Weil es al­lein we­ni­ger Spass ma­cht

Co-Working nimmt rasant an Fahrt auf. War das Konzept der gemeinschaftlich genutzten Büroflächen vor einigen Jahren nur eine Nische für Kreative, ist es unterdessen im Mainstream angekommen. Covid-19 könnte der Arbeitsweise einen weiteren Schub verleihen.

Data di pubblicazione
25-06-2020
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

Gerade mal 13 Jahre ist es her, da eröffnete in Zürich das erste Co-Working-Büro, das «Citizen Space» mit dem Motto «Because working alone sucks». Allein in der Stadt Zürich gibt es inzwischen 20, schweizweit bereits rund 200 Co-Working-Spaces.1

Co-Working ist ein eher städtisches Phänomen: Die meisten Flächen befinden sich an Orten mit mehr als 50 000 Einwohnerinnen und Einwohnern, aber es existieren auch Standorte in kleineren Gemeinden wie Engelberg, Münsingen oder Scuol. Weltweit gibt es unterdessen über 20 000 dieser besonderen Gemeinschaftsbüros.2Die Wachstumskurve ist in allen Regionen exponentiell – was auch daran liegt, dass dieses Modell im Vergleich zu herkömmlichen Büros nach wie vor eine Nische ist.

Das soll sich nun ändern. Mitte Juni hat ein über­parteiliches Komitee von Nationalrätinnen und Nationalräten ein Postulat eingereicht, mit dem der Bundesrat aufgefordert wird, Massnahmen zur Förderung von Co-Working-Flächen in ländlichen Regionen zu prüfen. Das Ziel: Bis 2030 sollen 100 000 regionale Gemeinschaftsarbeitsplätze entstehen, um die lokale Wertschöpfung und Lebensqualität zu steigern und die Verkehrsinfrastruktur zu entlasten.

Erfolgsfaktor Gemeinschaft

Co-Working wird definiert als «Arbeitsform, bei der Selbstständige, Start-ups, Kreative und zunehmend immer mehr grössere Unternehmen unter einem Dach unabhängig und gleichzeitig auch zusammen arbeiten. Obwohl alle an individuellen Projekten arbeiten, sind Austausch und gegenseitige Hilfe zentraler Bestandteil. (...) Es zeichnet sich zudem durch kürzere Mietverträge (oft nur von einem Monat) und einem All-inclusive- bzw. Full-Service-Charakter für die Mieter aus, bei dem nicht nur die voll ausgestatteten Arbeitsplätze, sondern auch Annehmlichkeiten wie Kaffee- oder Wasser-Flats zur Verfügung gestellt werden. In immer mehr Co-Working-­Spaces stehen darüber hinaus vollbeschäftigte Community Manager mit Rat und Tat zur Seite. Dies erlaubt es, dass die Nutzer sich zu 100 % auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können.» 3

Entstanden ist diese Art zu arbeiten Mitte der 1990er-Jahre. Sie entwickelte sich aus der Computer­szene und gewann mit dem Vormarsch des Internets an Fahrt. Die Bezeichnung «Co-Working» für diese Arbeitsform kam zehn Jahre später in San Francisco auf: Der Informatiker Brad Neuberg suchte Unabhängigkeit und wollte gleichzeitig die Gemeinschaft am Arbeitsplatz beibehalten. Er entwickel­te den ersten auch so bezeichneten Co-Working-Space in einem Kurszentrum eines feministischen Kollektivs und lud andere ein, sich ihm anzuschliessen.

Tatsächlich ging es dabei um weit mehr als um Büroräumlichkeiten. Ein noch heute geltendes Co-Working-Manifest 4 hielt das Leitbild fest, das, kurz gesagt, auf Flexibilität, Austausch und die Entwicklung einer Gemeinschaft abzielt – eine Abkehr vom traditionellen, hierarchisch geprägten Repräsentativbüro, aber auch vom Grossraumbüro der 1980er-Jahre.

