Stadt­mor­pho­lo­gi­sches Ent­wer­fen

Studienauftrag Kramgasse 72 / Rathausgasse 61, Bern

Die HIG Immobilien Anlage Stiftung hat in der Berner Altstadt das Gebäude erworben, in dem sich das alte Kino Capitol befindet. Gemeinsam mit der Denkmalpflege Bern wurde ein Studienauftrag für eine Neukonzeption mit Einzelhandel und Wohnnutzung ausgeschrieben.

Publikationsdatum
13-09-2017
Revision
13-09-2017

Adolf Loos hatte 1928 ein Haus für sie entworfen, und 1929 wurde sie von Le Corbusier in seiner Schiffskabine nackt gezeichnet1: Josephine Baker war in den ausgehenden 1920er-Jahren aber nicht nur bei den Heroen der Moderne äusserst beliebt – sie war ein Fixpunkt der internationalen Kulturelite.

Dass sie mit ihrem «Weltstadt-Variété-Programm» vier Tage im kleinen Bern gastierte, hatte auch mit einem Stück moderner Archi­tektur zu tun – und zeigt den Stellenwert, den das gerade erst fertiggestellte Art-déco-Lichtspielhaus «Kapitol»2 damals hatte. Rücksichtslos hatte Hans Weiss3 das Kino in die Altstadt von Bern implementiert: Wie eine grosse Blase erscheint der Saal im kleinteiligen Gefüge der historischen Stadtstruktur (vgl. historischer Schnitt, Dachaufsicht).

Erhalten wurde damals neben «einigen brauchbaren Pfeiler­überresten»4 und Teilen von Brandwänden im Untergeschoss lediglich die barocke Fassade zur Kramgasse. Aus rein pragmatischen Überlegungen im Hinblick auf die Bauordnung der Stadt Bern, die «einerseits guten Baudenkmälern aus alter Zeit gros­sen Schutz angedeihen lässt» und «Bauten mit ausgesprochen modernem Gepräge nur ungern zulässt» – so die Schweizerische Bauzeitung, die dem Kapitol 1929 einen mehrseitigen Artikel widmete.

Das heilig gewordene Sakrileg

Ein denkmalpflegerischer Sündenfall also. Ein Sündenfall allerdings, der mittlerweile selbst mit so viel Zeitgeschichte aufgeladen ist und mit so viel architekturgeschichtlichen Qualitäten daherkommt, dass er einen eigenen denkmalpflege­rischen Wert aufweisen würde – wäre er nicht seinerseits rücksichtslos umgebaut worden. Nun soll ein tiefer gehender architektonischer Eingriff für eine neue Ordnung sorgen. Das nicht mehr rentable Kino soll zurückgebaut werden und einer neuen Nutzung aus Verkaufsflächen und Wohnungen weichen.

In diesem Spannungsfeld sich überlagernder Zeitschichten, historischer Fragmente und verschiedener zeittypischer Auffas­sungen vom Bauen im Bestand entschied sich die Denkmalpflege der Stadt Bern nach einer bemerkenswert sorgfältigen und in ihrer Tiefe aussergewöhnlichen Auseinandersetzung5 mit dem Bauplatz und dem Bauen in der Altstadt dafür, im Wesentlichen die Bauteile von vor 1928 zu schützen6 – und dafür der Wiederherstellung der tradierten Stadtmorphologie einen höheren Stellenwert zukommen zu lassen. Der an diesem Ort über Jahrhun­derte fast schon als Kanon gehandhabte Bautyp eines repräsentativen Vorderhauses, eines dazugehörigen Hinterhauses samt dazwischenliegendem Hof, der mit Galerien oder balkonartigen Lauben7 überbrückt wird, wird als Vorgabe für den Neubau definiert.

Rückführung

Zwar mag es ungeschickt erscheinen, dass die Denkmalpflege dabei den Begriff der «kritischen Rekonstruktion» verwendet, der durch die Postmoderne sowie durch die spezifische Baugeschichte Berlins doch stark belastet ist. Als Ausgangslage für einen Neubau an diesem Ort stellt der Zwang zur Wiederherstellung der stadtmorphologischen Struktur jedoch einen Glücksfall dar.

Dementsprechend streng wurde diese Vorgabe von der Jury gehandhabt. Die beiden Projekte, die nach der ersten Phase ausschieden, scheiterten unter anderem daran: Das Projekt von Aebi & Vincent führte zusätzlich zum ortstypischen Hof zwei schmale Lichthöfe ein, die gegen die Typologie des ­Berner Altstadt verstossen und der Jury daher nicht nachvollziehbar erschienen. Das Projekt von Campanile Michetti Architekten wiederum wurde – neben Bedenken gegenüber Eigenheiten des archi­tektonischen Ausdrucks – vor allem für die Teilung des Hofs und die «untypische Positionierung des Haupttreppenhauses»8 kritisiert.

