Kir­chen aus Holz

Kirche der heiligen Paraskewa ­im ukrainischen Oleksandrivka

Kirchenbauten aus Holz sind typisch für die Waldkarpaten. Sie sind eng mit der regionalen Kultur und Forstnutzung verbunden. Ein eindrucksvolles Beispiel ist die über 250 Jahre alte Kirche der heiligen Paraskewa ­in Oleksandrivka. Ihre Konstruktion und Gestaltung zeugt vom sorgfältigen Umgang mit dem Baustoff Holz. Andere Holzkirchen sind heute jedoch von Zerstörung bedroht.

Publikationsdatum
28-12-2011
Revision
01-09-2015
Andrij Kutnyi
Architekt an der Technischen Universität München (TUM)

Holzkirchen haben eine lange Tradition in Europa. Bekannt sind sie vor allem aus Norwegen (29 Objekte) und weiteren Gebieten Skandinaviens. In Mitteleuropa hat die Archäologie Überreste vieler Holzkirchen zutage gefördert. Wer jedoch heute durch Osteuropa reist, entdeckt eine Vielzahl Holz-kirchen, die immer noch benutzt werden. Über 3500 dieser Bauwerke befinden sich in den osteuropäischen Ländern – die ältesten stammen aus dem 14.–15. Jahrhundert. Die grösste Vielfalt dieser Holzbauten findet man in der ukrainischen Karpaten­region. Aus dem reichen Holzvorkommen entstand hier eine aussergewöhnliche Kirchen­architektur, die eng mit den Eigenschaften des Baumaterials verbunden ist. Durch die bogenartige, nach Westen geöffnete Form des Gebirges bilden sich in der Region der ukrainischen Karpaten drei klimatische Zonen heraus: die nördliche mit einem stark ausgeprägten, gemässigt kontinentalen Klima (im galizischen Karpatenvorland), die mittlere mit einem Gebirgsklima (Region der Huzulen, Boika und Lemka) mit hohen Niederschlagsmengen und grossen Temperaturschwankungen sowie die südliche Zone (Trans­karpatien, Maramuresch) mit einem vor den kalten Nordostwinden geschützten, milden und stark vom Mittelmeer beeinflussten Klima. Dieses ist am Waldbestand, der für den Kirchenbau von grosser Bedeutung war, gut zu erkennen – in Transkarpatien finden sich Buchen- und Eichenwälder an den Berghängen, in höheren Lagen und auf der nördlichen Seite dagegen nur Nadelbäume (Fichte, Tanne, seltener Kiefer und Lärche).

