«Ich bin dem zu­kunfts­fä­hi­gen Le­bens­raum ver­pflich­tet»

Den neuen SIA-Geschäftsführer Christoph Starck reizt es, Menschen mit unterschiedlichen Meinungen zusammenzubringen. Sein Credo: Nur gemeinsam kommt man zum Ziel.

Publikationsdatum
24-10-2019
Ivo Vasella
dipl. Arch. ETH/SIA, Co-Leiter Kommunikation, Mediensprecher

TEC21: Herr Starck, Anfang November beginnen Sie in Ihrem neuen Job als SIA-Geschäftsführer. Worauf freuen Sie sich am meisten?
Christoph Starck: Der SIA ist die Schlüsselstelle im Bauwesen. Der Verband verpflichtet sich, wie im Leitbild und den Statuten festgehalten, für einen nachhaltigen und zukunftsfähigen Lebensraum einzutreten. Dahinter stehe ich zu 120 % – als Forstingenieur, als Mitglied des SIA und als zukünftiger Geschäftsführer, aber auch als Vater von vier schulpflichtigen Kindern.
Zudem treffen im SIA so viele kluge Köpfe aufeinander wie nur selten. Die besten Experten bringen sich ehrenamtlich in den Kommissionen, Fachräten und im Vorstand ein und gestalten mit. Das gefällt mir ausserordentlich.

TEC21: Dieses System des SIA stösst an seine Grenzen. Hat es denn eine Zukunft?
Christoph Starck: Eine schwierige Frage. Vielleicht müssen wir es künftig so gestalten, dass alle ihre Gedanken und Ideen einbringen und sich engagieren, aber womöglich zeit­lich und inhaltlich gestraffter, nicht bis ins allerkleinste Detail mitarbeiten, sondern gewissermassen den strategischen Input liefern, und die Geschäftsstelle trägt diese weiter, formuliert Inhalte usw.
Ich verstehe den SIA nicht als hierarchische Organisation, sondern als heterogenes, faszinierendes Netzwerk. Natürlich gibt es eine Delegiertenversammlung, die die Stossrichtungen vorgibt, und einen Vorstand, der strategische Entscheide fällt. Für mich ist die Aufgabe zentral, wie es gelingen kann, die strategischen Entscheide bis in die Arbeit der einzelnen Kommissionen wirken zu lassen. Wie schaffen wir es, dass alle in die gleiche Richtung ziehen? Und, im Zusammenhang mit der ­Weiterentwicklung des Bauwerks Schweiz gefragt: Wohin wollen wir eigentlich? Die Antwort auf diese Frage ist für mich entscheidend.

TEC21: Welche Erfahrungen in Ihren 16 Jahren bei Lignum helfen Ihnen bei Ihrer neuen Aufgabe?
Christoph Starck: Die Lignum ist ebenfalls eine sehr heterogene Organisation: Zwischen einem Förster und einem Schreiner liegen Welten. Verschiedenste Menschen für die unterschiedlichsten Projekte zu begeistern, gemeinsam Ziele zu formulieren und dabei die unterschiedlichen Erwartungen unter einen Hut zu bringen, das war bei der Lignum mein Hauptgeschäft, und ich sehe es gleichzeitig als meine Berufung. Solche Aufgaben faszinieren und motivieren mich. Ich sehe mich nicht als einen weiteren Spezialisten im Gefüge des SIA, sondern als Generalisten, der die verschiedenen Partikularinteressen zu einem grossen Ganzen zusammenfügt.

TEC21: Wie lauten Ihre Führungsgrundsätze? Haben Sie eine Art Motto oder einen Leitsatz, den Sie den Mitarbeitenden mitgeben möchten?
Christoph Starck: Ich schmücke mich nicht gern mit bedeutungsschweren Mottos, Schlagworten und Anglizismen. Ich sehe mich als jemanden, der vorausgeht und die Leute motiviert, miteinander etwas zu bewirken und zu erreichen, alle zusammen wohlgemerkt. Auch bin ich kein Antreiber. Ich möchte den Mitarbeitenden möglichst gute Bedingungen schaffen, damit sie ihren Job selbstständig und eigenverantwortlich erledigen und ihr Potenzial entfalten können. Gleichzeitig erwarte ich, dass sie diesen Raum auch aktiv ausfüllen. Ich bin überzeugt, dass sie mitgestalten wollen, ihre Fähigkeiten und Kompetenzen in ihre Tätigkeit einbringen und einen Sinn erkennen möchten. Die meisten Mitarbeitenden haben zudem studiert. Das ist natürlich ein Riesenpotenzial.