Das führte zu einer Ausgangslage, die kaum interessanter sein könnte. Wäre Architektur Tennis, würde man vom Wunschfinale eines Grand-Slam-Turniers sprechen: Denn zur exemplarischen Vorgabe bezüglich des denkmalpflegerischen Umgangs verbleiben mit Buol & Zünd aus Basel sowie Rolf Mühlethaler aus Bern zwei Büros, die unterschiedlicher nicht sein könnten, jedoch ihre jeweilige Haltung zur Architektur über Jahre auf hohem Niveau entwickelt haben.

Traum-Finale

Rolf Mühlethaler hat sich seit seinem viel beachteten Atelier für Rolf Iseli (1987) konsequent dem stetigen und raffinierten Weiterentwickeln des Vokabulars der Moderne verschrieben. Auch Buol & Zünd sind für einen emblematischen Erstling bekannt, das Atriumhaus in Therwil (1999). Sie pflegen seither eine Architektur, die sensibel und dennoch innovativ Bezüge auch zu vormodernen Teilen der Architekturgeschichte entwickelt. Beide Büros waren verschiedentlich im historischen Kontext tätig. Mühlethaler eher kontrastierend und mit freieren Bezügen, Buol & Zünd eher integrativ und mit direkteren Analogien.

Dennoch: Durch das gewählte Verfahren (Studienauftrag im Dialog), die strengen Vorgaben des «stadtmorphologischen Ent­werfens» und auch die Vorgaben zur Wirtschaftlichkeit weisen die beiden Projekte strukturell erstaunlich viele Ähnlichkeiten auf, was etwa die grundlegende Gliederung der Gebäude, die Lage des Hofs sowie die Fassaden zu den umgebenden öffentlichen Räumen betrifft. Die Unterschiede finden sich eher im Innern, in der architektonischen Motivik, der Herleitung gestalterischer Entscheide und der Gewichtung historischer Spuren. Exemplarisch lassen sich die unterschiedlichen Entwurfsverfahren im Umgang mit dem Erdgeschoss zur Rathausgasse und der Fassade des Innenhofs zeigen.

Der Geschichte auf der Spur

Lukas Buol und Marco Zünd be­ginnen mit ihrer Spurensuche im erhaltenen Kellergeschoss, das sie als «Keimzelle» ihres Entwurfs beschreiben. Darauf baut nicht nur die Grundstruktur des Gebäudes auf, sondern auch die Wohnungstypo­logie und die Struktur des Erdgeschosses. Dieses wird – vermutlich gegen die Interessen des Einzelhandels, aber im Interesse der Stadtmorphologie – im Bereich der Rathausgasse als Abfolge von einzelnen Räumen zwischen partiell durchbrochenen Brandmauern inszeniert.

Wenn man den Unter­ge­schossgrundriss nicht kennt, erscheint der Grundriss in diesem Bereich geradezu irrational: Da stehen Stützen an scheinbar unlogischen Orten, und Mauerfragmente ragen in die Räume. Eigentlich zu knapp hinter der Hoffassade be­findet sich eine voluminöse Stütze, die mit ihren kurzen Flügelmäuerchen wie ein Fragment der Vorgängerbauten wirkt. Dazu steht sie noch an einem leichten Versatz des Boden­niveaus. So erzeugt das konzeptionelle Vorgehen eine geradezu pittoreske Raumstruktur, in die – fast wie spätere Ein- oder Umbauten – Nassräume, Treppen und Ähnliches gesetzt werden.

Beim Betrachten des Grundrisses ist hier keine einheitliche oder vereinheitlichende Planerhand erkennbar – das analytische Entwerfen wird auf die Spitze getrieben. Die historische Stadt prägt den Bau bis tief in den Innenraum, was Stadtmorphologie spür- und erlebbar macht. Die Hoffassade hingegen ist aufgrund eines vorgefundenen Bauteils – ein Korbbogen – altneu gestaltet. Mit grosser Lust mischen die Architekten die Spuren und Zeitschichten und interpretieren sie neu. In eine Struktur aus Sand- und Kunststein werden Korbbögen und gleichzeitig Glasbrüstungen eingefügt. Doch damit nicht genug: Als oberer Abschluss dieser Laubengangstruktur dienen übergrosse Oculi9 als spielerisch-lustvoller ­Bezug zur barocken Fassade.

Modern interpretiert

Zu strukturell ähnlichen Schlüssen kommen auch Rolf Mühlethaler und sein Team. Auch hier zeigt sich die historisch verbürgte Dreiteilung nicht nur zur Kramgasse in der neuen Fassade, sondern auch als Struktur des Erdgeschosses in diesem Bereich. Die Andeutung der ehemaligen Brandmauern ist hier jedoch modern umgesetzt. Mühle­thaler lässt keinen Zweifel daran, dass man sich in einem Neubau befindet. Mit der Dreiteilung erreichen die Architekten eine saubere Modernität, die schottenartigen Wandstücke beziehen sich exakt aufeinander. Mit geometrischen Bezügen wird zudem das gesamte Erdgeschoss zusammengebunden und hat als Ganzes eine fast rationale Klarheit.

