Ge­nos­sen­schafts­sied­lung Stur­ze­negg: En­er­gie­zel­le am Stadt­rand

Autark, genügsam oder vernetzt? Die Neubausiedlung in St. Gallen ist ein Grund­baustein für das dezentrale Energiesystem.

Publikationsdatum
14-06-2019

Alle reden von der Digitalisierung, aber nur wenige haben eine konkrete Vorstellung davon. Der Stadt St. Gallen fehlt es diesbezüglich nicht an Ideen. Seit gut einem Jahr beschäftigt die Behörde einen «Chief Digital Officer», der eine Smart-City-Strategie formulieren und diese mit Klimaschutz verbinden soll.

Ein erstes Umsetzungsprojekt existiert auch schon. Es konzentriert sich auf die Energieversorgung und präsentiert sich als umweltverträgliche und lebenswerte Wohn­siedlung. Im Quartier Winkeln, am Westeingang von St. Gallen, hat eine lokale Wohnbaugenossenschaft letztes Jahr preisgünstigen Lebensraum für rund 150 Personen bereitgestellt. Im ­Osten folgt offenes Kulturland; im Rücken befindet sich ein lockeres Quartier. Die Überbauung an der Sturzenegg selbst bündelt mit ihrer einprägsamen Architektur und einer kompakten Form den Siedlungsrand.

Die hochwertige Standortqualität ist auch für die neuen Bewohner erlebbar: Die drei Gebäudezeilen mit insgesamt 69 Wohneinheiten weisen Balkone vorn und hinten auf. Die länglichen Baukörper sind strahlenförmig zueinander gesetzt; der halb öffentliche Zwischenraum vermittelt dadurch einen durchlässigen, gemeinschaftlichen und einladenden Charakter.

Was ist daran nun eigentlich smart? Vor allem die Energieversorgung beruht auf einem intelligent vernetzten Konzept. Die St. Galler Stadtwerke beteiligen sich nicht nur als Energielieferant, sondern haben hier eine Zelle für die klima­freundliche und sichere Stromversorgung der Stadt realisiert.

Die ausgewählten Technologien sind bestens bekannt: Photovoltaikanlagen auf den drei Hausdächern liefern eigenen Strom. Die Energie zum Heizen und für das Brauchwasser stammt aus der Wärmezentrale, die mit zwei effizienten Blockheizkraftwerken (BHKW) besetzt ist. Diese verbrennen zwar Gas, erzeugen aber daraus neben Abwärme auch Strom, vor allem zur Deckung von saisonalen oder tageszeitlichen Lücken aus der PV-Produktion.

Gemäss Jahresbilanz erfüllt die Wohnsiedlung die Vorgaben für den Plusenergiestandard; die drei Einzelbauten sind nach Minergie-A zertifiziert. Aber erst die intelligente Steuerung sorgt dafür, dass jederzeit genügend Wärme­energie bereitgestellt und möglichst viel Strom aus CO2-freier Eigenproduktion vor Ort konsumiert werden kann.

Für die Stadtwerke ist der Energiehub Sturzenegg smart, weil er nach Bedarf eingesetzt werden kann: Die BHKW-Anlagen liefern auch dann Energie, wenn die Sonne nicht scheint. Zu erwarten ist: Die BHKW werden im Winter mehrheitlich im Dauerbetrieb sein. In der Übergangszeit und im Sommer wird die Produktion von Wärme für Heizung und Warmwasser auf jene Stunden verlegt, in denen nur geringe oder keine Solarstromerträge zu erwarten sind. Vor Ort erzeugter Strom, der nicht benötigt wird, fliesst in das öffentliche Netz.

Eine Erweiterung dieses Systems wäre die Strombatterie; die Stadtwerke wollen diese Option zu einem späteren Zeitpunkt prüfen. Und in frühestens 15 Jahren wird ein Ersatz der Energiezentrale, die mit Erd- und Biogas betrieben werden kann, zu überdenken sein. Die Stadtwerke gehen deshalb Schritt für Schritt an, was die dezentrale Energieproduk­tion an neuen Erfahrungen bringen kann.

Auch der Bewohnerschaft wird in der Genossenschaftssiedlung Neuartiges offeriert: Sie erhält Zugang zu einem internen Kommunikationsnetzwerk mit nachbarschaftlichen Funktionen und der Möglichkeit, den Energiekonsum zu visualisieren. Ebenso steht ein Elektro-Pkw für das Carsharing bereit. Als ­Gegenleistung für das CO2-arme Energiesystem gehen die Mieter nur eine einzige Verpflichtung ein: «Sie bilden eine Eigenverbrauchsgemeinschaft, die den selbst produzierten Strom auch vor Ort konsumieren muss», stellt Jacques-Michel Conrad, Geschäftsleiter der Wohnbaugenossenschaft, klar. Darin ist jedoch ebenso verbindlich geregelt, dass niemand mehr bezahlt, als der öffent­liche Netzstrom kosten würde. Was den Energiebedarf betrifft, wurde ebenso smart vorgesorgt: Die Haustechnik ist auf höchste Energieeffizienz getrimmt. Die Duschwannen sind ein Spezial­modell mit Abwärmenutzung und die Küchengeräte mit besten Energieetiketten versehen. Die Voraussetzungen sind gegeben, dass jeder Wohnungsmieter in der Sturzenegg möglichst wenig Energie konsumieren muss.

Sturzenegg St. Gallen


Nutzung
3 Gebäude, 69 Wohnungen (genossenschaftliches Wohnen)

Eigentümer
Wohnbaugenossenschaft St. Gallen

Architektur
wild bär heule Architekten, Zürich

Landschaftsarchitekt
Hager Partner, Zürich

Energieplanung/Haustechnik
Kempter + Partner, St. Gallen

Energiecontracting und -monitoring
St. Galler Stadtwerke

Bausumme
30 Mio CHF

Realisierung
2015–2017

Energiebezugsfläche
8739 m2

Energiestandard
Minergie-A

Besonderheit
Pionierstandort Smart-City St. Gallen


Energieversorgung

Wärme
Blockheizkraftwerk (Erd- und Biogas)

Strom
Photovoltaik, BHKW

Der Artikel ist erschienen im Sonderheft «Immobilien und Energie II». Weitere Beiträge in unserem digitalen Dossier.

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