Ei­ne Frei­luft­schu­le für das 21. Jahr­hun­dert

Das Schulhaus Wallrüti in Winterthur von Schneider Studer Primas ist eines der grössten im Kanton Zürich. Seit gut zwei Wochen ist es belebt: In 28 Schulzimmern lernen nun 24 Oberstufenklassen fürs Leben und erproben gleichzeitig ein Raumkonzept, das das Energiesparen mittels Flächeneffizienz auf die Spitze treibt.

Publikationsdatum
09-09-2022

Unter all den innovativen Schulhauskonzepten der letzten Jahre war dieser Entwurf von Schneider Studer Primas wohl der prominenteste. Die Architekten griffen auf die Idee der modernen Freiluftschulen der 1920er- und 1930er-Jahre zurück. Damit sorgten sie bei der Begutachtung des Wettbewerbsentwurfs im Jahr 2016 für eine Überraschung und lösten noch während der Projektentwicklung bei manchen Kopfschütteln aus.

Zwischen vielen Einfamilienhäusern, einigen grossen Wohnbauten und etwas Gewerbe am Winterthurer Stadtrand gelegen, ist das Schulhaus Wallrüti gross und wirkt doch nicht so: Die wolkenförmigen umlaufenden Laubengänge verschleiern den kompakten dreigeschossigen Kubus auf so verspielte Weise, dass er eher zu den umliegenden Wiesen und Wäldern als zur Stadt gehört. 

Frische Luft für alle, immer

Diese Laubengänge leisten alles, was in einem konventionellen Schulhaus die Korridore hergeben, nämlich die gesamte Erschliessung. Kein Wunder, dass das Konzept seit dem Wettbewerbserfolg von Schneider Studer Primas Architekten immer wieder diskutiert wurde. Als Verkehrsfläche im beheizten Volumen fallen lediglich 81 m2 als Vorraum zwischen den Toiletten an. Alle anderen Wege führen über den Aussenraum, das heisst an die frische Luft: Vor der Schulstunde, beim Wechsel in eines der Handarbeits- oder Chemiezimmer oder in der Pause treten die Schülerinnen und Schüler nach draussen auf die umlaufenden Lauben. Eine Rampe und fünf Spiraltreppen verbinden die drei Ebenen, und dies nicht nur während der Schulstunden. Auch am Wochenende sind die Laubengänge begehbar.

Nach draussen führten die Wege schon immer: Die Vorgängerbauten der Pavillonschule von Irion Architekten aus den 1970er-Jahren gruppierten sich als kleines Schul-Dorf um verschiedene Aussenräume. Die Pavillons waren sogar als schutzwürdig eingestuft, die Fassaden aus Cortenstahl aber nicht mehr zu retten – deshalb war vor gut zehn Jahren der Entscheid für einen Neubau gefallen. Dieser nimmt nun die Idee der Wege an der frischen Luft unter den Vorzeichen des 21. Jahrhunderts auf: eine Freiluftschule in einem maximal kompakten Bauvolumen.

Energie sparen durch Flächeneffizienz

Dem des Neubau Wallrüti-Schulhauses mit seinen gut 4000 m2 Hauptnutzfläche und 300 m2 Nebennutzflächen stehen etwas über 2500 m2 Laubengänge gegenüber. Die innere Erschliessung ist sozusagen nach aussen gestülpt. Drinnen reihen sich die Schulzimmer direkt aneinander und können über doppelflüglige Verbindungstüren zusammengeschaltet werden. Diese inneren Verbindungen ermöglichen auch Clusterbildungen zwischen den einzelnen Räumen und sollen dazu anregen, neue pädagogische Methoden wie das gemeinsame Unterrichten durch mehrere Lehrpersonen auszuprobieren. Wenn alle Türen offen stehen, zeigt sich die Enfilade der Schulzimmer in beide Richtungen von Fassade bis Fassade.

Den Anstoss zur Idee einer Freiluftschule mit einem Energiestandard, der deutlich besser ist, als das Baugesetz es verlangt, gab ein rigoroses Sparprogramm der Stadt Winterthur. Gespart wurde in erste Linie durch die Flächeneffizienz, nicht durch einen tiefen Kubikmeterpreis: Da steht das Haus mit seinen gut 1100 Franken sogar leicht über dem Durchschnitt.

Die Stahlstützen der ausschweifenden Laubengänge und die schlanken Baumstämme umspielen das Haus, das innen von riesigen, massiven Betonstützen mit 55 cm Durchmesser getragen wird. Dies wiederum garantiert eine maximale Nutzungsflexibilität für die Zukunft, denn die gesamte Statik und Aussteifung wird nicht durch Wände, sondern allein durch Stützen und Unterzüge geleistet.

Aus der (Spar-)Not geboren, zeigt das Schulhaus einen angesichts der heutigen Flut von Vorschriften fast unglaublichen Mut zum Experiment mit grossen Konsequenzen für die energetische Performance. Auch beim Aushub wurde gespart, ein Untergeschoss gibt es nicht. Und vor allem hat die ungewohnte räumliche Anordnung Folgen für das soziale Leben im Schulhaus: Die offene Struktur und die umlaufende Erschliessung mit ihrer Einladung, sich zu bewegen, ist zugleich ein Geschenk und eine Herausforderung für die Nutzerinnen und Nutzer.

Wolke, Wald und Lunge

Ob das Schulhaus Wallrüti nun frei geformt oder streng kubisch gehalten sei, lässt sich nicht abschliessend sagen. Das Haus holt die Themen der Wiesen und Wälder am Ende der Guggenbühlstrasse in Oberwinterthur in den Siedlungsraum hinein und will als begrünte Lunge wahrgenommen werden. 

Die wolkig-wilden Kurven der Laubengänge umspielen gleichzeitig bestehendes und neu gepflanztes Grün wie auch das Rechteck des raumhoch verglasten Baukörpers. Und ganz im Sinn einer Freiluftschule für das 21. Jahrhundert werden dort die Schulzimmer in der Hauptsache natürlich belüftet: Fenstertüren aufschieben, und herein mit der frischen Luft!

Eine ausführliche Berichterstattung und Diskussion zum Schulhaus Wallrüti ist in Vorbereitung.

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