Ici, c’est Bülach!

Duplex Architekten stellen «schräge Typen» ins Glasi-Quartier von Bülach. Sie unterlaufen damit die gängige Variante, Neubauareale rechtwinklig einzurichten und innere Abstände zu wahren. Das ungewohnte Exposé versprüht grossstädtischen Charme.

Publikationsdatum
30-11-2022

Städter, aufgepasst: Die Agglo läuft den Schweizer Architekturkapitalen den Rang ab. Gute Beispiele, wie Quartiere gehaltvoll verdichtet werden können, finden sich immer seltener im Zentrum, aber häufiger in der Peripherie. Etwa im Limmattal, just westlich der Zürcher Stadtgrenze: Von Schlieren bis Dietikon verwandelt sich eine Gewerbebrache nach der anderen in Wohnstandorte mit vielfältiger, durchmischter und städtischer Atmosphäre.

Auch zentralere Industrieareale werden reihum transformiert. Doch vieles, was zuletzt auf städtischem Grund entstand, tut sich schwer mit einem betont urbanen Siedlungsformat. Zu steril, zu leblos und zu monoton, klagen Städtebaukritiker über neu entstandene, citynahe Wohnstandorte. Die einst grauen Flächen überraschen hier weniger mit bunter Vielfalt oder anregender Dichte, sondern kopieren ein Vorstadtmuster mit viel Sicherheitsabstand.

Die Sorge, der Mut zur baulichen und sozialen Annäherung gehe in den Städten selbst verloren, ist durchaus berechtigt. Das jüngste Beispiel für ein gelungenes dichtes Quartier findet sich eine halbe S-Bahn-Stunde vom Zürcher Hauptbahnhof entfernt; der vielversprechende Standort befindet sich in der weiteren Flughafenregion.  

Verwirrender Raster aus engen Gassen

Wo früher die grösste Glashütte der Schweiz stand, wurde in den letzten neun Jahren ein Kleinquartier für beinahe 2000 Menschen gebaut. Am Nordrand von Bülach stehen nun 21 Wohn- und Geschäftshäuser – darunter eines 60 Meter hoch – kompakt und eng beieinander. Die städtebauliche Setzung scheint sogar so ungewohnt, dass Fachleute und Architekten bei der Erstbesichtigung Rat suchend wirkten. Der Raster aus engen Gassen und grossen Häusern löste ebenso viel Staunen wie fragende Reaktionen aus. Auf den ersten Blick entstand der Eindruck, der neue Standort sei mehr an Verwirrung als an gewohnter Ordnung und Übersicht interessiert.

Deshalb ein paar Zahlen und Fakten, um sich besser orientieren zu können: Das verwinkelte Areal befindet sich wenige Schritte vom Bahnhof Bülach entfernt zwischen einem Gleisfeld und einer noch lärmigeren Autobahnzufahrt. Das ehemalige Industriegelände zieht sich in die Länge und ist gesamthaft vier Hektar gross. Die Stadt gewährt im Zonenplan eine ökonomisch interessante Ausnützungsziffer von 2.3 und verlangte im Gegenzug diese Nutzungsdurchmischung: ein Viertel Gewerbe, darunter Dienstleistungen oder Angebote mit Nahversorgungscharakter, und ein Fünftel der Wohnungen für ein weniger kaufkräftiges Publikum.

Dem Standortentwickler gelang es dabei, Institutionen aus dem Alters- und Sozialbereich anzulocken sowie ein medizinisches Zentrum anzusiedeln. Vor allem aber sollen über 1500 Menschen aus vielfältigen Schichten und Lebensphasen nach Bülach-Nord ziehen. Zwei gemeinnützige Wohnbauträger und ein privater Investor bieten insgesamt knapp 600 Wohnungen an. Ein Fünftel ist Stockwerkeigentum, und ein Drittel gehört ins gehobene Mietsegment. Und ja: Ein einziges Hochhaus mit 19 Etagen fand Platz in diesem überdurchschnittlich dichten Quartier an der Zürcher Peripherie.

Keine harte Schale um den weichen Kern

So also präsentierte sich das Glasi-Quartier Anfang September – als ein Drittel der Wohnungen bezogen und der Aussenraum mit Baumaschinen verstellt war. Nicht nur das Gefüge, auch das interne Fassadenbild wirkt versprengt. Wiederkehrend tauchen schräge Mansardendächer und bodentiefe Fenster mit Geländer auf. Mal sind die Balkone rund, mal die Gebäude mit eckigen Erkern versehen.

