An der Sei­te der Nu­tzer

Quo vadis, Innenarchitektur? Eine Disziplin kämpft für mehr Anerkennung, um Marktanteile und fordert einen Schweizer Masterabschluss.

Data di pubblicazione
11-02-2016
Revision
11-02-2016

Diskussion über Situation und Perspektive der Innenarchitektur in der Schweiz an der Swissbau: Jan Eckert, Innenarchitekt und Dozent an der Hochschule Luzern, trägt zwei fiktive Wikipedia-Einträge aus dem Jahr 2070 vor, Stichwort «Innenarchitektur». Während der eine Artikel die Innenarchitektur als zeitweilig blühende, dann aber um das Jahr 2025 ausgestorbene Planungsdisziplin vorstellt, beschreibt der andere sie  als bedeutende Planungssparte, die ihren Durchbruch zur heutigen Bedeutung in den Jahren um 2015 erlebte.

Die gegensätzlichen Szenarien brachten die aktuelle Situation der Innenarchitekten in der Schweiz ironisch zugespitzt auf den Punkt: In der Tat scheint die Disziplin dazu verdammt, ihre Präsenz zu erhöhen und sich zu profilieren – oder endgültig der Marginalisierung anheim­zufallen. Diese Gefahr bildete die – unausgesprochene – Drohkulisse des von der Vereinigung Schweizer Innenarchitekten vsi.asai. und vom SIA ausgerichteten Podiums «Wer bedient die Innenarchitektur?», das von TEC21-­Chefredaktorin Judit Solt moderiert wurde. Neben Jan Eckert nahmen daran vsi.asai.-Präsident Thomas Wachter, der Möbelhändler Hans-Werner Breuer aus Lörrach (D) sowie Werner Abt, Einrichter und Gründer des bekannten Basler Möbelgeschäfts Alinea, und SIA-Präsident Stefan Cadosch teil.

Architekten saugen den Markt auf

Die Leitfrage der Veranstaltung spielt darauf an, wer Interiorplanung heute leistet. vsi.asai.-Präsident Thomas Wachter kennt die Zahlen: Ihm zufolge werden gerade einmal ein Fünftel der Innenarchitekturleistungen tatsächlich von spezialisierten Berufsleuten erbracht; die übrigen vier Fünftel ­leisten Hochbauarchitekten auf der einen sowie der Möbelfachhandel auf der anderen Seite. Da läge es nah, den SIA-Präsidenten, der an der Veranstaltung als Vertreter der Architekten auftrat, zu fragen: «Weshalb saugt ihr Architekten den grössten Teil unseres Markts auf?»

Doch Thomas Wachter zog es vor, sich diplomatisch zu geben – wer greift schon gern den Repräsentanten des eigenen Dachverbands an, zumal einen Kollegen, der durchaus Sinn für die Belange der Dis­zi­plin hat? «Die Investoren», so Stefan Cadosch, forderten in Büro- und Geschäftshäusern viel zu oft «nut­zungs­neutrale Räume» – womit Innen­architekten nur noch im späteren Mieterausbau zum Zug kommen könnten, sofern der Mieter nicht gleich «seine» Innenarchitekten aus dem Ausland mitbringe.

Im heiklen Verhältnis zwischen Architekten und Innenarchitekten deuten sich also zugleich tiefer liegende Probleme an: Zum einen lassen sich ihre Aufgabengebiete in der Praxis oft schwer trennen; und im Wettbewerb um den – jährlich immerhin 1,5 Mrd. Franken umfassenden – Kuchen hiesiger Interieurplanung sind die Innenarchitekten gewissermassen zwischen Möbelfachhandel auf der einen und Architekten auf der anderen Seite «eingeklemmt». Da die öffentliche Hand Innenarchitekturleistungen praktisch nie explizit ausschreibt, können ­Innenarchitekten nur in Koope­ra­tion mit Architekten überhaupt an grösseren öffentlichen Projekten mitwirken.

