Mehr Grün für Basel

Studienauftrag Basel Dreispitz, Nordspitze

Die Nordspitze des Dreispitzareals in Basel soll aufgewertet werden. Der siegreiche Entwurf von Herzog & de Meuron setzt auf drei runde Türme und zwei grosse Grünräume: die Christoph Merian Anlage und das Gottlieb Duttweiler Feld.

Jean-Pierre Wymann Architekt ETH SIA BSA

Das Dreispitzareal liegt im Süden der Stadt Basel. Es befindet sich je zur Hälfte auf Boden des Kantons Basel-Stadt und der Gemeinde Münchenstein im Kanton Basel-Landschaft. Mit der städtebaulichen Studie «Vision Dreispitz» von Herzog & de Meuron initiierte die Landeigentümerin, die Christoph Merian Stiftung (CMS), 2001 einen grossen Transformationsprozess für das Gebiet. Das bikantonale Vorhaben erwies sich jedoch als zu komplex, und es kam keine wirtschaftlich, juristisch und politisch tragfähige Nutzungsplanung zustande. Daher beschloss die Stiftung, die Transformation zeitlich und räumlich in Etappen durch­zuführen.

Im aktuellen Fokus der Planungen steht die Nordspitze des Gebiets: Sie bildet ein Scharnier zwischen der Birsstadt und dem Gundeldingerquartier, von den Bewohnern liebevoll «Gundeli» genannt. Die S-Bahn-Haltestelle «Basel Dreispitz» liegt nur drei Minuten vom Bahnhof SBB entfernt. Die Migros als Baurechtsnehmer besetzt einen Grossteil der Fläche mit dem MParc Dreispitz, der erhalten bleibt und weiterentwickelt wird. Eine hohe Dichte soll einen grossen Wohnanteil und zusätzliche Freiflächen für das angrenzende Quartier ermöglichen.

Um Lösungsvorschläge für die anspruchsvolle Aufgabe zu erhalten, luden die CMS und die Ge­nossenschaft Migros Basel im März 2017 sechs Architekturbüros zu einem Studienauftrag ein. Ziel dieses Verfahrens war es, das Areal zu ­öffnen und mit der Umgebung besser zu vernetzen. Angestrebt wurden zusätzliche Arbeitsplätze mit neuen Wirtschafts- und Gewerbeflächen und qualitativ hochwertige Wohnungen.

Freiraum auf dem Dach

Für die weitere Bearbeitung und als Basis des Bebauungsplans empfiehlt das Beurteilungsgremium ein­stimmig das Projekt des Teams von Herzog & de Meuron. Der Clou des Beitrags besteht in den beiden ­neuen Grünräumen, der Christoph Merian Anlage und dem Gottlieb Duttweiler Feld auf dem Dach der Migros. Der erdgebundene Stadtplatz und die schwebenden Gärten bieten dem dicht bebauten Gundeldingerquartier mehr Grünfläche. ­Sie soll vielfältig genutzt werden, beispielsweise für didaktische Lebensmittelproduktion oder Freizeitaktivitäten wie Beachvolleyball,  Hochschulen, Kleinstgewerbe, Kindergärten und Gartenrestaurants in der Tradition des «Heurigen». Erschlossen wird die 10 bis 15 m hohe Plattform über einen ­Serpentinenpfad, der die räumliche Verbindung zum Grünraum der Friedhofsanlage Gottesacker Wolf herstellt.

Vier Stadtplätze, der Güter-, der Dornacher-, der Bernoulliplatz und der Platz am Gottesacker, ­binden die neue Bebauung in das Gundeldingerquartier aus der Gründerzeit ein. Die Strassenräume zur Münchensteiner- und Reinacherstrasse und zum Grossverteiler werden durch Einzelbauten im Massstab des angrenzenden Quartiers gefasst. Diese Stadthäuser sind für den genossenschaftlichen Wohnungsbau vorgesehen. Dazu kommen drei runde, bis zu 160 m hohe Türme, die aus Ladenflächen im Erdgeschoss, Büros in den ersten Obergeschossen und darüber aus hochwertigen Wohnungen bestehen. Alle neuen Bauten sollen helle und mineralische Fassaden erhalten, um einen einheitlichen Auftritt auch mit unterschiedlichen Autoren zu erreichen.

Lockere Körnung mit Forum

Die Studie von Morger Partner Architekten unterteilt die Nordspitze klar in zwei unterschiedliche Bereiche (vgl. Situationsplan). Im nördlichen Teil soll ein Forum entstehen, eine Art öffentliche Plattform, die mit sieben locker angeordneten fünfeckigen Gebäuden mit unterschiedlichen Höhen besetzt ist. Über den Quartiernutzungen im Erdgeschoss befinden sich vor allem Wohnungen, ergänzt durch wenige Büroflächen. Im südlichen Bereich sind die Nutzungen des MParcs mit Verkaufs- und Gewerbeflächen, Klubschule und Fitnessangebot kompakt angeordnet. Auf dem Dach ist ein Freizeitzentrum als halbkommerzielle Nutzung vorgesehen.

