Land­schaft im Span­nungs­feld von Schutz und Nut­zung

7. «Natur»-Kongress in Basel

Am Freitag, den 13. April 2012, fand in Basel zum siebten Mal der Kongress «Natur» statt. Obwohl das Kongressmotto, «Landschaft im Spannungsfeld von Schutz und Nutzung», bereits seit Langem feststand, erhielt das Thema im Nachgang der Initiative für eine Kontingentierung der Zweitwohnungen eine spezielle Gewichtung.

Publikationsdatum
18-04-2012
Revision
01-09-2015
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

Den Einstieg in die anspruchsvollen Präsentationen des Vormittags machten Raimund Rodewald, Direktor der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, und Sabine Wolf, Landschaftsarchitektin und Chefredaktorin von «anthos. Zeitschrift für Landschaftsarchitektur», mit einem Vortrag zum Thema «Neuer Umgang mit dem Landschaftswandel».
Dass sich die Landschaft in einem Transformationsprozess befindet und des Schutzes bedarf, wurde angesichts der hohen Bautätigkeit mit einem Flächenverbrauch von elf Fussballfeldern pro Tag nicht weiter begründet. Als konkrete Massnahmen schlugen die beiden Referenten vor, neben dem noch unverbauten Raum vor allem auch die traditionellen Kulturlandschaften als erinnerungs- und identitätsbildenden Raum zu schützen. Neben dem reinen Schutz gelte es aber auch, die Qualität der bebauten Räume zu erhöhen und eine energetisch sinnvolle und landschaftsverträgliche Siedlungsentwicklung anzustreben. Konkret: die Vorzüge der (vermeintlich) unberührten Natur, wie Erlebnis, Zugänglichkeit oder hohe Aufenthaltsqualität, in besiedelte Gebiete zu transferieren. Indem Bewohnerinnen und Bewohnern auch im Alltag ein öffentlicher Raum geboten wird, der die Aufspaltung unseres Landschaftsbilds in «Natur = positiv» und «Stadt= negativ» auflöst, kann die verbliebene unbebaute Landschaft nicht nur geschützt werden, auch die bebauten Räume können an Qualität gewinnen.

Zwischen Achtsamkeit und Aneignung

Der Bündner Architekt Gion A. Caminada knüpfte an diesen Gedanken an, indem er für einen Föderalismus der Lebensformen plädierte: «Der echte Föderalismus ist differenzverträglich, erkennt in der Differenz das Gemeinsame und erachtet das Andersartige als Wert für alle.» Caminada forderte eine Befreiung von Dogmen und stattdessen eine Sensibilisierung der Wahrnehmung und eine präzise Haltung – mit allen Konsequenzen: Etablierte, aber nicht funktionierende System sollen abgeschafft, Methoden, die sich bewährt haben, erhalten und weiterentwickelt werden. Mit wohltuendem Pragmatismus überbrückte er den Stadt-Land-Graben: Beide Lebensformen benötigen sich gegenseitig, zudem existieren keine Räume ohne Potenzial, denn «das Potenzial hängt von den jeweiligen Interessen ab».

Landschaft vs. Energiewende

Die Waadtländer Nationalrätin Adèle Thorens Goumaz spannte den Bogen anschliessend weiter auf: Sie thematisierte die angestrebte Energiewende und deren Folgen für die Landschaft. Ist es tolerierbar, die Landschaft für den Ausbau erneuerbarer Energien zu verletzen, und wenn, ja in welchem Masse? Die Philosophin und Historikerin plädierte für ein klares «Ja», allerdings eines mit Augenmass: Da im Falle eines nuklearen Zwischenfalls die Natur nicht nur verletzt, sondern in weiten Teilen auch zerstört würde, sind Eingriffe durch Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien vertretbar. Diesen sollte eine genaue Bedürfnisabklärung vorangehen und eine über die Kantonsgrenzen hinausreichende Gesamtsicht erstellt werden. Die individuellen Eingriffe, das heisst die Wahl der Technologie oder der Standort, habe sich hingegen nach lokalen Gegebenheiten und Bedürfnissen zu richten. Als positives Beispiel nannte Thorens ein Windenergieprojekt im Vallée de Joux, das von der Bevölkerung stark unterstützt wird: In der industriell geprägten Region werden die Windräder von den Bewohnerinnen und Bewohnern weniger als störend denn als Zeichen für die Zukunftsfähigkeit der Gegend empfunden.