Auf den zweiten Blick wird ein Regelwerk für die interne Zuordnung ablesbar: Gebäudesockel und Dachrand, meistens das sechste Obergeschoss, treten jeweils deutlich hervor. Aber erst das gesammelte Repertoire solcher Fragmente ergibt das übergeordnete Ganze: die gestaltete Kulisse einer französisch inspirierten Stadtarchitektur. Helle Pastelltöne zwischen falb und rosa bekräftigen das Strassenbild. Auch die Dacheinfassungen aus Blech halten sich, nur leicht schimmernd, gestalterisch zurück. Einzig der bisweilen dunkle textile Sonnenschutz setzt sich deutlicher von der mineralischen Fassade ab.

Der Bauplan orientiert sich charakterlich – so die Interpretation der Projektverfasser – an einem innerstädtischen Quartier aus der Gründerzeit. Als Reproduktion darf diesem Ort eine stimmige, elegante Wirkung zugestanden werden. Doch was mittendrin empathisch und verbindend wirkt, findet nach aussen wenig Halt. Dem weichen Kern fehlt die harte Schale. Am Südrand wird ein direktes Gegenüber vermisst. Der subtile Charakter verpufft ins Offene. Die Westfront, die die viel befahrene Strasse etwas gar monoton flankiert, verrät dagegen zu wenig, wie spannend und vielfältig das vor Lärm geschützte Dahinter ist. Und der Auftakt – dort, wo man zu Fuss das Quartier vom Bahnhof erreicht – hätte mehr Prägnanz verdient, nur schon, um die Orientierung zu erleichtern.

Eine Feder, viele Hände

Die Häuser und der Masterplan stammen fast alle aus derselben Feder. Mit Ausnahme des Wohnhochhauses (Wild Bär Heule Architekten) ist das Zürcher Büro Duplex Architekten für die «schrägen Typen» und ihre besondere Anordnung verantwortlich. Das auffallende Merkmal daran ist aber nicht nur, dass die Geometrie fast ganz auf den rechten Winkel verzichtet. Den meisten Wohnbauten fehlt auch eine durchgehende Erscheinung oder nur schon die konventionelle Aufteilung zwischen vorne und hinten. Bisweilen ändert sich die Fassade mitten im Strassenzug, manchmal erst übers Eck. Jeder grossformatige Baukörper ist insofern auf allen vier Seiten adaptiv und spielt die Blockrandstruktur im Quartier nur vor. Ein einziger Baukörper ist mit Innenhof versehen; alle übrigen sind polygonale Brocken, die in sich geschlossen als Drei- oder Vierspänner organisiert sind.

Nicht nur die hybride Gestaltung, auch die dafür gewählte Zeichnungsmethode ist ungewohnt: Das Entwerfen der 21 Neubauten begann an mehreren Orten gleichzeitig. Ausgehend von je einem der vier Quartierplätze wurden die umliegenden Häuser jeweils Schicht um Schicht ausformuliert. Zuerst waren die Fassaden als Bezug zum städtischen Aussenraum zu verfestigen. Danach folgte das Konkretisieren der Grundrisse bis zum Erschliessungskern. Bisweilen trafen die Vorschläge zweier Entwurfsteams in der Hausmitte zusammen, weil sich einzelne Bauwerke auf mehrere Plätze ausrichten. Um diesen Entwurfsreigen zu koordinieren, gab sich das Büro eigene Regeln und definierte einen internen Gestaltungskanon.

Architektur kittet das Konglomerat

Zwar wollte der Standortentwickler ursprünglich eine Vielfalt unter den Hausadressen und dafür eigene Wettbewerbe ausschreiben. Doch die Gewinner des städtebaulichen Projekts, Duplex Architekten, überzeugten ihn davon, darauf zu verzichten. Was man als Akquisitionserfolg verbuchen kann, lässt sich städtebaulich gut begründen. Sie versprachen gestalterische Selbstbeschränkung: Die gemeinsame Architektursprache sollte helfen, ein derart aussergewöhnlich dichtes und äusserst kompaktes Konglomerat zusammenzuhalten.

