Bo­de­n­haf­tung für den Frie­sen­berg

Die erste Gartenstadt Zürichs hat endlich ihren Quartierkern. Der grosszügig gefasste Hauptplatz überrascht mit Klinkerparkett und entspannten Wohnbauten als Galerie.

Data di pubblicazione
24-05-2018
Revision
29-05-2018

Zürich feiert heuer sein 125. Jubiläum. Die Stadtrechte wurden zwar schon im Frühmittelalter verliehen. Aber 600 Jahre lang duckte sich das beschauliche Markt- und Klosterstädtchen lieber hinter sicheren Mauern und Wassergräben. Erst 1893 nahm das moderne Wachstum seinen Lauf: Die erste Eingemeindungswelle schluckte gleich zwölf Nachbarorte, einst stolze Industrie-, Bahn- und Bauerndörfer. Wer sich heute in diesem Speckgürtel bewegt, erkennt die jeweilige Herkunft kaum wieder. Ausser zierlichen Spritzhäusern oder herrschaftlichen Villen blieb wenig stehen. Frühere Siedlungsstrukturen sind weitgehend verwischt.

Die Urbanisierung von Zürich soll darum nicht nur wild gefeiert werden, sondern muss auch nachdenklich stimmen: Anstatt eines polyzentrischen Gewebes ist daraus bislang ein peripherer Siedlungsbrei geworden. Einen dichten Kern oder ein belebendes Zentrum sucht man in den Aussenquartieren Albisrieden, Affoltern, Seebach oder Hottingen, ehemals eigenständige Gemeinden, bis heute vergebens.

Pendenzen in Gross-Zürich

Wie man solche Pendenzen anpackt und wie daraus etwas Gutes wird, lässt sich nun überraschenderweise am Friesenberg entdecken. Das weitläufige Wohnquartier am Fuss des Uetlibergs war nie eigenständiger Vorort, sondern ist selbst städte­bauliches Produkt, das kurz nach der Geburt von Gross-Zürich realisiert wurde. Die geordnete Besiedlung als Gartenstadt begann vor knapp 100 Jahren; inzwischen liegt ein Konglomerat aus beliebi­gen, leicht verstaubten Wohn­bauten und abweisenden Vorgärten ­darüber.

Eine neue Überbauung am westlichen Rand schafft Remedur, was man sich für die Zürcher Peripherie sehnlichst wünscht: eine verständliche, akzentuierte und angenehm überraschende Raumordnung. Bis Ende Jahr stellt die Familienheim-Genossenschaft Zürich einen S-förmigen Gebäuderiegel mit gemischter Nutzung als Quartierzent­rum fertig. Die Idee dazu entwi­ckelte die Baugenossenschaft Ende letztes Jahrtausend, als Startpunkt einer Erneuerungs- und Verdichtungsstrategie, die sich auf das gesamte Friesenbergquartier bezieht.

Während der beabsichtigte Quartier­umbau in Heimatschutzkreisen auf Opposition stösst, ist der Wandel im Kern nun sicht­-bar geworden: Die erste Hälfte der Genossenschafts- und Alterswohnungen in der Zentrumsüberbauung sind bezogen; die Gewerbemieter, darunter Einkaufsläden, Arzt­praxen und Restaurants, warten auf Kundschaft. Und ebenso gut lässt sich erkennen, wie sich die Architektur der Gebäude und jene des Aussenraums zur einla­denden Adresse und unaufgeregten Siedlungsmitte verbinden. Den Projektwettbewerb gewann das Team Architekturbüro Enzmann Fischer Partner und koepflipartner Landschaftsarchitekten. Letztere kümmerten sich um die Gestaltung der Aussenräume.