Zeitenwende in der Raumplanung

Am Nachmittag folgte eine Debatte zum Thema «Landschaft und Siedlungsentwicklung: Zersiedelungsstopp jetzt!» Felix Kienast (Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft), Sep Cathomas (Alt-Nationalrat) und Daniel Müller-Jentsch (Avenir Suisse) sprachen über politische und ökonomische Instrumente zu Begrenzung der Zersiedelung, die beiden «Challenger» Silva Semadeni (Präsidentin ProNatura) und Benedikt Loderer (Architekturkritiker) hinterfragten die Präsentationen kritisch. Die Form der Debatte mit einzelnen Vorträgen der drei Redner und der jeweils folgenden Befragung durch die beiden Challenger erwies sich als kurzweilig, aber auch etwas konfus. Im Zentrum stand, der Aktualität geschuldet, die Zweitwohnungsinitiative. Zwar waren sich die Referenten einig, dass Regulierungen nötig sei, über das «Wie» war man jedoch geteilter Meinung.

So plädierte Felix Kienast – ganz im Sinne von Gion A. Caminada – zunächst einmal für eine objektive Auseinandersetzung mit dem Thema: Was ist eigentlich das Problem von Zersiedelung – der Bodenverlust, die Zerschneidung der Landschaft, die aufwendige Infrastruktur für Erschliessung und Entsorgung oder der Verlust des traditionellen Landschaftsbildes? Nach den Antworten hätten sich dann auch die Lösungsansätze zu richten. In diesem Sinne kritisierte Kienast auch den Entscheid gegen weitere Zweitwohnungen: Indem die Initiative auf die Siedlungsfläche und nicht auf den Landverbrauch ziele, erschwere sie die bauliche Verdichtung auch in den Berggebieten. Kienast forderte zudem ein Umdenken beim Bedarf: Solange die Fläche das einzige Qualitätskriterium beim Wohnen sei, könne die Zersiedelung nicht eingedämmt werden – der schonende Umgang mit dem Boden müsse zum Lifestyle werden.1 

Sep Cathomas betonte die Notwendigkeit von politischer Regulation: In den 1990er-Jahren verpflichtete der Kanton Graubünden die Gemeinden zur Reduzierung der Bauzonen. Graubünden besitzt heute noch 15% an Baulandreserven, während es im Kanton Wallis mehr als das doppelte sind. Cathomas, damals Gemeindepräsident von Brigels, erklärte, auch in seiner Gemeinde hätten diese Auszonungen nicht ohne Druck von aussen stattfindenkönnen – nicht nur Private, auch die öffentliche Hand wolle vom Bauland profitieren, zudem nähmen viele Bewohnerinnen und Bewohner die raumplanerischen Vorteile einer Auszonung zunächst nicht wahr. Cathomas sprach sich für eine strengere Gesetzgebung aus, denn «ohne flankierende Planungsgrundsätze und Sanktionsmassnahmen der Kantone ist eine nachhaltige Siedlungsentwicklung auch mit den neuen Vorgaben des Bundes kaum zu erreichen».

Dem widersprach Daniel Müller-Jentsch: Er hält die in den vergangenen Monaten erzielten politischen Entscheide, wie die 1. Teilrevision des Raumplanungsgesetzes in Kombination mit der Initiative zur Reduzierung der Zweitwohnungen als effektivstes Instrument gegen die Zersiedelung der vergangenen 30 Jahre. Auch wenn sich die Umsetzung voraussichtlich als schwierig erweisen wird: Laut Müller-Jentsch ist man im Kampf gegen die Zersiedelung der Landschaft inzwischen von der Diagnose zur Therapie übergegangen.

Anmerkung

  1. Felix Kienast bezog sich in seiner Präsentation auf die aktuelle Publikation des Nationalen Forschungsprogramm «Nachhaltige Siedlungs- und Infrastrukturentwicklung» (NFP 54)

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