Kramgasse 72 | Rathausgasse 61, Bern

Studienauftrag mit Lösungsfindung im Dialog

Sachpreisrichter

  • Fritz Burri (Vorsitz)
  • Ueli Grindat (Mitglied mit Stimmberechtigung)

Fachpreisrichter

  • Benedikt Graf (Mitglied mit Stimmberechtigung)
  • Christian Hönger (Mitglied mit Stimmberechtigung)
  • Fritz Schär (Mitglied mit Stimmberechtigung)

Auslober

HIG Immobilien Anlage Stiftung


Teilnehmer

Buol & Zünd Architekten, Basel

Rolf Mühlethaler Architekt, Bern

Campanile Michetti Architekten, Bern

Aebi & Vincent Architekten, Bern

Einleitung

Das Gebäude Kramgasse 72 / Rathausgasse 61 wurde als hochherrschaftliches Barockpalais mit Vorder- und Hinterhaus sowie dazwischenliegendem Hof erstellt. Die Bedeutung dieses ursprünglichen Stadtpalais ist seitens Kramgasse als einziges sechsachsiges Gebäude nach wie vor ablesbar. 1928 – 1929 wurden die Gebäude bis auf die Fassaden, die Brandmauern sowie das Kellergeschoss vollständig abgerissen. Durch den Architekten Hans Weiss wurde blockübergreifend das Lichtspieltheater Capitol erstellt. Es gehört zu den wenigen Bauwerken der Stadt Bern, die vom Einfluss der Bewegung des Art Déco geprägt wurden. Die ursprünglichen Qualitäten des Gebäudes wurden durch mehrere Umbauten jedoch in Mitleidenschaft gezogen und sind heute nur noch in Bereichen wie beispielsweise im Foyer erkennbar. Spätestens seit dem Umbau von 1953 haben wesentliche Gebäudeteile keine Funktion mehr. So steht das mehrgeschossige Bühnenhaus seit Jahrzehnten leer. Der ursprüngliche Besucherraum wurde mit dem Einbau eines zweiten Kinos wesentlich beeinträchtigt.

In einer Güterabwägung aller Argumente kommen sowohl die Denkmalpflege als auch der Gutachter zum Schluss, dass die Frage der Verhältnismässigkeit eines Erhalts des Kinoeinbaus zugunsten einer Neukonzeption entschieden werden muss. Es handelt sich dementsprechend bei der vorliegenden Aufgabe um einen weitgehenden Neubau unter Einbezug historischer Gebäudeteile.

Empfehlungen des Beurteilungsgremiums

Das Beurteilungsgremium empfiehlt der Auftraggeberin einstimmig das Projekt von Buol & Zünd Architekten zur Weiterbearbeitung. Folgende Punkte sind in der nächsten Planungsphase in Zusammenarbeit mit der Auftraggeberin und der Denkmalpflegeder Stadt Bern zu überprüfen und zu überarbeiten:

- Präzisierung der Grundrisse Kramgasse

- Detaillierte Bearbeitung der Fassade Rathausgasse anhand der Resultate von vertieften historischen Untersuchungen

- Abschliessende Definition der Adressierung der Gebäude (Zugang Seite Kramgasse)

- Klärung der Lukarnen (Anzahl / Grösse)

- Es ist zu prüfen, ob das Treppenhaus allenfalls als Zwischenklimazone ausgebildet werden kann

- Auf eine Überdeckung des Hofes im Erdgeschoss ist wenn möglich zu verzichten

- Die Wirtschaftlichkeit des Projektes ist bei der Weiterbearbeitung angemessen zu berücksichtigen.

Siegerprojekt von Buol & Zünd Architekten

Das Projekt basiert bezüglich Stadtmorphologie auf einer äusserst präzisen Recherche und wird in seiner Ausformulierung präzisiert. Die bestehende, spätmittelalterliche Bausubstanz im Untergeschoss, von den Architekten als Stammzellen bezeichnet, wird zur Ausgangslage einer überzeugenden Grundrisstypologie. Die Verfasser haben mit der Überarbeitung sowohl eine Präzisierung der Hierarchie von Vorder- und Hinterhaus als auch eine, durch die erhebliche Vergrösserung des Hofes, wesentliche Verbesserung der Belichtungssituation erreicht. Trotz der Veränderungen konnte die Wirtschaftlichkeit des Projektes erhalten werden.