Die Fortsetzung der Güterstrasse mit dem «Forum» bindet das Dreispitzareal gut an das Gundeldingerquartier an. Weniger überzeugen kann der Versuch, den ordinären Kommerz mit einem vorgelagerten, mondänen Forum zu veredeln. Im Jurybericht heisst es dazu: «Das Zusammentreffen der Konsumwelt im MParc mit dem hybriden, von den Projektverfassenden als ‹informell› bezeichneten Forum überzeugt nicht.» Er kritisiert auch die Wohnungen in den Türmen, die zwar gut geschnitten seien und über unterschiedliche Ausrichtungen ­sowie Weitblick verfügten, bei denen man aber die Entstehung einer «stadtsoziologisch unerwünschte Monokultur» befürchte. Die Konzentration aller Wohnungen in Hochhäusern könnte kurz- und mittelfristig Familien und Wohngruppen, die auf preisgünstigen Wohnraum angewiesen sind, ausschliessen.

Superblocks mit Innenhöfen

Der Beitrag von Diener & Diener Architekten überlagert das Areal mit den beiden vorhandenen Typologien aus der Nachbarschaft, mit Blockrandbebauungen im Norden und grossflächigen Gewerbebauten im Süden. Zwei Hochhäuser ergänzen dieses Muster und bilden eine Stadtkante entlang der Münchensteinerstrasse. Obwohl dieser Ansatz naheliegend und schlüssig ist, sprengen die Superblocks mit bis zu 30 m Höhe, die den Bestand deutlich überragen, den Massstab des Quartiers. Die beiden grossen Freiräume, der «Nordspitzeplatz» vor den Hoch­häusern und das «Grünzimmer» auf dem Dach des MParcs, können von der Aufenthaltsqualität und der Lage her als öffentliche Räume nicht überzeugen. Das Wohnungsangebot mit Maisonette-Townhouses, Atelierwohnungen und dreiseitig orientierten Wohnungen mit Bow-Windows in den Hoch­häusern ist vielfältig.

Von nah und fern

Scheinbar mühelos gelingt es Herzog & de Meuron, die gegensätzlichen Ansprüche an den Norden des Dreispitzareals zu erfüllen. Das dicht bebaute Gundeldingerquartier erhält mehr Grünfläche, die Investoren bekommen eine Bebauung mit einer hohen Ausnutzung und die Wohngenossenschaften kleinteilige Einheiten, die ihren limitierten finanziellen Möglichkeiten entgegenkommen. In der Fernsicht markieren die drei hohen runden Türme den Übergang des Birstals zur Rhein­ebene, während die einzelnen Stadthäuser mit den Stadtplätzen zusammen auf Quartierebene den Dialog der Neubauten mit der angrenzenden Blockrandbebauung aufnehmen. Die spitzen, gläsernen Hochhäuser aus der Studie «Vision Dreispitz» von 2001 sind runden Türmen gewichen, und die vorgeschlagenen flankierenden Massnahmen zur Einbindung des dichten, neuen Stadtquartiers scheinen zu greifen.

Wer einmal planen und bauen wird, ist noch nicht entschieden. Ein erster Schritt zur Realisierung ist die Erarbeitung des Bebauungsplans durch Herzog & de Meuron.

Teilnehmende

Team 1: Baukontor Architekten, Zürich; Stefan Rotzler Landschafts­architekt, Gockhausen; Jauslin Stebler, Zürich; EBP Schweiz, Zürich; BDS Security Design, Bern; nightnurse images, Zürich

Team 2: Christ & Gantenbein Architekten, Basel; Vogt Landschaftsarchitekten, Zürich; Jauslin Stebler, Muttenz; Aegerter & Bosshardt, Basel

Team 3: Diener & Diener Architekten, Basel; Stauffer Rösch, Basel; Gruner, Basel

Team 4 (Weiterbearbeitung): Herzog & de Meuron, Basel; Michel Desvigne Paysagiste, Paris; ZPF Ingenieure, Basel; Rapp Trans, Basel; Odinga Picenoni Hagen, Uster; Basler & Hofmann West, Zollikofen

Team 5: Hosoya Schaefer Architects, Zürich; Müller Illien Landschafts­architekten, Zürich; Schnetzer Puskas Ingenieure, Zürich/Basel; IBV Hüsler, Zürich

Team 6: Morger Partner Architekten, Basel; Westpol Landschaftsarchi­tekten, Basel; Metron, Brugg

FachJury

Adrian Meyer, Architekt (Vorsitz), Baden; Hans-Peter Wessels, Vorsteher Bau- und Verkehrsdepartement Kanton Basel-Stadt; Beat Aeberhard, Kantonsbaumeister Basel-Stadt; Massimo Fontana, Landschaftsarchitekt, Basel; Luca Selva, Architekt, Basel; Markus Stöcklin, Bauingenieur, Muttenz; Jürg Degen, Planungsamt Kanton Basel-Stadt, Leiter Abteilung Arealentwicklung und Nutzungsplanung (Ersatz)

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