Ge­wief­te Nach­ver­dich­tung

Die Ressource Boden ist in der Stadt Basel knapp. Deshalb wird im kleinsten Kanton der Schweiz auch an prekären Lagen gebaut. Lupo & Zuccarello Architekten aus Basel schlossen eine knapp 37 m2 grosse Baulücke mit einem turmartigen Wohnhaus direkt an der Autobahn.

Publikationsdatum
29-06-2021

Die Häuser an der Baldeggerstrasse in Basel blicken direkt auf die Viadukte der Osttangente. Auf der zehnspurigen National- und Bundesstrasse donnern an Spitzentagen bis zu 150‘000 Fahrzeuge vorbei; parallel dazu liegen die Bahngleise, die den Bahnhof SBB mit dem Badischen Bahnhof verbinden. Auch wenn die Schallschutzwand die Anwohner bedingt vor dem Verkehrslärm schützt, scheint dies ein unwirtlicher Ort für Wohnungen. Doch der begrünte Innenhof des Neubaus von Lupo & Zuccarello Architekten ist eine ruhige Oase. Gerade mal 3,70 m misst das Wohnhaus in der Breite. Es passt sich wie ein winziges Puzzleteil im Blockrand ein.

Auf den ersten Blick scheint es sich um eine unabhängige Bauparzelle zu handeln. Aber tatsächlich ist der Neubau auf einer Restparzelle des angrenzenden Altbaus erbaut; zuvor lag hier die Zufahrt zu einer Garage. Der Besitzer des bestehenden Wohnhauses bat Lupo & Zuccarello Architekten um eine Machbarkeitsstudie. Damit sollte die Möglichkeit einer horizontalen Erweiterung der Geschosswohnungen untersucht werden. Aufgrund der komplizierten Raumorganisation und des logistischen Aufwands des Innenausbaus wurde diese Option jedoch verworfen. Stattdessen entstand ein eigenständiges Turmhaus ohne Verbindung zum bestehenden Nachbarhaus.

Das strassenseitige Treppenhaus ragt über das Gebäudeprofil heraus und ermöglicht so zusätzliche Bruttogeschossfläche zum Hof. Die minimal erlaubte Bautiefe von 10 m ist voll belegt. So darf die eigentlich geforderte minimale Freifläche hinter der Baulinie von 50% der Parzellenfläche unterschritten werden. Dieser Neubau verschenkt keinen Quadratmeter Bruttogeschossfläche. Es nutzt den Spielraum des Baugesetzes maximal aus und leistet einen wertvollen Beitrag zur Nachverdichtung der Stadt Basel.

Das eigenständige Gebäude fügt sich zwischen den Altbau und dem zur selben Zeit erstellten Wohnhaus mit Backsteinfassade ein. Gleichzeitig setzt sich die minimalistische Architektursprache von der Umgebung ab. Die schlichte, einfache Gestaltung lässt sich auf die Herausforderungen der Bauparzelle zurückführen: Da auf dem Grundstück die Parzellengrenze und die Gebäudeflucht zusammenfallen, war kein Platz für eine Baustelleninstallation mit Kran. Zugleich musste die Durchfahrt für den öffentlichen Verkehr auch während der gesamten Bauzeit gewährleistet sein. Diese Schwierigkeit lösten die Architekten durch eine kurze Rohbauzeit und die schnelle Montage der Bauteile.

Zur Strasse besteht die Fassade aus vorfabrizierten Betonelementen, die an einem Tag fertig versetzt und montiert wurden. Die Decken aus Stahlbeton wurden in möglichst kurzer Zeit gegossen. Zum Innenhof ist das Wohnhaus mit einer gefalteten Glasfront mit vorgelagerten schmalen Balkonen geschlossen.

Innenräume schützen

Um die Wohn- und Schlafräume möglichst vor dem Verkehrslärm zu schützen, nimmt das Treppenhaus die gesamte Strassenfassade ein. Einen zusätzlichen Puffer bilden die Steigzonen für die angrenzenden Toiletten oder Bäder. Die Grundrisse des fünfgeschossigen Wohnbaus sollen unterschiedliche Wohnformen ermöglichen und verschiedene Bewohnergruppen ansprechen. Deshalb befindet sich auf den drei mittleren Geschossen je ein Zimmer mit Nasszelle. Im Erdgeschoss liegt die Küche. Wohnen ist im Erd- sowie im Dachgeschoss möglich. Durch diese Aufteilung eignet sich das Haus sowohl für Familien wie auch für eine Wohngemeinschaft. Derzeit ist der Neubau als Appartementhotel vermietet.

Genauso schlicht wie die Fassaden ist auch der Innenausbau: die Decken aus Sichtbeton, die Wände weiss gestrichen, der Boden aus geschliffenem Zement in warmem Beige im Erdgeschoss und Eichen-Riemenparkett in den Obergeschossen. Einziges dekoratives Element im Innenraum ist ein Relikt der Fassade des Altbaus. Hier wurden die Fenster geschlossen, die Laibungen, Simse und Lisenen jedoch belassen. Damit bleibt die alte Hausfassade im Innenraum als Wandrelief lesbar.

Was für die Architekten «fast schon skulptural» erscheint, setzt im minimalistischen Ambiente des schmalen Grundrisses einen Akzent. Ein weiteres Gestaltungselement bilden die horizontalen Fugen in der vorfabrizierten Betonfassade. Diese verbinden sich mit den weissen Fenstersimsen an der Fassade des Altbaus. Trotz der beengten Situation und der Brutalität des Orts haben die Architekten ein wohnliches Gebäude geschaffen. Und Basel hat rund 170m2 Wohnraum dazu gewonnen.

Am Bau Beteiligte

 

Bauherrschaft
privat

Architektur
Lupo & Zuccarello Architekten, Basel

 

Tragkonstruktion
Beurret Ingenieure, Basel

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