Ethnisch und regional geprägter Kirchentypus

Die Geschichte der Karpatenregion wurde stark von der Kultur unterschiedlicher ethnischer und konfessioneller Gruppen geprägt. Im gesamten Gebiet lebten Ukrainer bzw. Ruthenen, Polen, Ungarn, Slowaken, Rumänen, Deutsche, Armenier, Russen, Tataren und Fahrende zusammen. Zusätzlich leben dort, damals wie heute, zahlreiche verschiedene religiöse Gruppen – Christen, Juden und Muslime – neben- und miteinander. Diese vielfältige, sich über die Jahrhunderte immer wieder neu zusammensetzende Besiedlung beeinflusst auch das Bauen. Dabei zeigt die Geschichte, dass die Menschen besonders im Kirchenbau ihre entwerferischen Fähigkeiten und handwerklichen Fertigkeiten entwickelt haben. So entstand eine aussergewöhnliche Holzbauweise, die auf dem Blockbau basiert, aber in der Ausformung eine beeindruckende Vielfalt aufweist. Die meisten Holzkirchen in den ukrainischen Karpaten folgen, auch wenn sie nicht zur ­griechisch-katholischen Kirche gehören, dem byzantinischen Ritus. Unabhängig von der Konfession bieten alle einer ähnlichen Liturgie den Raum. Deswegen ist auch die funktionale Nutzung der drei Gebäudeteile der Kirche – Pronaos, Naos und Sanktuarium – gleich: Durch den Pronaos (oder auch Narthex genannt) betritt man den Kirchenraum. In der Ukraine wird er auch Frauenraum genannt, da er früher als Aufenthaltsraum sowohl für Frauen als auch für noch ungetaufte Mitglieder der Gemeinde während des Gottesdienstes diente. Im Hauptraum – dem Naos – findet der Gottesdienst statt. Er soll für den Gläubigen die «reale Welt» verkörpern. Der Gottesdienst wird durchgehend im Stehen gefeiert, sodass meist keine Bestuhlung vorhanden ist. Das östlich anschliessende Sanktuarium, das ausschliesslich dem Priester vorbehalten ist, wird durch eine Ikonostase (griechisch für Bilderwand) vom Naos getrennt. Diese Wand ist jedoch nicht als Abtrennung, sondern eher als spirituelle Verbindung des Altarraumes mit dem Hauptraum gedacht. Obwohl der kanonische Aufbau der Holzkirchen sehr einheitlich ist, entstanden zahlreiche Variationen in der Umsetzung. Jede Bevölkerungsgruppe brachte eigene Formen ein und setzte sie im Zusammenspiel mit den örtlichen Gegebenheiten und in gegenseitiger Beeinflussung durch die Nachbarn um. Die verschiedenen Kirchentypen werden nach den ethnischen Gruppen und den Regionen benannt. Die Fachliteratur unterscheidet zwischen den Lemka-, Boika-, Huzulen-, Galizien-, Bukowina- und Maramuresch-Typen. Einzelne Objekte haben Eigenschaften zweier Bautypen und werden als Mischtypen bezeichnet.

Von der Schwelle bis zur Schindel aus Eiche

Auch die Bevorzugung bestimmter Holzarten war regional unterschiedlich und ist hauptsächlich durch das Klima bedingt: In Transkarpatien wurden viele Holzkirchen von der Schwelle bis zur Dachschindel ausschliesslich aus Eichenholz errichtet. Man pflanzte zu Baubeginn sogar eine Eiche auf den Kirchhof als Symbol für die Beständigkeit. In Galizien hingegen wurden die wertvollen Eichen nur für Schwellen und Türen verwendet – für den Baukörper selbst nutzte man Fichte, Tanne und Kiefer. Dafür wurden auf dem Hof Lindenbäume gepflanzt, was durch die damaligen österreichischen Baubehörden als Brandschutzmassnahme vorgeschrieben wurde: Ihre breite und dichte Krone sollte vermutlich den ­Funkenflug behindern. Insbesondere in höheren Lagen wurden neben den Kirchen hoch wachsende ­Nadelbäume gepflanzt, die als Blitzableiter dienen sollten. Die für den Kirchenbau verwendeten Hölzer zeugen von der Grösse der damals in den Wäldern gewachsenen Bäume. So bilden etwa 9.5 m lange Kanthölzer aus Eiche mit einem Querschnitt von 65 × 35 cm die Schwellen der Kirche von Oleksandrivka. Darüber verlaufen die Blockwände senkrecht nach oben bis zu einer Höhe von 2.5  (Pronaos) bzw. 3.3 m (Naos). Ab hier verjüngt sich der Raum als Übergang zu einem Tonnengewölbe – ebenfalls in Blockbauweise (Scheitelhöhe 5.5 m). Der Kirchturm über dem Pronaos ist in Ständerbauweise errichtet. Da das Holz im Mittelalter und in noch jüngerer Zeit ein wertvolles Baumaterial war, trafen die Handwerker zahlreiche Massnahmen zum konstruktiven Holzschutz, die das typische Bild der Holzkirchen im Karpatengebiet prägen. So schützen beispielsweise die das Erscheinungsbild prägenden Dach- und Wandschindeln die tragenden Bauteile vor Feuchtigkeit und sind bei Beschädigungen leicht zu ersetzen. Zu den wichtigsten konstruktiven Holzschutzmassnahmen gehört das sogenannte Flugdach. Durch seine Auskragung schützt es die darunterliegenden Wandbereiche und die Schwellen. Eine Verkleidung der Wände unter dem Flugdach erübrigt sich, sodass die Wandkonstruktion auf diese Weise belüftet werden kann. Auch die stufenartige Form der Bekrönungen gehört zum konstruktiven Holzschutz. Die gebrochene Form ermöglicht die Ausbildung mehrerer kleiner Dächer und reduziert somit die dem Wasser ausgesetzte Wandoberfläche. In der ukrainischen Karpatenregion sind überwiegend zwei Arten der Schindeldeckung gebräuchlich: zum einen Nutschindeln, die aus Nadelholz bzw. Fichtenholz gefertigt und auf einer Seite mit einer Nut versehen sind. Da sie im Querschnitt keilförmig sind, können sie nach dem sogenannten Nut-und-Feder-Prinzip seitlich ineinander gesteckt werden, um eine wasserabweisende Dachdeckung zu erreichen. Den zweiten Holzschindeltyp bilden die schuppenartigen Schindeln, die ausschliesslich aus Eichenholz hergestellt werden. Im ­Gegensatz zu den Nutschindeln sind sie im Längsschnitt keilförmig und werden stumpf ­aneinandergestossen. Am dichtesten ist diese Art der Deckung, wie die Befunde an der Kirche in Oleksandrivka zeigen, wenn die Schindeln auf einer Schalung aus im Querschnitt rautenförmigen Brettern verlegt sind. Die quer zu den Schindeln verlaufenden ­Bretterfugen haben eine leichte Neigung nach unten und ergeben so eine tropfwasserdichte Deckung, die das Eindringen von Wasser verhindert.