Das Konzept war und ist überaus erfolgreich, auch dank der zeitgleich stattfindenden zunehmenden Digitalisierung der Arbeit. Die «Nine-to-Five»-Mentalität mit festen Arbeitszeiten ist ein Auslaufmodell. Immer mehr Menschen suchen eine höhere Flexibilität in ihrem Alltag. Bereits heute sind bis zu 30 % der arbeitenden Bevölkerung in Europa und den USA Frei­berufler – Tendenz steigend.

Während also in der Anfangszeit Co-Working-Spaces meist selbstständig Erwerbenden aus der Kreativbranche vorbehalten waren, werden sie zunehmend zu einer Alternative für Angestellte, die dezentral arbeiten können, dies aber nicht von zu Hause aus tun wollen oder können. Es ist auch eine Lösung für Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden ermöglichen wollen, in einem professionellen Umfeld näher bei ihrem Wohnort zu arbeiten.

Und als Konsequenz der Corona-Krise ist der Post-Covid-19-­Workplace entstanden: Die flexibel nutzbaren und kurzfristig reservierbaren Flächen erlauben es Firmen, Mit­arbeiter und Sitzungen quasi auszulagern, um die Abstandsregeln einhalten zu können.

Wer verdient? Und wie?

Die ersten Co-Working-Flächen der Schweiz wurden wie der kalifornische Pionier oft von Selbstständigen initiiert und im Nebenerwerb verwaltet. Lange Zeit wurde ein Drittel sogar als Non-Profit-Organisation geführt.5Das hat sich in den letzten fünf Jahren geändert, der Ver- und Betrieb hat sich deutlich kommerzialisiert und professionalisiert. Dem Geschäftsmodell spielt auch der Trend zur Temporärnutzung in die Hände (vgl. TEC21 5/2020), der es Firmen wie den SBB erlaubt, ihre ansonsten leer stehenden Immobilien zwischen zwei Planungsphasen zu nutzen.

Auch internationale Anbieter haben die Schweiz entdeckt: Die 2010 gegründete Firma wework aus New York plant Flächen in Zürich und Genf. Das hoch bewertete Start-up war vor seinem geplanten Börsengang im Herbst 2019 in die Negativschlagzeilen geraten, weil es zwar mit steilen Wachstumsraten und grossem Wachstumspotenzial aufwartete, aber eben auch mit den entsprechenden Ausgaben. Aktuell hat das Unternehmen weltweit 750 Standorte, die für Mitglieder alle zugänglich sind – ein überzeugendes Argument für digitale Nomaden, die so überall auf der Welt ein ähnliches Umfeld mit verlässlicher Infrastruktur vorfinden.

Gängiges Geschäftsmodell neben der Mitgliedschaft ist das Abonnement. In der Regel können die Räume ­tage-, wochen- oder monatsweise gemietet werden. Die Preise liegen hierzulande im niedrigen zweistelligen Bereich pro Tag und bei mehreren hundert Franken pro Monat und variieren in der Regel zwischen dem günstigen Flex Desk, den man sich jeweils selber sucht, und dem etwas teureren Fix Desk, dem eigenen Arbeitsplatz. Manche Betreiber haben auch ein nicht personengebundenes Credit-System für Firmen oder Drop-in-Modelle für ganz Unabhängige im Angebot.

Anmerkungen

1 Andrea Martel: «Coworking hat sich auch in der Schweiz etabliert» auf nzz.ch, 10.9.2019; Zugriff 25. Mai 2020.

2 2018: 18 700; Prognose für 2020: 26 300. de.statista.com, Zugriff 25. Mai 2020.

3 coworkingguide.de, Zugriff 25. Mai 2020.

4 codinginparadise.org, Zugriff 25. Mai 2020.

5 coworking.ch, Pressemitteilung Juli 2018.

Eine ausführlichere Version dieses Artikels finden Sie in TEC21 19/2020 «Die Auflösung des Büros».

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