen Architekten braucht. Wohl aber für ein stringentes Konzept, das den gesamten Naherholungsbereich einbezieht. Entsprechend sind solche Fehlplanungen das direkte Ergebnis fehlender Wettbewerbe. Von 2018 bis 2022 fanden sich in der Wettbewerbsdatenbank von espazium für den Kanton Schaffhausen kaum mehr als 10 öffentlich ausgeschriebene Konkurrenzverfahren – und jetzt will das SVP-Postulat die wenigen verbliebenen Wettbewerbe auch noch abschaffen? «Durchwursteln» bis zum nächsten Problem war noch nie eine Strategie. Die Qualität bleibt dort auf der Strecke, wo durch eine genaue Analyse der Bedürfnisse und Möglichkeiten Orte mit hoher Aufenthaltsqualität hätten entstehen können.

«L’architecture n’existe pas»

Unter diesem Titel stand die Veranstaltung. Der Satz ist eine Anspielung auf den Schweizer Pavillon an der Expo 1992 in Sevilla, der mit «La Suisse n’existe pas» für Furore sorgte. Damals ging es darum, nationale Identität nicht als fixes Objekt, sondern als Prozess zu begreifen. Übertragen auf das Bauen heisst das: Architektur ist nicht das fertige Haus, sondern die Haltung dahinter. Sie ist das Immaterielle, das mit seiner Atmosphäre einen Ort zum Leben bringt.

Und genau dieses Immaterielle will das SVP-Postulat wegsparen. Die Argumentation lautet: Wettbewerbe sind teuer, elitär und verzögern Prozesse. Diese Logik verkennt den Kern der Sache: Ein Architekturwettbewerb ist kein Selbstzweck, sondern das effektivste Instrument, um in kurzer Zeit eine Vielzahl von Ideen zu generieren und die beste davon weiterzubearbeiten. Ohne den Wettbewerb fehlt der Druck zur Innovation. Weiter blickt das Postulat skeptisch auf «Fremde, die sagen, was schön und funktional ist». Mit den Fremden sind hier auswärtige Jurymitglieder gemeint. Die lokale Abschottung ist gross; dabei würde gerade der Blick von aussen die nötige Frische bringen. Würden nun die letzten Wettbewerbe abgeschafft, zementierte man einen Status quo, der Haltung und Atmosphäre durch reine Funktion ersetzt. 

Auflockerung der Monotonie

Planende aller Fachrichtungen sind die unsichtbaren Protagonisten des gebauten Raums. Und genau diese Unsichtbarkeit ist ein Nachteil in der politischen Debatte; denn was nicht sichtbar ist, dafür zahlt man ungern. Das Postulat ist ein politisches Instrument, das nur Gewählten zur Verfügung steht, und in diesem Fall von der SVP benutzt wird, um ein Werkzeug zu bekämpfen, das in der Lage wäre, monotone Verhältnisse zu durchbrechen. 

Wenn der Dialog verweigert wird und Einladungen von der Politik ignoriert werden, bleibt nur die Satire: In einem Judo-Move benutzt SCHARF mit dem Fake-Postulat die Kraft des Gegners, um dessen Absurdität sichtbar zu machen. Doch Satire allein reicht nicht: Planende müssen sich eine Stimme verschaffen. Sie müssen an die Öffentlichkeit gehen und vermitteln, dass Wettbewerbe kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit sind für eine Stadt, die Lebensqualität ernst nimmt und die ihren Einwohnenden öffentlichen Raum und Bauten bieten will, die diesen Namen verdienen.

Schaffhausen muss sich entscheiden: Will die Stadt eine Wettbewerbskultur etablieren, die Qualität für alle hervorbringt, oder Konkurrenzverfahren abschaffen und in die Beliebigkeit verfallen?

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