Wei­ter­bau­en, wei­ter­nut­zen

Beim Umbau eines Wohnhauses in Wettingen haben Aita Flury und Giger Nett Architekten die Qualitäten des Bestands freigelegt. Der Eingriff verwebt Alt und Neu zu einem neuen Ganzen und zeigt, wie aus dem Lesen des Vorhandenen und dem Aufspüren eines ­bestehenden Grundtons räumliche Qualitäten neu interpretiert werden können.

Publikationsdatum
22-07-2020

In der Auseinandersetzung mit dem Thema Um- und Weiterbauen lohnt es sich, den in Wien lebenden Architekten Hermann Czech zu hören: Alles Bauen ist für ihn Umbauen, bewegen wir uns doch immer in einem gebauten Kontext. Die Frage nach dem Umgang mit dem Vorhandenen sei auch eine nach dem Respekt vor der jeweiligen gebauten Geschichte.

Das Haus Segat steht in einem Wohnquartier in Wettingen, dessen Charakter durch einen gewachsenen Städtebau zu Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt ist. Das Quartier wird bestimmt von mittig auf die Grundstücke gesetzten Wohn­häusern, schmalen, die Häuser umfliessenden Grünflächen und grün gerahmten Strassenräumen. Die Wohnbauten erzeugen gerade aufgrund ihrer individuellen Ausprägung die Identität des Quartiers.

Das Haus Segat, erbaut 1903, wurde in den 1970er-Jahren umgestaltet und atmete vor dem aktuellen Umbau innen wie aussen den muffigen Geist dieser Zeit. Die Überdachung des Hauseingangs, die im Obergeschoss einen Balkon bildet, ist ein sichtbares Relikt dieser Überformung, ebenso die erhaltenen Sprossenfenster.
Mit dem Umbau erzählen Aita Flury und Giger Nett Architekten die Geschichte des Wohnhauses weiter und gleichsam neu. Das Lesen des Vorhandenen, das Erkennen seiner Potenziale wie auch das der Grenzen möglicher Eingriffe waren dabei, ganz im Sinn Czechs, Voraussetzung, um etwas Neues zu schaffen. Der Entwurf integriert die ursprüngliche Substanz des Hauses ebenso wie die additiven Eingriffe aus den 1970er-Jahren.

Das Thema des Öffnens zieht sich fein abgestimmt durch das Projekt. Der Garten ist zum Strassenraum und das Haus zum Garten geöffnet; die Räume sind miteinander und mit dem Garten verwoben. Die Geschichte des Hauses bleibt lesbar, gleichzeitig wird die Substanz neu bewertet. Das Wohnen zeichnet sich nun durch eine zuvor nicht vorhandene Grosszügigkeit aus, die das Potenzial des Bestands klug nutzt. Während aus­sen nur leicht justiert wurde, ist das Innere neu formuliert.

Fassade: zarte Adaption

Wie fein und doch entscheidend eine solche Justierung aussehen kann, zeigt der Umgang mit dem Eingangsbereich. Der Hauszugang wurde durch die in den 1970er-Jahren hinzugefügte Konstruktion und deren Einfassung geschlossen. Durch den Rückbau auf die den darüber liegenden Balkon tragenden Stützen, einen neuen Anstrich und eine Schaukel wurde der Zugang geöffnet und mit einer neuen Funktion aufgeladen.  

Sichtbarstes Zeichen des Umbaus sind die von Betongewänden gefassten, raumhohen hölzernen Fenstertüren, die das Wohnen zum Garten öffnen. Sie orientieren sich an den stehenden Bestandsfenstern, respektieren die Loch­fassade, interpretieren diese aber gleichzeitig neu. Sie schaffen im Wohnraum umseitig Blickbezüge zwischen Garten und Innenraum.  Das neue Hauptmoment bildet eine grosse Schiebetür, die den heutigen Bedürfnissen nach Öffnung, Licht und Luft entspricht.

Dabei sei, so Aita Flury, die Frage entscheidend, wie man ein solch grosses Fenster in eine Fassade setzt, ohne die Wand an sich zu zerstören. Grundsätzlich drehe sich jeder Entwurf um die Verhandlung der Fragen nach Ruhe vs. Dynamik, Offenheit vs. Geschlossenheit, Isolations- vs. Verschränkungsgrad. Wie gross könne die Öffnung sein, wie die Wand optisch dennoch stabil bleiben?