Schon einmal fiel das Zürcher Büro mit dem Vorschlag auf, eine innerstädtische Matrix an ungewohntem Ort zu reproduzieren. Gemeinsam mit dem Büro futurafrosch erschufen sie das Hunziker-Areal zwischen Zürich-Oerlikon und Schwamendingen, das dicht und verwinkelt angeordnet wurde. Auch dort sucht man das symmetrische, lineare und vorsichtige Vorzugsmuster vieler Neubauquartiere vergebens.

Das Totalunternehmen, das sich um das Glasi-Quartier in Bülach kümmerte, kennt dieses Areal fast genauso gut. Waren seine Dienste in Zürich-Nord gefragt, um das Vorhaben vor acht Jahren kostenbewusst auszuführen, ist es im Glatttal sein eigener Auftraggeber als Eigentümer und Arealentwickler. Der Entwickler organisierte einen städtebaulichen Wettbewerb und lud dazu elf renommierte Architekturbüros aus Dänemark, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz ein. Duplex Architekten entschieden das Verfahren vor neun Jahren für sich und erhielten so die Gelegenheit, ihre schräge Urbanisierungsidee schlüssig weiterzuentwickeln.

Kein risikofreies Exposé

Hunziker- und Glasi-Areal sind durchaus wesensverwandt. An beiden Umbaustandorten war eine Antithese zur gängigen Praxis gefragt, die Peripherie mit einem weiteren Schlafquartier zu bestücken. Und für beide Projekte behandelte man dafür den Städtebau und die Architektur separat. So wurde der Aussenraum entworfen, lange bevor dem Gebauten gebührender Platz und angemessene Formen eingeräumt wurden.

Tangenten und Strahlen zerschneiden das Areal im Zürcher Unterland und teilen die trapezförmige Grundfläche mehrfach längs und quer. Sie spinnen ein asymmetrisches Netz aus drei Meter breiten Gassen. Und wo sich die Trennlinien kreuzen, entstehen unterschiedliche Nischen und Plätze. Dazwischen blieb übrig: das spitzwinklige und kleinteilige Quartier-Exposé.

Ein derart innerstädtisches Siedlungskonzept ist allerdings nicht frei von Risiken. Wo sich alles derart stark auf den Aussenraum richtet, geht der Platz für das Verborgene verloren. Tatsächlich fehlen halböffentliche Räume, die nur für einzelne Hausgemeinschaften zugänglich sind. Ein weiteres Manko ist die Belegung des Untergrunds: Tiefgaragen für fast 600 Autos und einige Hundert Fahrräder nehmen denjenigen Platz in Anspruch, an dem Bäume und Sträucher wurzeln sollten.

Doch in mikroklimatischer Hinsicht haben sich die Standortentwickler für ein klassisches Grundmuster entschieden: Die Beläge sind vornehmlich hart und spärlich begrünt. Ob die Beschattung der engen Gassen genügt, das Quartier im Sommer nicht in eine urbane Hitzeinsel zu verwandeln, wird sich zeigen.

Ein vorschnelles Urteil sei jedoch vermieden. Solange das vielversprechende Quartier erst halbwegs belebt ist, erfährt man nicht, wie gut das urbane Konzept von den Zugezogenen angenommen wird. Allein die Umgebung ist noch nicht eingerichtet. Gemäss dem Wettbewerbsentwurf von Vogt Landschaftsarchitekten sind vielfältige Zonen mit Grünbereich, offener Wasserfläche, Strassencafé und Kinderspielplatz geplant.

Abzuwarten bleibt, wie innerstädtisch das mit der Ausführung betraute Studio Vulkan den Standort im Detail ausstatten wird. Am einfachsten ist deshalb die Empfehlung, diesen schrägen Ort von Zeit zu Zeit selbst zu besuchen. Und ein letzter Hinweis an Städterinnen und Städter: Die Agglo ist näher und oft urbaner, als man denkt.

 

Gut komponierter Wohnraum

 

Immobilienmakler preisen Bülach gerne an, weil Flughafen und Zürcher City nicht weit entfernt sind. Die Kleinstadt mausert sich aber selbst zum Zentrum für das gesamte Zürcher Unterland, dank einem fortlaufenden Wachstum und innerer Verdichtung. So hat die Umwandlung der beiden Industrieareale – der ehemaligen Gussfabrik beziehungsweise Glashütte – am nördlichen Stadtrand Platz für etwa 3000 Personen und ein Bevölkerungswachstum von 15% geschaffen.

