Wie­der­ge­burt ei­nes My­thos

Mit dem Haus Buchli, der Villa für die Fabrikantenfamilie Schärer, erstellte Fritz Haller 1969 den Prototyp seines Stahlbausystems Mini. Nach 40 Jahren musste der heute unter Schutz stehende Bau instand gesetzt werden. Doch was bedeutet Denkmalpflege im Stahlbau?

Publikationsdatum
28-10-2021

Wie die meisten seiner damaligen Berufskollegen kümmerte sich auch der Solothurner Architekt Fritz Haller (1924–2012) kaum um Fragen der Bauphysik.1 Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg waren geprägt von einem unbekümmerten Verbrauch von Energie: Wärmedämmungen wurden minimal bemessen oder unterblieben ganz, Kältege­fühle oder Überhitzungen mit einer Klimatisierung der Räume bekämpft. Das gilt auch für das Haus Buchli. Hier bildeten sich an sichtbaren und – schlimmer noch – an verdeckten Stellen Kondensate. Zusammen mit undichten Bereichen führte dies im Verlauf der Jahrzehnte zu starken Korrosionserscheinungen.

Zwar waren diese bloss vereinzelt sichtbar; da aber auch am Innenausbau vermehrt Schäden zu erkennen waren und das Haus bei Besucherinnen und Besuchern einen ­zwie­spältigen Eindruck hinterliess, entschloss sich die Eigentümerschaft 2008, es umfassend instand setzen zu lassen. Das Konzept des beauftragten Architekturbüros vuotovolume aus Bern ging dabei zunächst nicht von einer erneuernden, sondern von einer restaurativen Vorgehensweise aus.

Es ist äusserst anspruchsvoll, einen Bau zu res­taurieren, der mit so klaren Vorstellungen geplant, mit einer auf den Millimeter präzisen Herstellungsart und Montage gebaut, aber in bauphysikalischen Belangen mit so grossen Defiziten konfrontiert ist. Die grundlegenden Leitsätze zur Denkmalpflege sind selbstverständlich auch bei vergleichsweise jungen Stahlbauten zu befolgen: Die Originalsubstanz ist wenn immer ­möglich zu bewahren, es soll so wenig wie möglich und so viel wie unbedingt notwendig eingegriffen werden, die Spuren des Alters sind zu erhalten.

Mit neuen Mate­rialien und ihrer Anwendung stellen sich indessen neue Fragen, da im Vergleich zu historischen Gebäuden, deren Erstellung von natürlichen Materialien und handwerklicher Verarbeitung geprägt ist, industriell hergestellte Bauten ein anderes Alterungsverhalten zeigen. Die ­Materialien sind tendenziell kurzlebiger und in vielen Fällen nicht reparaturfähig. Ihre Anwendung ist kaum erprobt, und Auswirkungen, beispielsweise als Folge von bauphysikalischen Mängeln, zeigen sich oft erst nach Jahrzehnten.

Es bildet sich zudem kaum Patina, die zum Erlebniswert beiträgt; die Bauten wirken nach einiger Zeit vielmehr ungepflegt und schäbig. So sind gerade bei Systembauten problematische Eingriffe ­zahlreicher als Beispiele, die den Anforderungen genügen, die sich aus dem Zeugniswert historischer Gebäude ergeben.2

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Es war von Vorteil, dass das Haus ­Buchli nach der Instandsetzung nicht mehr dauernd bewohnt, sondern als Empfangs- und Gästehaus genutzt werden sollte – daher waren manche Vorschriften bezüglich Sicherheit und Energie nicht vollumfänglich umzusetzen.

Untersuchungen zeigen Überraschendes

Nachdem die Architekten ein detailliertes Raumbuch erstellt hatten, demontierten Arbeiter zunächst die ­festen Möbeleinbauten, danach die Verkleidungen. Die Lage jedes Einzelteils wurde vor der Einlagerung genau dokumentiert. Funktionelle Schäden waren vor allem in der Küche und in den Nasszellen festzustellen. Erstaunlicherweise ergaben Messungen, dass die Formaldehyd­konzentration, die von den für Böden und Innenausbau verwendeten Spanplatten ausging, auch nach einem halben Jahrhundert weit über den Richtwerten lag.

Nach der sorgfältigen Demontage des Innenausbaus kamen auch die Spanplattenböden an die Reihe. Hinter dem bauzeitlichen, als Isolationsmaterial eingesetzten Bauschaum traten insbesondere an der Innenseite der Fassade bedeutende Schäden an den Anschlussstellen von Stützen, Trägern und Füllelementen zutage. Die Korrosion hatte ein Mass erreicht, das es nicht erlaubte, die Fassadenelemente instand zu ­setzen. Noch gravierender waren die Schäden an der Tragstruktur, die zunächst als weitgehend intakt eingeschätzt worden war.

