Ein Stadthotel erfindet sich neu
Das Hotel Alma im Zürcher Seefeld war lange ein Haus ohne Adresse. Nicht im postalischen Sinn, sondern im räumlichen: ein seitlich erschlossenes Hochparterre, ein Eingang ohne Geste, ein Hotel, das sich der Stadt entzog. Dass dieser Zustand nicht nur ein funktionales, sondern ein konzeptionelles Problem ist, bildet den Ausgangspunkt des Umbaus durch GREGO Architektur.
Ein Hotel – und erst recht ein Stadthotel – muss mehr sein als Unterkunft, findet die Zürcher Architektin Jasmin Grego. Es ist gleichsam Interface, Schwelle und Versprechen. Die Antwort darauf ist keine spektakuläre Form, sondern eine präzise Setzung: eine vorgelagerte Terrasse. Sie überwindet das Hochparterre, schafft Distanz und Nähe zugleich und gibt dem Haus erstmals ein Gegenüber im Stadtraum. Mit der Veranda hat das Gründerzeithaus ein Gesicht bekommen, es schaut nun auch dank zweier neuer grosser Fenster offenen Auges auf die Mainaustrasse.
Ein Haus mit Geschichte
Das 1893 erbaute Jugendstil-Haus hat schon viele Nutzungen hinter sich. Es diente als Wohnhaus, als Kinderheim für Mädchen, als einfache Frauenpension. Mehr Glamour bekam es zur Jahrtausendwende, als die Zürcher Architektin Pia Schmid das Gebäude hoteltauglich machte: 2001 eröffnete die gemeinnützige Frauenhotel AG (heute Sinn & Gewinn Hotels AG) unter dem Namen «LadysFirst» das Hotel als Integrationsbetrieb mit Arbeitsplätzen für Frauen mit einer psychischen Beeinträchtigung.
Seit 2001 sind auch Männer willkommen, der Wellnessbereich bleibt jedoch bis heute Frauen vorbehalten. 2018 wurde es von der NZZ am Sonntag als bestes Drei-Stern-Hotel in Zürich bewertet. Mit dem Umbau durch das Büro GREGO Architektur wurde 2022 ein weiteres Kapitel in der Geschichte des Hauses aufgeschlagen.
Aussen wurde die historische Fassade des vierstöckigen Gebäudes energetisch optimiert und aufgefrischt. Die Sandstein-Gesimse wurden erneuert, neue Fenster mit Isolierglas eingesetzt – immer unter der Prämisse, ein möglichst harmonisches Gesamtbild zu erzielen. Die Energie zum Heizen und Kühlen kommt neu aus einer Erdsonde.
Und die für historische Bauten im Zürcher Seefeld prototypische Fassadenbegrünung trägt nicht nur zur einladenden Wirkung des neu gestalteten Eingangsbereichs bei, sondern unterstützt auch die Verbesserung des Mikroklimas im Strassenraum und reduziert die Erwärmung der Räume bei Hitze.
Ein Umbau mit Überraschungen
Der Umbau selbst ist alles andere als sanft – auch wenn er so wirkt. Tragende Wände werden geöffnet, neue Durchbrüche geschaffen, ein Lift eingefügt, Brandschutzauflagen durch das gesamte Gebäude gezogen. Die Transformation reicht tief in die Struktur. Und doch bleibt das meiste bestehen. «Man ist Teil einer Geschichte, nicht ihr Höhepunkt», sagt Grego. Ein Satz, der sich im ganzen Haus materialisiert.
Bestehende Elemente werden nicht ersetzt, sondern neu gelesen. Was aufwendig gebaut ist, bleibt. Was sich verändern lässt, wird transformiert. Selbst die Unzulänglichkeiten – schiefe Geometrien, unklare Bestände, fehlende Pläne – werden nicht korrigiert, sondern akzeptiert. Das Haus bleibt widersprüchlich. Und gerade dadurch glaubwürdig.
Innen bleibt das Haus, was es immer war: ein Gefüge aus Zimmern, Korridoren, Nischen. Genau darin liegt seine Qualität. Der Umbau verzichtet bewusst auf die grosse Geste. Stattdessen wird das Erdgeschoss neu organisiert – nicht als Abfolge geschlossener Räume, sondern als offenes Kontinuum.