Das Projekt sieht einen ausgewogenen Wohnungsmix mit 22 Wohnungen vor. Die gewählten Typologien verweisen auf eine Flexibilität, mit welcher das Angebot ohne Qualitätsverlust verändert werden kann. Trotz der Vergrösserung des Innenhofes konnte die Wirtschaftlichkeit des Projektes erhalten bleiben.

Basierend auf dem mittelalterlichen Fundament der Kellergeschosse gelingt es den Projektverfassern, eine stimmige Antwort auf die komplexe Fragestellung einer tradierten Stadtmorphologie zu geben. Die entwickelten Typologien nehmen die Geschichte des Ortes und die Lage im Stadtgefüge auf. Die Anlehnung an bekannte barocke Stadtpalais Bern mit ihren von Gasse zu Gasse durchgehenden Besitzungen, die subtile Hierarchisierung von Vorder- und Hinterhaus, die Ausbildung des grosszügigen, repräsentativen Hofes mit flankierenden Verbindungsflügeln, sowie die Schnittfigu rmit integrativer Dachlandschaft zeigen eine überzeugende Interpretation einer kritischen Rekonstruktion.

Projekt vom Planungsteam Capitol – Rolf Mühlethaler

Phase 2 - Überarbeitung

Mit vertieften Kenntnissen und einer hohen Sensibilität für den Ort wird von den Verfassern ein in Bezug auf Städtebau, Typologie, Raum- und Gebäudestruktur präzises und stimmiges Projekt für die Lücke in der Berner Altstadt dargelegt. Das Prinzip der Grundrisse lässt hohe Varianz und Flexibilität für unterschiedliche Wohnungen zu, deren Attraktivität jedoch teilweise unterschiedlich beurteilt wird. Die Struktur im östlichen Bereich des Hofes und des Hinterhauses erscheint in Bezug auf deren Geometrie zu wenig aus dem Bestand herausgearbeitet. Die architektonische Umsetzung bei den Fassaden zum Hof und die daraus resultierende Stimmung vermögen nicht vollständig zu überzeugen.

Projekt von Campanile Michetti Architekten

Die Verfasser stellen sich zu Beginn ihrer Arbeit die Frage, ob ein Objekt, von dem fast sämtliche Bestandteile ersetzt werden, noch das ursprüngliche Objekt oder etwas Neues ist. In ihrem Vorschlag soll die Sorge dem Erhalt der noch zu erhaltenden Fragmente gelten. Alt und Neu sollen sich durch eine neu geschaffene Kontinuität zur Geltung bringen. Aufgrund der Grösse des Eingriffs sollen die Neubauteile eine eigene Präsenz erhalten.

Das Projekt löst insgesamt den eigens postulierten Ansatz einer Kontinuität von Alt und Neu nicht ein. Das angestrebte Konzept einer eigenen Präsenz des Neuen überzeugt das Beurteilungsgremium insbesondere in Bezug auf die untypische Positionierung des Haupttreppenhauses, die Teilung des Hofes, die eher sperrig wirkende Gestaltung der Hoffassaden und die eher unverständliche Neukonzeption der Fassade zur Rathausgasse insgesamt zu wenig.

Projekt von Aebi & Vincent Architekten

Die Verfasser legen eine sorgfältige und umfassende Analyse in Bezug auf Baugeschichte, Gebäudemorphologie und -typologie vor, die mit den historischen Fotos insbesondere für die Situation der Lauben an der Rathausgasse zusätzliche Erkenntnisse bringt und mit den historischen Flugaufnahmen ein gutes Bild der Dachlandschaft vor 1928 aufzeigt.

Insgesamt gelingt es den Verfassern nicht, die detaillierte und präzise Analyse in ein schlüssiges und selbstverständlich wirkendes Projekt umzusetzen. Die Idee des Raumgitters als eine Art Skulptur kann zu wenig mit den aus der Baugeschichte hergeleiteten Elementen des Stadtpalais zu einem Ganzen stimmig zusammengesetzt werden. Das Einfügen der beiden Höfe im Gebäudevolumen verunklärt das typische Prinzip der Gebäudegliederung der Berner Altstadt.

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