Die Einfassung der Schiebe­tür, das Gewände aus Beton, betont den Türsturz und verbindet sie gleichzeitig mit dem umlaufenden, die Geschossdecke markierenden Fries. Die expressive Ausbildung des Gewändes ist auch konstruktiv bedingt, die Form ergab sich aus dem Bauvorgang. Um die bestehende Wandfläche möglichst unangetastet zu belassen, wurde der Ortbeton von oben, vor der Fassade eingefüllt. Das schwebende Treppenpodest, ebenfalls aus Ortbeton, vermittelt zwischen Wohnraum und Garten. Das Wohnen war früher nicht mit dem Garten verbunden, die Gestaltung des Podests respektiert dies.

Innen: gezielte Eingriffe

Eine zentrale Frage bestand für die Architektinnen und Architekten darin, wie sie mit der kleinteiligen Zellenstruktur umgehen sollten. Sie entschieden sich dafür, die verwinkelte Raumfolge der 1970er-Jahre zugunsten offener Grundrisse aufzulösen. Im Erdgeschoss wurde mit dem Herausnehmen einer tragenden Wand der grösste Eingriff vollzogen.

Beim Betreten der Ebene fällt der Blick vom Entrée auf den sich über die Hälfte des Grundrisses erstre­­ckenden, nach drei Seiten orientierten Wohn- und Essbereich, das eigentliche Zentrum des Hauses. Eine Holzstütze ist strukturierendes, räumliches Element und zentrales Motiv. Die tragende Wand ersetzt ein Unterzug, der das Obergeschoss abfängt und von drei Abstützungen aus Holz getragen wird. Während die beiden Scheibenstützen im Eingangsbereich in die Raumbegrenzung zum Gästezimmer (die gleichzeitig die Garderobe aufnimmt) integriert sind – Tragwerk und Einbauten somit optisch miteinander verschmelzen –, steht die Stütze im Wohn-/Essraum frei und wirkt raumbildend. Diese subtile wie entscheidende Massnahme schafft ein neues Raumerlebnis.  

Der neue Unterzug und die Stützen aus massiv gehobelter Fichte sind einfach mit einer Acrylfarbe in hellem Grün gestrichen, sodass die Holzstruktur sichtbar bleibt. Das massive, geölte Eichenparkett und die mit Naturpigmenten gestrichenen Wände betonen in ihrer fein abgestimmten Materialisierung und Farbigkeit den Charakter der Räume. Alle Einbaumöbel, von der Garderobe und der eingebauten Küche bis zu den Bade- und Schrankmöbeln im Oberschoss sind aus MDF gefertigt.

Ein neues Ganzes

Beim Haus Segat haben Aita Flury und Giger Nett Architekten mit wenigen, gezielten Eingriffen den Raum neu definiert und das Wohnhaus durch die Neuorganisation der Grundrisse und seine sanfte Öffnung nach aussen im Heute verortet. Sie haben, ganz im Sinn Czechs, seine Geschichte weitergeschrieben. Der Umbau steht in einer Tradition des Weiterbauens, die im 20. Jahrhundert in Vergessenheit geraten ist.

In vorindustrieller Zeit war die Umnutzung des Bestands kulturelle Selbstverständlichkeit und öko­nomische Notwendigkeit, das Weiternutzen von Gebäuden und Ma­terialien war die Regel, nicht der Sonderfall. Auch die bauliche und städtebauliche Geschichte eines Hauses, eines Quartiers war somit in die Neunutzung integriert und wurde fortgeschrieben. So konnte ein Verständnis des Orts entstehen und damit ein Weiterweben an dessen Geschichte.  

Heute sollte diese Strategie wieder zu einem zentralen Kriterium für eine zukunftsfähige Entwicklung unserer gebauten Umgebung werden. Denn Umnutzungen stehen für den nachhaltigen Einsatz von Material, Flächen und Energie und sind ein Beitrag zur besseren Auslastung der Infrastruktur. Die Wieder- und Weiternutzung ist grundsätzlich nachhaltig, weil sie weit über jeden Einsatz von (in der Herstellung graue Energie verbrauchende) Baumaterialien hinausgeht.

Gleichzeitig erfordert die Fähigkeit, die Potenziale des Vorhandenen zu lesen und zu verstehen eine Betrachtungsweise, die zu oft vergessen ging. Beim Haus Segat scheint diese an der Fassade in der gelungenen Verzahnung der Epochen auf und geht im Innern in eine überzeugende Neuformulierung über.

Am Bau Beteiligte

Bauherrschaft
privat


Architektur
Aita Flury, Zürich; Giger Nett ­Architekten, Zürich


Tragkonstruktion
Conzett Bronzini Partner, Chur


Landschaftsarchitektur
allerWERK, Trogen


Bauphysik
Steigmeier Akustik + Bauphysik, Baden