 

Die Behörde begleitet diese Entwicklung ihrerseits eng und wünschte sich für das Glasi-Quartier beispielsweise einen durchmischten Wohn- und Arbeitsstandort mit lokalem Versorgungsangebot. Letztere Vorgabe war mit dem Gewerbeanteil von 20% und einer öffentlichen bis kommerziellen Erdgeschossnutzung zu erfüllen. Die Beteiligung von zwei gemeinnützigen Bauträgerschaften verschafft dem Quartier dagegen erhoffte soziale Qualitäten. Zum einen ist etwa die Hälfte der angebotenen Wohnungen dem preisgünstigen Segment zuzurechnen – als gleichwertige Ergänzung zu Wohnraum, in Miete und Stockwerkeigentum, für ein deutlich kaufkräftigeres Publikum. Zum anderen reicht das Angebot von Single- und Duplexappartements sowie Atelierstudios bis zu konventionellen Familienwohnungen oder auch Clusterwohnungen und WGs.

 

Duplex Architekten waren bis zum Vorprojekt als Allrounder tätig, um sowohl Städtebau als auch die Architektur aussen und innen zu entwerfen. Für die Ausführung der Wohnungen wurde das Büro Itten Brechbühl beigezogen.

Neu zusammengebracht

 

«Wohnungsbau neu denken» heisst das Sammelwerk, das Duplex Architekten letztes Jahr mit herausgegeben haben. Darin wird deren Anspruch dargestellt, Raum für ein gemeinschaftliches Wohnen selbst unter schwierigen städtebaulichen Voraussetzungen bereitzustellen. Auch im Glasi-Quartier bestand die Kunst darin, vieles unter einen Hut zu bringen: Das Spektrum an Wohntypen war für ein durchmischtes Publikum zurechtzuschneiden und bisweilen auf einzelne Häuser zu verteilen.

 

Die Grundrisse sind daher pragmatisch, aber auch stilsicher geraten: mit einem akzentuierten Entrée, offenen Wohn- und Essbereichen und daran anschliessenden, einladenden Balkonen oder Loggien. Das Wohnflächenangebot ist allerdings eher grosszügig denn limitiert oder kompakt zu bezeichnen. Insofern ist der Wohnungsbau im Glasi-Quartier typologisch weder neu gedacht noch innovativ, aber auf jeden Fall auf der Höhe seiner Zeit komponiert.  

 

Zum Buch: Duplex Architekten, Wohnungsbau neu denken, Park Books 2021

Projektinfo/Beteiligte Glasi-Quartier

 

Anzahl Gebäude: 20
davon 17 Wohnen (595 Wohnungen für Stockwerkeigentum, Miete, Alter und Pflege)
3 Büro und Gewerbe
3 Tiefgaragen mit 600 Autoabstellplätzen

 

1400 Abstellplätze für Velos (unterirdisch und über Terrain)

 

Arealfläche: 42 000 m²

 

HNF: 78 000 m², davon Gewerbe: 33 000 m²

 

Eigentümer
Steiner Investment Foundation Zürich

 

Projektentwicklung/Totalunternehmen
Steiner, Zürich

 

Gemeinnützige Wohnbauträger
Baugenossenschaft Glattal Zürich; Logis Suisse Baden

 

Städtebau/Architektur
Duplex Architekten, Zürich

 

Architektur Hochhaus
Wild Bär Heule Architekten, Zürich

 

Architektur Ausführung
ARGE Duplex Architekten / Itten Brechbühl, Zürich

 

Landschaftsarchitektur
Vogt Landschaftsarchitektur Zürich (Wettbewerb); Studio Vulkan Landschaftsarchitektur Zürich (Masterplan)

 

Tragkonstruktion
Henauer Gugler, Zürich / K2S Bauingenieure, Wallisellen

 

Bauphysik
Kopitsis Bauphysik, Wohlen

 

Gebäudetechnik HSL
Getec, Zürich / Gruner Gruneko, Zürich

 

Gebäudetechnik Elektro
HHM Zürich / HKG Engineering Schlieren

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