Et­was regt sich in Genf

In den letzten Jahren sind an verschiedenen Orten in der Stadt begrünte Plätze entstanden, die die klimapolitischen Ambitionen der Genfer Stadtregierung widerspiegeln. Diese Natureinsprengsel eröffnen neue öffentliche Räume, eingebunden in ein stadtweites grünes Netzwerk.

Ein Platz tritt von jeder Ecke, jedem Gebäude, jeder Kreuzung und jeder Strasse auf andere Weise in Erscheinung. Und dennoch ziehen vor allem die Vegetation und ihr Kontrast zur bebauten Umgebung den Blick der Vorbeigehenden auf sich. 

In Genf wurden zwischen 2020 und 2024 die Plätze Augustins, Synagogue, Petit-Saconnex, Pré-l’Évêque sowie die Rue des Rois umgestaltet. Die Stadt hat die Projekte im Rahmen von Wettbewerben und Ausschreibungen realisiert. 

Egal, ob es sich dabei um die Neugestaltung bestehender Plätze oder um die Umwandlung von Parkplätzen in Fussgängerzonen handelt: Alle Projekte verleihen bislang vernachlässigten Flächen ein neues Leben, tragen zur Begrünung des öffentlichen Raums bei und erweitern das grüne Netzwerk der Stadt. Was ganz und gar zeitgemäss scheint, knüpft an eine Idee an, die vor bald 100 Jahren in verschiedenen Masterplänen aufkam.

Pärke in der Stadt oder die Stadt im Park

Mit der städtischen Expansion der 1930er-Jahre rückten auch in Genf die Rolle der städtischen Natur sowie die Bedrohung des Landschaftsbilds in den Fokus stadtplanerischer Debatten. Der Architekt Maurice Braillard, der von 1933 bis 1936 Direktor des Genfer Departements für öffentliche Arbeiten war, wollte dabei das Stadtgebiet ganzheitlich betrachten. 

Zwischen 1935 und 1937 entwickelte er – unter anderem gemeinsam mit dem Ingenieur Albert Bodmer, dem Direktor des Stadtplanungsdiensts von 1932 bis 1947 – drei Masterpläne für Genf, die die Idee eines stadtweiten grünen Netzes konkretisierten. Die bebauten Zonen standen dabei den freien, nicht bebauten Flächen gegenüber, strukturiert durch ein nahtloses grünes Netzwerk von öffentlichen Flächen, das die verschiedenen Quartiere miteinander verbindet. 

Die Konzeption des grünen Netzes von Braillard wird mit dem 2019 veröffentlichten «Strategischen Plan zur städtischen Begrünung» des Genfer Grünanlagendiensts und des Departements für Bau und Planung fortgesetzt. Die darin festgesetzten Massnahmen zielen darauf ab, das Angebot an Grünflächen in den Quartieren zu erweitern und zu verbessern und die Natur ganz selbstverständlich in den urbanen Raum zu integrieren.

Gestaltung, Grün und Wasser

Zahlreiche Projekte wurden bereits umgesetzt (vgl. Beispiele in Bebilderung) und zeigen, wie sich der öffentliche Raum in Genf in Zukunft präsentiert. Hell gefärbte Materialien wie Pflastersteine auf Sandbett oder auch stabilisierte Bodenbeläge prägen nicht nur den Charakter der Orte, sondern verhindern auch eine übermässige Erhitzung und ermöglichen die Versickerung von Regenwasser. 

Für Begrünungsprojekte ist das Wassermanagement zentral. Hinzu kommen bauliche Elemente wie eine Rinnsteinkante, die das Wasser kanalisiert und leitet und gleichzeitig optisch etwa den Hauptbereich des Place de la Synagogue und der Rue des Rois begrenzt. An der Rue des Rois wird das Regenwasser zudem in sogenannten Stockholm-Gruben unter den Bäumen gesammelt, was den Wert der Ressource Wasser hervorhebt. 

Platz für die Natur

Die neu gestalteten Plätze sind vor allem eine Gelegenheit für die Stadtregierung, sich dem ambitionierten Ziel von 30 % Kronendachbedeckung anzunähern, wobei bis 2030 25 % erreicht werden sollen.1 Insgesamt wurden auf diesen fünf Plätzen 53 neue Bäume gepflanzt, fünf Bäume mussten ersetzt werden. 

Die Baumbepflanzung jedes Orts wird individuell dem jeweiligen Kontext angepasst: An der Rue des Rois setzt sich nun die Bepflanzung des Friedhofs auf der anderen Seite der Umfriedung fort; am Place de la Synagogue bleibt man den Platanen von Braillard treu; auf den Plätzen Augustins und Pré-l’Évêque werden die bestehenden Bäume ergänzt; während am Platz Petit-Saconnex die neue Baumreihe Orientierung und Schutz vor dem umliegenden Verkehr bietet. 

Zusätzlich zu den neu gestalteten Plätzen entstehen zahlreiche begrünte Mikro-Plätze, die vorwiegend Parkplätze ersetzen. Unter deren alterndem Asphalt findet sich direkt der Erdboden, während unter den Trottoirs allerlei Leitungsnetze geführt werden, was eine systematische und durchgängige Begrünung verhindert.

Lebendige Plätze

Das grüne Netz der Stadt Genf nimmt langsam Form an und begleitet die Genferinnen und Genfer im Alltag, so wie es sich Bodmer 1933 vorgestellt hatte: «[…] wenn der Spaziergang in einem geschlossenen Park den Freizeitbedürfnissen vorbehalten ist, so gehört der Weg der Geschäftsleute vom Büro zur Wohnung zu den täglichen Verrichtungen. Durch die Schaffung von Alleen und Avenues wird der Genuss eines Parks für jedermann zugänglich.»2

Die Umgestaltungen eröffnen auch neue Blicke auf bestehende Orte, deren Nutzungen sich verändern. Wo einst nur Autos parkierten oder durchfuhren, wird nun Begegnung ermöglicht. Eines ist gewiss: Die Projekte haben es geschafft, diese Plätze wieder lebendig zu machen, im wortwörtlichen wie auch im übertragenen Sinne. 

Die meisten dieser Orte waren in Gleichgültigkeit versunken, finden nun aber ein zweites Leben. Sie bieten damit den Bewohnenden von Genf ganz alltägliche grüne Erholungsräume, dank derer sie – wahrscheinlich ohne es zu wissen – tagtäglich das stadtweite grüne Netzwerk durchqueren. 

Anmerkungen
1 Stratégie climat de la Ville de Genève, 2022.
2 Albert Bodmer, Projet d’aménagement du quartier de Malagnou à Genève, Architecture Art Appliqué, März 1933, S. 36–38.

Der französische Originaltext ist erschienen in Tracés 3550 «Transformer!», Übersetzung: Salome Bessenich, Redaktorin Umwelt & Raumplanung bei espazium magazin mit Unterstützung durch KI.

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