Bei genauerer Untersuchung zeigte sich, dass die untersten Partien der Vier­kantrohre der Stützen im Innern stark korrodiert waren. Durch nicht abgedichtete Bohrungen für die gespannten Drahtseile der Geländer sowie undichte Partien der oberen Abdeckkappen war Wasser eingedrungen, das sich am Stützenfuss angesammelt hatte. An diesen Stellen waren mehrere Stützen durch Eissprengung aufgebläht und Fundamente aufgerissen. Ein besonders stark betroffenes Element diente als Muster für eine Instandsetzung: Man behob die Schäden vor Ort und verbesserte gleichzeitig die ungenügende Ver­bindung zwischen den Stützenfüssen und den Betonfundamenten.3

Nachdem aber der Stahlbau von innen vollständig freigelegt und dabei festgestellt worden war, dass auch mehrere Verbindungen zwischen Stützen und Trägern unrettbar korrodiert waren, entschieden Bauherrschaft und Planende, die gesamte Rohbaustruktur zu demontieren und die Stützen mit den Anschlüssen an die Träger bei der Remontage zu ersetzen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte für das im Bauinventar des Kantons Bern als «schützenswert» eingetragene Objekt ein Baugesuch eingereicht und der Kontakt mit der kantonalen Denkmalpflege aufgenommen werden müssen. Beides unterblieb aufgrund der Auskunft der Gemeinde Münsingen, die die vorgesehenen Massnahmen als bewilligungsfrei einstufte, und des Selbstverständnisses der Bauherrschaft, die der Auffassung war, am besten beurteilen zu können, wie mit dem eigenen Produkt umzugehen sei.

Erst nach einer Intervention des Regierungsstatthalteramts stellte eine Wiederherstellungsverfügung der Gemeinde nach erfolgter Demontage den korrekten Ablauf des Bauprojekts und die Mitwirkung der kantonalen Denkmalpflege sicher.

Restaurierung mit Minimaltoleranzen

Im Gegensatz zu einem herkömmlich erstellten Bau erfordert der Umgang mit einer als Baukasten vorgefertigten Stahlkonstruktion, dass die Masse aller Bauteile mit höchster Präzision eingehalten werden. Nimmt beispielsweise die Höhe der Bodenplatte nur um Milli­meter zu, lassen sich die Fensterelemente bei der Remontage nicht mehr einsetzen. Beim Ersatz der ­Spanplatten war es deshalb wichtig, dass die neu verwendeten Dreischichtplatten exakt dieselbe Stärke ­aufwiesen.

Die horizontalen Elemente des Tragsystems, Haupt- und Kastenträger, blieben erhalten. Sie wurden in der Werkstatt entrostet und gestrichen. Anders die vertikalen Elemente. Die Stützen – Rohre mit quadratischem Querschnitt – wurden ersetzt. Da in Europa mittlerweile niemand mehr Rohre in Zollmassen fertigt, musste man das Material aus den USA beschaffen. Die Stützenfüsse wurden neu mit den Armierungen der Fundamente verbunden; so liess sich die zweite Lage von Hauptträgern, die nachträglich an der Decke über Vorfahrt und Steingarten eingebaut worden war, entfernen.

Gelenkig angebrachte, in der Länge justierbare Chromstahlstangen ersetzen die Zugstangen der Windversteifungen. Fassadenpfosten und Randbleche wurden neu in Chromnickelstahl ausgeführt, um Korrosionsschäden auszuschliessen, die wegen der sys­tembedingten Wärmebrücken nur mit aufwendiger Behandlung zu vermeiden wären. Auf der Höhe der Randbleche liessen die Planer raumseits einen zusätzlichen Dämmkasten anbringen. Die bereits 1987 aus­gewechselten Gläser der Fensterelemente – sie sind mit Gummiwulst­profilen direkt in den Stahlbau eingesetzt – wurden durch Krypton-Zweifach-Isoliergläser mit einem U-Wert von 1.2 W/m2 ersetzt.

Die vollständig demontierten Elemente des ­Innenausbaus wurden nach sorgfältiger Restaurierung wieder eingebaut, alle Oberflächen neu gestrichen.4 In der Küche wurden die beweglichen Teile wie Schubladen oder Schranktüren sorgfältig gerichtet, die Metallfronten gestrichen und die fest eingebauten Geräte wie Kochherd und Kühlschrank, die zum Original­bestand gehören, mit erheblichem Aufwand wieder funktionsfähig gemacht.

In den Nasszellen blieben alle Sanitär­apparate erhalten, Armaturen und Spülmechanismen wurden instand gestellt. Fotografien und ­Schilderungen der Bauherrschaft lieferten die Vorlage für die Rekonstruktion des grossen Cheminées. Die ­Teppichbeläge aus Kugelgarn­wolle ersetzten die Planen­den mit einem neuen Produkt gleichen Materials, die ­Gumminoppenbeläge von Küche und Bädern mit dem heute noch erhältlichen Boden aus «Pirelli-Kautschuk».