Zukunft für die Holzkirchen 

Leider wurden in den letzten 20 Jahren die Holzschindeln oftmals durch Blecheindeckungen ersetzt. Dieser Eingriff ändert nicht nur den optischen Eindruck, unter der Verblechung kann sich zudem Kondenswasser bilden, das die Holzkonstruktion der Bauten beschädigt. In letzter Zeit kann man leider noch andere traurige Entwicklung verfolgen: Seit den 1990er-Jahren werden jährlich vier bis sechs Holzkirchen durch Brände zerstört. Häufige Ursachen sind Sicherheitsmängel der meist sorglos eingebauten elektrischen ­Einrichtung, nicht mehr funktionsfähige oder komplett fehlende Blitzableiter sowie der achtlose Umgang ­mit brennenden Kerzen. Darüber hinaus gibt es etliche Beispiele vorsätzlicher Zerstörung, beispielsweise wenn die Kirchengemeinde eine neue Kirche bauen will, kein anderer Platz für den Neubau zur Verfügung steht und auch kein Verkauf der Holzkirche an ein Freilicht­museum möglich ist. Mancher Brand wurde auch vorsätzlich gelegt, um Spuren eines Diebstahls von Kirchengut oder Ikonen zu vertuschen. Neben solchen Beispielen gibt es aber auch eine gegensätzliche Tendenz: In einigen Dörfern oder auch in den Städten werden wieder Holzkirchen gebaut. Sie werden in traditionellen Formen errichtet – trotz den damit eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten und der geringen Grösse. Und in manchen Ortschaften, wo das Verständnis für die historische Substanz noch vorhanden ist, wird die Blechdeckung inzwischen wieder durch eine Schindeldeckung ersetzt. Seit 2002 gibt es ausserdem Bestrebungen einer Forschergruppe, zehn dieser Holzkirchen in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufzunehmen. Leider gibt es von der Regierung und den zuständigen Behörden dafür keine grosse Unterstützung. Nur etwa 17 % der erhaltenen Kirchen stehen heute unter Denkmalschutz. Selbst diese können vom Staat nicht in angemessener Weise geschützt werden, und eine denkmalgerechte Erhaltung übersteigt die finanziellen Möglichkeiten der Kirchengemeinden bei Weitem.

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