Das, so Wachter, führe dazu, dass grosse In­nen­architektur-­Pla­nungs­auf­ga­ben entweder Architekten zufallen oder, wie im Fall des Chedi-Hotels Andermatt oder der neuen Repräsentanz der Fluggesellschaft Swiss, von Innenarchitekten aus Fernost respektive London  erbracht werden. Der Bauherr selbst hatte sie ins Boot geholt – aus Ländern, in denen florierende Innenarchitekturunternehmen bestehen, auch weil dort der Disziplin weitaus mehr Bedeutung beigemessen wird als hierzulande.

Die Schweizer Innenarchitekten, so das Fazit, können mit dem guten Image der Schweizer Architektur nicht gleichziehen. «Es fehlt die Wahrnehmung, was Innenarchitektur leisten kann, was ihre spezifische planerische Kompetenz darstellt», beklagt Thomas Wachter. Seiner Ansicht nach unterscheide sich der Ansatz seiner Kollegen insbesondere durch einen stark nutzerspezifischen Ansatz und nicht zuletzt durch ein planeri­sches Denken «von innen nach ­aussen». Architekten hingegen rückten traditionell die eigene Autorenschaft in den Vordergrund – ein Architektenbild, das Stefan Ca­­dosch so nicht teilen mochte.

Umfassend gedachte Langlebigkeit

Jan Eckert brachte den Begriff der «Stewardship» ins Spiel – ein Design-Lotse übernimmt an der Seite des Auftraggebers Verantwor­tung für gute und «in jeder Hinsicht langlebige und nachhaltige Innenräume», wie Eckert ausführte, teilweise auch über die Planung hinaus. Hans Werner Breuer ergänzte: «Zum Beispiel für Polsterbezüge, die auch nach 20 Jahren noch gut und stimmig sind.» Oder er berät den Auftraggeber und schützt ihn vor allzu Modischem.

Ein grosses Defizit in der Schweiz ist die Lehre. Diese weiterzuentwickeln ist daher eine Kernforderung des vsi.asai. Bis anhin werden ­Innenarchitektinnen und Innen­architekten in der Schweiz nur an Fachhochschulen ausge­bildet, und für die rund 60 Absolventen jährlich gibt es bis heute ­keinen Masterabschluss. Ein Grund, weshalb etwa Jan Eckert, der in Luzern Innenarchitektur lehrt, in Stuttgart und Paris ausgebildet wurde.

Einen eigenen akademischen Lehrnachwuchs kann das Designland Schweiz gar nicht stellen. Die ­einzige Schule, die zurzeit an der Vorbereitung eines Masterkurses arbeitet, ist die HEAD in Genf. Dessen Durchführung ist aber seit Längerem in der Schwebe – er wird frühestens 2018 starten.

Von Landschafts­architekten lernen?

Akademisch weiterbilden können sich Schweizer Innenarchitekten nur im Ausland. Somit konnte sich die Innenarchitektur als akademische Disziplin in der Schweiz bis heute nur eingeschränkt Geltung verschaffen. Wer bedient die Innenarchitektur? Um auf ihrem ureigenen Betätigungsfeld – und im öffentlichen Bewusstsein – stärker präsent zu sein, steht den Innenarchitektinnen (ca. 40 %) und Innenarchitekten (60 %) noch einiges an Lobbyarbeit bevor.

Ein Zuschauer des Swissbau-Fokus riet dazu, sich Rat bei älteren Vertretern der Disziplin Landschaftsarchitektur zu holen: Noch vor 20 Jahren seien deren Planungsleistungen fast überall von Hochbauarchitekten erbracht worden; dann aber habe die Disziplin öffentlichkeitswirksam die Spezifik ihrer Kompetenz reklamieren können, wodurch heute bei fast allen grösseren Vorhaben Landschaftsarchitekten selbstverständlich als Fachplaner mit im Boot seien.

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