«Im Grun­de tri­vi­al»

Interview mit Beat Kämpfen

Wenige Schweizer Architekten befassen sich so aktiv und produktiv mit dem Thema Solararchitektur wie Beat Kämpfen. Welches Zukunftspotenzial sieht er in der gebäudeintegrierten Photovoltaik?

Publikationsdatum
11-06-2015
Revision
02-11-2015

TEC21: Herr Kämpfen, mit welchen PV-Technologien haben Sie Erfahrungen gemacht  
Beat Kämpfen: Mit Dünnfilm- und monokristallinen Zellen. Deren Farben sind normalerweise schwarz, ich habe aber auch blaue Zellen verbaut. Dünnfilmzellen gehen fast schon ins Violette. 

Waren Sie mit der verfügbaren Auswahl zufrieden  
Eigentlich schon. Natürlich hätte ich gern noch mehr Farben, in einer Fassade wäre meine Traumfarbe Feuerrot. 

Kristalline Module sind vor allem in grossen Proportionen verfügbar und rechteckig. Wie entwerfen Sie damit zum Beispiel dreieckige Flächen  
Wenn man Photovoltaik gut integrieren möchte, muss man sich relativ früh für ein Produkt entscheiden. Das ist der Unterschied zu Elementen, deren Dimensionen ich völlig frei bestimmen kann, wie zum Beispiel Fenster. Bei technischen Elementen gilt: Mein PV-Modul hat eine bestimmte Dimension, und entsprechend muss ich die Form des Fensters anpassen. 

Mittlerweile gibt es bunte, semitransparente und transparente Module. Organische Photovoltaik ist sogar flexibel, man kann sie als Folie auf Stoffbahnen aufdrucken. Welches Potenzial sehen Sie darin 
In 20 bis 30 Jahren, denke ich, können sämtliche Fassadenoberflächen Strom erzeugen. Wand und Dach werden nicht einfach nur schön sein. Zum Beispiel wird eine verputzte Wand dank einem Anstrich auch Strom produzieren. Im Moment gibt es noch technische Einschränkungen – aber das wird sich ändern. Mit den organischen Anstrichen kann man Photovoltaik auf Glas oder Ähnliches aufdrucken. Damit lösen wir uns von geometrischen Bedingungen – ein Riesenvorteil. 

Unter Architekten herrscht teilweise Unsicherheit, weil Photovoltaik für sie ein unbekanntes Material ist – sie wissen gar nicht, wie der Einbau funktioniert. 
Ich glaube, die Architekten sind etwas skeptisch oder haben Berührungsängste. Man benötigt Grundkenntnisse dieser Technik. Leider gibt es nicht den einen Experten, der einem alles abnimmt. Es gibt den Photovoltaikingenieur oder die Photovoltaikfirma, aber die wollen Produkte verkaufen oder Kilowattstunden produzieren. Denen ist es egal, wie das aussieht. Viele Architekten haben eine gestalterische Vision, aber Angst vor der Technik. Wir machen schöne, geometrisch wunderbare Gebäude, und am Schluss wird noch eine Photovoltaikanlage appliziert, weil Architekt und Ingenieur nicht gut genug zusammengearbeitet haben. Die Module werden zu spät in die Planung einbezogen. Das muss viel früher geschehen. Ein zusätzliches Problem ist, dass die Entwicklung rasant ist, es kommen laufend neue Module auf den Markt. 

Wie erfahren Sie denn, was es Neues am Markt gibt  
Ich bin in dieser Szene gut vernetzt, kenne viele Leute. Vielen Architekten fehlen diese Kontakte. Es gibt in der Photovoltaik leider auch sehr viele sehr schlechte Produkte. 

Wo kann man sich schlau machen  
Es gibt bipv.ch von Supsi, diese Plattform deckt ziemlich viel ab. 