Dieselbe vereinheitlichende Klarheit weist auch die Hoffassade auf, die zwar raffinierte Bezüge zur Baugeschichte der Berner Altstadt und eine stupende Beherrschung des Entwurfs zeigt, jedoch unmissverständlich und der Wahrheit entsprechend mitteilt: Hinter den historischen bzw. historisch anmutenden Fassaden befindet sich ein Neubau, der in einem Zug vom gleichen Planungsteam und von einer einzigen Bauherrschaft geplant und gebaut wurde. Das ist eine deutliche Haltung zum Bauen im Bestand – mit der in den letzten Jahrzehnten im historischen Kontext aber auch viel Schaden angerichtet wurde.

Dass dies hier nicht der Fall ist, verdankt sich zum einen der rücksichtsvollen Sensibilität und der entwerferischen Feinheit Mühlethalers, die mit eingehenden Recherchen unterfüttert wurde, und zum anderen der Tatsache, dass der Entwurf keine Berührungsängste zwischen Alt und Neu hat. Er fügt das Moderne nahtlos, sorgfältig und zurückhaltend in die historische Umgebung ein, schreckt aber nicht davor zurück, zur Rathaus­gasse eine dezidiert historisierende Fassade – man beachte die Fenstersprossung – vorzuschlagen.

Sinnliche Denkmalpflege

Eine grundsätzliche Beurteilung der Erfolgschancen der jeweiligen Strategie ist aufgrund der vorliegenden Projekte nicht möglich – dafür sind beide Projekte zu gekonnt und zu gut gemacht. Beide Entwurfsverfahren bergen Chancen und Risiken. Die Architektenschaft darf sich aber glücklich schätzen, dass der Dogmatismus der Denkmalpflege im Bezug auf die Lesbarkeit alter und neuer Teile immer weiter abgebaut wird. Diese neue Freiheit öffnet ein grosses Spektrum von Möglichkeiten und bietet die entwerferischen Mittel, verblüffende Resultate, Räume und Stimmungen zu realisieren, bei denen nicht gedankliche Korrektheit oder didaktische Lesbarkeit im Zentrum stehen, sondern die sinnliche Wahrnehmung.

Und so soll es nun weiter­gehen: Buol & Zünd, die als Sieger aus dem Verfahren hervorgegangen sind, werden die Planung weiterführen – bereits 2021 soll die Immobilie bezugsbereit sein. Die Stadt Bern darf sich auf einen neuen Stadtbaustein freuen, die Denkmalpflege auf die Früchte ihres sorgfältigen und ­mutigen Vorgehens und die ­Architekturszene auf das Resultat eines faszinierenden Entwurfsansatzes. Es wird interessant zu beobachten sein, wie die Wohnungstypologien mit ihrer unkonventionellen Erschliessung und den auf die Lauben ausgerichteten Wohnräumen funktionieren und wie die halbprivaten Räume angeeignet werden. Hier wird in einer Art umgekehrter ­Nobilitierung eine eher genossenschaftliche Wohnform ins gehobene Segment transformiert. Soweit bereits im Wettbewerbsprojekt ersichtlich, könnte daraus ein charmanter kleiner Stadtort mit eben­solchen Wohnungen entstehen.

Weitere Informationen finden Sie unter der Rubrik Wettbewerbe.


Anmerkungen

1 Ein Erlebnis, das den jungen Architekten so beeindruckt hat, dass er danach gefordert haben soll, moderne Architektur habe ihren Tanz nachzubilden.
2 Damalige Schreibweise, später: «Capitol».
3 In Zusammenarbeit mit F. Widmer.
4 Schweizerische Bauzeitung, Band 93/94 (1929) Heft 15.
5 Und nicht ohne Bedenken: Sie selbst spricht von einer neuen und «risikobehafteten Phase der denkmalpflegerischen Stadtentwicklung». (vgl. Schlussbericht des Studien­auftrags, S. 13, «Denkmalpflegerische Ziele des Bauvorhabens»).
6 Ebenfalls zu integrieren war die unverändert erhaltene Laubenfassade zur Kramgasse «als wesentliches Element der Architektur von Hans Weiss».
7 Beschreibung nach: «Einordnung der Bauaufgabe in den Kontext des Altstadtschutzes» aus der Stellungnahme der Denkmalpflege im Wettbewerbsbericht.
8 Aus dem Schlussbericht.
9 Ein Oculus oder Ochsenauge ist ein rundes oder ellipsoides Fenster oder Blindfenster. Das Motiv erfreute sich im Barock grosser Beliebtheit.


Auszeichnungen
 

Buol & Zünd Architekten, Basel

 

Weitere Teilnehmer
 

Aebi & Vincent Architekten, Bern
Campanile Michetti Architekten, Bern
Rolf Mühlethaler Architekt, Bern

 

FachJury
 

Benedikt Graf, Architekt, Solothurn
Christian Hönger, Architekt
Fritz Schär, Architekt (Ersatz)

 

SachJury
 

Fritz Burri, Geschäftsleiter HIG (Vorsitz)
Ueli Grindat, Bauherren­vertreter (Ersatz)

 

Fachexperten (ohne Stimmrecht)
 

Jean-Daniel Gross, Denkmalpfleger der Stadt Bern
Siegfried Möri, Architekturhistoriker
Martin Heiniger, Von Graffenried
Daniel Kramer, Emch + Berger

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