Gratwanderung gemeistert

Die heutige Nutzung des «Buchli» als Gästehaus und Empfangsraum erlaubte manche Kompromisse. Sie lässt beispielsweise niedrige Raumtemperaturen und niedrige Luftfeuchtigkeitswerte zu, die sowohl die nicht normgerechte Isolation der Fassaden kompensieren als auch die Bildung von Kondenswasser verhindern. Dennoch sind die Eingriffe beträchtlich. Rückblickend war es wohl nicht zu umgehen, den Bau zu demontieren und mit neuen Stahlstützen und hölzernen Deckenplatten neu aufzubauen. Es ist auch unproblematisch, dass die Gläser mit den Gummiwulstprofilen ersetzt wurden.

Einige Fragen bleiben dennoch: War es unvermeidbar, die neuen Fassadenpfosten mit einem neuen, letztlich systemwidrigen Querschnitt auszuführen?5 Ist es angebracht, in einem als Stahlbau konzipierten Systembau Chromstahlbleche zu verwenden?6 Mussten die Stangen der Windverbände in Chromstahl und in hochtech­nisierter Form ersetzt werden? Hätten die Fronten der alten Küchenmöbel nicht ihre Nutzungsspuren behalten können? War es richtig, das längst verschwundene Cheminée, das nun unbenutzt und steif im Wohnraum steht, zu rekonstruieren?

Abwägungen zu solchen Fragen sind schwierig. Grundsätzlich ist Rekonstruktion keine Erhaltungsstrategie, die den Wert des Baus als Beleg aus vergangenen Zeiten bewahrt. Auch wenn sie beim Haus Buchli bloss für wenige Teile des Rohbaus und in der Behandlung der Oberflächen angewendet worden ist: Der Schritt vom Zeitzeugnis mit den Zeichen jahrzehntelanger ­Benutzung hin zu einem teilweise neu erstellten und verbesserten Modell, das – selten genutzt – den Eindruck vermittelt, es sei erst kürzlich neu gebaut worden, ist klein, aber bedeutungsvoll.

Insgesamt aber ist die Gesamterneuerung des Wohnhauses Schärer ein hervorragendes Beispiel für den sorgfältigen Umgang mit ­einem einzigartigen Zeugnis der Bauentwicklung in der Nachkriegszeit. Die hohen Qualitäten des Systems und seiner architektonischen Umsetzung, die kompromisslose Konstruktion sind erkennbar und in weiten Teilen im originalen Zustand nachprüfbar. Dabei ist es wichtig, dass das Haus weiterhin genutzt wird in einem Rahmen, der einen schonungsvollen Umgang erwarten lässt. Das Resultat der Restaurierung verdient in hohem Mass Anerkennung.

Die ausführliche Version dieses Artikels ist erschienen in TEC21 34/2021 «Zeitreise durchs System».

Eine ausführliche digitale Dokumentation des Hauses und seiner Instandsetzung finden Sie hier.

Instandsetzung Wohnhaus Buchli, Münsingen

 

Bauherrschaft: USM U. Schärer Söhne, Münsingen

 

Architektur: vuotovolume Architekten, Bern

 

Denkmalpflege: Denkmalpflege des Kantons Bern

 

Tragkonstruktion: Emch + Berger, Bauingenieure, Bern

 

Elektroplanung: Elektroplan Buchs & Grossen, Frutigen

 

HLKS-Planung: IEM Ingenieure HLKS, Bern

 

Bauphysik: Zimmermann + Leuthe, Bauphysiker SIA, Aetigkofen

 

Schadstoffberatung: BUC Bau- und Umweltchemie, Bern

 

Stahlbau: USM U. Schärer Söhne, Münsingen; Stoller Metallbau, Belp

 

Planungs- und Bauzeit: 2012–2020

Anmerkungen

 

1 Das zeigt sich auch bei der gegenwärtig laufenden Instandsetzung des SBB-Ausbildungszentrums Löwenberg von Fritz Haller in Murten (1980–1982; vgl. TEC21 11/2015).

 

2 Bspw. der sorgfältig restaurierte Pavillon Le Corbusier in Zürich (1964/65; Instandsetzung: Silvio Schmed /Arthur Rüegg, vgl. TEC21 22/2015).

 

3 Bereits kurz nach dem Einzug bemerkte die Familie Schwingungen. Sie wurden durch eine zusätzliche Aussteifung mit Trägern unter dem Wohnraum reduziert.

 

4 Labormessungen zeigten, dass die neue Rundumlackierung die vom Leimspan der Innenausbauteile ausgehende Formaldehydbelastung unter den Grenzwerten hält.

 

5 Auch wenn nicht sichtbar: Die gleichschenkligen Profile der Fassadenpfosten hätten getreu dem Prinzip Hallers, alle Anschlüsse axial auszuführen, und entsprechend dem Original mit zwei identischen Profilen, die mit Abknickungen die Gummi-Haltewulste der Glasscheiben aufnehmen, ausgeführt werden müssen. Sie wurden indessen mit ungleich langen Schenkeln erstellt, was es erlaubte, ein zusätzliches Profil aufzuschrauben und damit die Montage zu vereinfachen.

 

6 Dies betrifft die horizontalen Verkleidungsbleche und die Fensterpfosten. Auch der zuvor mit quadra­tischen Fliesen ausgestattete Pool hat nun eine Wanne aus Chromstahl, was den Charakter stark verändert.