«Wir wollten einen Rundlauf anlegen», sagt Jasmin Grego, «dafür haben wir Durchgänge freigelegt und Sackgassen eliminiert». Die klassische Rezeption verschwindet und wandelt sich zu Empfang, Arbeitsplatz, Treffpunkt und Teamort. Ein Raum, der nicht eindeutig ist und gerade deshalb funktioniert. Hier zeigt sich, was ein kleines Stadthotel heute leisten muss: Es ersetzt fehlende Grösse durch Nutzungsüberlagerung.
Das gesamte Erdgeschoss wurde räumlich geöffnet und in der Atmosphäre eines grossen, gemütlichen Wohnzimmers mit Lobby, Cheminée-Zimmer, Frühstücks- und Sitzungsraum gestaltet. Da sich das gesamte Gebäude über die Jahrzehnte in Richtung See geneigt hatte, wurden die Böden im Erdgeschoss ausnivelliert und mit Parkett beziehungsweise Linoleum belegt.
Die Idee hinter dem Umbau der Architektinnen lautete: Heimat auf Zeit. Dazu passt auch die Idee einer neu eingebauten grosszügigen Küche, die alle Hotelgäste nutzen können. Dass die Gäste ihre Essen selbst kochen, ist dabei weniger ein Service als ein Statement. Die Gemeinschaftsküche – im Hotelkontext fast ein Paradox – wird zum eigentlichen Zentrum des Hauses. Austausch entsteht nicht durch Design, sondern durch Möglichkeit.
Bewahren, was gut ist
Farbigkeit wird nicht dekorativ eingesetzt, sondern als räumliches Instrument. Decken, Wände und Einbauten werden zu dichten Farbräumen gefasst, während aufwendige Bauteile neutral bleiben. Die Böden aus Fischgrät- und Kassettenparkett wurden nur aufgefrischt. Die damals modernen, noch intakten Duschglaskabinen mit ihrer blaugrünen Farbe – aus dem Umbau von Pia Schmid – wurden behalten, sind neu aber integriert in ein grösseres Farbkonzept.
Gleichzeitig erweitert sich das Hotel programmatisch. Aus 28 Zimmern werden 16 – ergänzt durch Apartments, Familienzimmer und ein ganzes Geschoss für Longstay Gäste. Das ist mehr als ein betrieblicher Entscheid. Es ist eine Verschiebung des Typus: vom temporären Aufenthalt hin zu Formen des Wohnens. Dafür wurden Zimmer zusammengelegt, Apartments mit Küchen eingeführt.
Die Eingriffe im Dachgeschoss und in den Obergeschossen sind tiefgreifend, aber gezielt: «Wir haben Durchbrüche gemacht, Bäder zurückgebaut und möglichst viele Elemente wiederverwendet.» Das Hotel wird zur hybriden Struktur zwischen kurzfristigem Aufenthalt und längerem Wohnen, zur «grossen WG», wie es im Entwurfsprozess beschrieben wurde – mit allen Ambivalenzen, die dieses Bild mit sich bringt. Zwischen Auslastung und Alltag, zwischen Gast und Bewohnerin entsteht ein Dazwischen.
Das Hotel Alma ist weder klassisches Boutiquehotel noch soziales Projekt, weder Rückzugsort noch urbaner Hotspot. Es ist ein Haus, das gelernt hat, mit Widersprüchen zu arbeiten. Ein Haus, das sich öffnet, ohne seine Intimität zu verlieren.
Und das Frauenhotel? Es ist da – und zugleich nicht. Historisch als reines Frauenhotel gegründet, hat sich das Haus längst geöffnet. Geblieben ist jedoch eine Haltung: ein Frauenteam, ein «Ladies-only»-Wellnessbereich, ein sozialer Auftrag, der gezielt Frauen in den Arbeitsprozess integriert.
Architektonisch manifestiert sich das nicht in Symbolen oder Codes. Sondern in einer spezifischen Balance: zwischen Rückzug und Teilhabe, zwischen Intimität und Sichtbarkeit. Das Haus bleibt kleinteilig, fast wohnlich – und tritt doch zur Strasse hin selbstbewusst in Erscheinung. Vielleicht ist genau das die zeitgemässe Form eines Frauenhotels: kein Gegenentwurf, sondern eine Verschiebung.
Umbau Hotel Alma, Zürich
Bauherrschaft
Sinn & Gewinn Hotels AG, Zürich
Architektur
GREGO Architektur, Zürich
Baumanagement und Bauleitung
GREGO Architektur, Zürich
Konstruo, Winterthur