Angenehme Proportionen

Der Standort leidet unter dem bekannten städtischen Übel: Der Ersatzneubau zieht sich einer beliebten Pendlerachse entlang. Doch wo der Gebäuderiegel vor- und zurück­springt, wendet sich ein grosszügiger Platz vom lauten Strassenraum ab. Weisse Putzfassaden schützen die Nische auf drei Seiten; dank gros­sen Fenstern und Loggien bilden sie die Empore dazu. Die räumlichen Proportionen und die atmosphärische Wirkung lassen eine der Umgebung angemessene, überschau­­bare Mittelstadtkulisse entstehen.

Der Gebäuderahmen ist seinerseits nicht beengend, sondern durchlässig gesetzt. Eine Treppe erschliesst den nördlichen Quartierteil, und ein Durchgang nach Osten bietet Zugang zum noch nicht fertiggestellten, abgeschirmten und naturnahen Siedlungshof.

Zurückhaltend möbliert

Noch mehr als der Städtebau überraschen die Materialisierung und die fliessenden Übergänge zwischen der drei- bis vierstöckigen Gebäudefront und dem topografisch leicht abfallenden Aussenraum. Sowohl der Sockel als auch der Friesenbergplatz sind einheitlich mit Klinker besetzt. Am Boden wird er zum Parkett: Die ton- bis teerfarbenen Steine sind im Fischgrätmuster ausgelegt. Nach oben führt ein vertikales Fries; die Ecken und Kanten der Gebäudefassaden sind ebenfalls mit Klinker verziert. Der Platz ist an sich zurückhaltend möbliert; die Oberfläche aus gebranntem Stein überdeckt ebenso die Stufen wie auch den Brunnen. Neben Bäumen ist der einzige Fremdling eine Skulptur des in neuen Zürcher Genossenschaftssiedlungen derzeit omnipräsenten Künstlerduos Lutz & Guggisberg.

Historische Plätze und Fussgängerzonen aus gepflastertem Klinker kennt man aus Deutschland, Dänemark oder Spanien. Das Material taucht immer häufiger auch in Neuansiedlungen auf. Im Friesenberg überzeugt das Klinkerpflaster gleichermassen durch seinen klassischen Ausdruck und viel Erdverbundenheit, in geschichteter und quergestellter Version.

Langlebige Oberfläche

Die Materialauswahl mag einer gewissen Portion Beliebigkeit zu verdanken sein; der Sockelklinker lehnt sich an Lehmgruben an, die bis zum Entstehen von Gross-Zürich die Umgebung des Friesenbergs prägten. Doch der Weiterzug in die Horizontale überzeugt: Als Kontrast zur iberisch-mediterranen Gebäudekulisse sorgt der raue Ziegel für solide, auch in Zürich nachvollziehbare Bodenhaftung. Diese Materialwahl verdeutlich zudem, wie symbiotisch der  Austausch zwischen Landschaftsarchitekt und Architekt gepflegt worden ist. Ebenso ist auch die gemeinnützige Bauherrschaft zu loben: Obwohl im Wettbewerbsentwurf davon noch keine Rede war, und ein Klinkerplatz mit rund 300 Fr./m2 keine Budgetvariante darstellt, gab man dafür grünes Licht. Neben der Ästhetik war vor allem die Langlebigkeit des wetter- und salzfesten, gebrannten Mate­rials ein überzeugendes Argument.

Gross-Zürich begeht seinen 125. Geburtstag. Die damals freundlich übernommenen Aussenquartiere bräuchten daher einen Grund zum Feiern. So gesehen ist die neue Zent­rumsüberbauung am Friesenberg ein passendes Geschenk: Sie schafft eine weder dörflich noch grosstädtisch ausgerichtete Perspektive, die allerdings der urbanen Gemütlichkeit an diesem Ort entspricht.

Am Bau Beteiligte
 

Bauherrschaft
Familienheim-Genossenschaft Zürich
 

Landschaftsarchitektur
koepflipartner Landschafts­architekten, Luzern
 

Architektur
Enzmann Fischer Partner, Zürich
 

Wettbewerb
2012
 

Realisierung
2015–2019

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