Auf Photovoltaiktagungen trifft man meist nur Leute aus dem Bereich der Technik und nur wenige Architekten. 
Es ist schade und erstaunlich, dass Architekten sich nur mit ästhetischen und kaum mit technischen Fragen beschäftigen wollen. Wenn ein Stararchitekt ein Referat hält, rennen alle hin und hören zu. Es wäre aber wichtiger, die technischen Grundlagen zu kennen, dann kann man auch einen guten Entwurf machen. Ich habe mich auf Energieanlagen spezialisiert; deshalb ist es für mich wichtig zu verstehen, wie Photovoltaik funktioniert. Im Grunde ist die Technik völlig trivial, man muss nur fünf Dinge wissen. 

Erzählen Sie mal!
Photovoltaik funktioniert wie ein Wasserschlauch. Wenn ich auf den Gartenschlauch trete, fliesst kein Wasser mehr. Genau so ist es, wenn ein Kamin die Photovoltaik beschattet, dann fliesst kein Strom mehr. Und es fehlen nicht bloss 3%, sondern 90%. Das ist eine supertriviale Regel. Dann die Frage der Orientierung. Noch vor wenigen Jahren musste Photovoltaik südorientiert sein und eine gewisse Neigung haben. Heute hat sich das stark geändert, Photovoltaik ist sehr viel billiger geworden. Jetzt kann man Photovoltaik auch nach Osten und Westen orientieren, notfalls sogar nach Norden. Die Module müssen gut durchlüftet sein, damit sie möglichst kalt bleiben. 
Der Wechselrichter muss an einen sinnvollen Ort. Früher habe ich gedacht, er ist am besten auf dem Dach, möglichst nah bei den Modulen (Anm. Redaktion: wegen der geringeren Stromverluste bei geringerer Kabellänge). Aber jetzt plane ich ihn im Keller ein, wo es kühl ist, denn auch der Wechselrichter läuft schlechter, wenn er heiss wird. Ausserdem muss der Wechselrichter sicher zugänglich sein.

Wie steht es mit der Wartung von Photovoltaik? Steinfassaden muss man nicht warten, Holz muss man nach ein paar Jahren neu streichen. 
Die Module sind normalerweise aus Glas und daher wartungsfrei. Aber die Verkabelungen können korrodieren, Anschlussboxen und Steckverbindungen kaputt gehen. Das muss man bedenken und entsprechend planen. 

Wie sieht es mit der Zusammenarbeit mit Behörden aus  
Die sind massvoll. Der Ortsbildschutz ist natürlich wichtig. Dass man in wenigen Jahren alle Gebäude mit Photovoltaik überziehen wird, bezog sich auf Neubauten. Bei geschützten Bestandsgebäuden muss man sehr vorsichtig vorgehen. Aber wenn ich hier bei mir in Zürich Altstetten aus dem Fenster schaue, sehe ich trostlose Industriebauten. Wenn die alle Photovoltaikfassaden und -dächer hätten, wäre das kein ästhetischer Verlust. 

Hatten Sie schon einmal Rückschläge beim Bauen mit PV  
Reklamationen von Nachbarn gibt es am ehesten dann, wenn die Photovoltaik aufs Dach kommt. Angenommen, es ist Oktober, zufällig scheint die Sonne, und es blendet beim Nachbarn ins Wohnzimmer. Aber das ist nicht von Dauer, sondern ein Startschock. Auch Glasdächer blenden uns manchmal. Das ist aber auch schon das grösste Problem. Mein Ziel ist, dass man die PV den Gebäuden gar nicht mehr ansieht. Die produzieren einfach Strom. Und Strom können wir für alles brauchen.


Beat Kämpfen

Architekt ETH/SIA, diplomierte 1980 als Architekt ETH, 1982 als Master of Architecture an der University of California, Berkeley, mit der Vertiefung Solararchitektur und Ökologie. Seit 1996 ist er Inhaber von kämpfen für architektur ag. Weiter engagiert sich Beat Kämpfen als Präsident des Forum Energie Zürich und in Gremien von Swissolar und Lignum.

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