TEC21: Was ist Ihnen im Beruf wichtig? Wofür setzen Sie sich ein?
Christoph Starck: Ich bin Forstingenieur, und obwohl «Nachhaltigkeit» ein abgenutzter Begriff ist, den jeder gern für sich pachtet, trifft es dieses Wort am besten – dafür möchte ich mich einsetzen. Man kann es auch so sagen: Wir verbrauchen Unmengen von Ressourcen, auch solche, die nicht erneuerbar sind, als ob es kein Problem wäre. Wir hinterlassen nicht korrigierbare Spuren und schädigen unsere Lebensgrundlagen. Mir ist es wirklich ein Anliegen, etwas beitragen zu können, dass das besser wird. Das Bauwesen ist an vorderster Front. Es gibt eigentlich kaum einen anderen Bereich, wo dermassen viele Ressourcen verschwendet werden.

TEC21: Was sind die wichtigsten Gründe für Erfolg im Leben?
Christoph Starck: Man muss Freude haben an dem, was man macht. Wenn man etwas widerwillig tut, ist es selten erfolgreich. Man muss bereit sein, an etwas dranzubleiben und sich auch nach einem Misserfolg wieder aufzuraffen. Und man muss bereit sein, immer wieder Neues zu lernen.

TEC21: Abseits vom Beruflichen: Was machen Sie, um einmal abzuschalten?
Christoph Starck: Ich bin passionierter Velofahrer und Skifahrer und entspanne am besten in der Natur. Am liebsten mit meiner Familie. Sie ist denn auch Herausforderung und Ausgleich genug. Wir haben vier Jungs im Alter von 8 bis 16 Jahren. Meine Frau arbeitet 80 Prozent als leitende Autorin, davon zwei Tage im Homeoffice. Zudem unterrichtet sie Yoga. Unser Alltag bedeutet also auch viel Organisation. Mit meiner Unterstützung in Erziehung und Haushalt klappt es ganz gut – meistens. Wenn ich nach Hause komme, bin ich in einer anderen Welt. Die Kinder wollen etwas von mir, und ich will präsent sein. Das Schönste ist für mich, wenn wir gemeinsam etwas unternehmen.

TEC21: Was macht Christoph Starck, wenn er ganz allein sein will?
Christoph Starck: Wenn es die Zeit erlauben würde, würde ich gern mehr Velo fahren – mit dem Bike oder dem Rennvelo, am liebsten jeden Tag. Das ist meine grosse Passion. Wenn ich zwei, drei Stunden ganz allein durch den Wald fahre, kann ich meine Gedanken schweifen lassen.

TEC21: Was geht Ihnen auf die Nerven?
Christoph Starck: Darf ich politisch werden? Im Moment stört mich der Wahlkampf. Wenn ich mit dem Velo durch den Aargau fahre, sehe ich an jeder Ecke Plakate. Diesen Ressourcenverschleiss finde ich völlig daneben. Auch das Niveau der Themen im Wahlkampf stört mich. Dass die wirklich grossen Probleme unserer Zeit angepackt werden, traue ich der Politik immer weniger zu.

TEC21: Sehen Sie die Zukunft der Schweiz so negativ?
Christoph Starck: Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, wir haben immer noch ein sehr stabiles System. Wir werden auch in Zukunft über viele kluge Köpfe verfügen, die unsere Schweiz gestalten, sodass sie sich immer wieder neu definiert und erfindet. Das mag zwar langsam gehen, verhindert aber Fehlentwicklungen, die man in anderen Ländern sieht. Dort wechselt die Regierung, und es geht in die eine Richtung und bei der nächsten Regierung wieder in eine ganz andere. Wir haben Kontinuität und Stabilität, und gleichzeitig ent­wickelt sich die Schweiz weiter. Genau darum ist es auch wichtig, dass sich Organisationen wie der SIA stärker politisch engagieren, um die Diskussionen wieder zu versachlichen.

TEC21: Vielen Dank für das Gespräch!

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