Ordnung und Unordnung im Dialog
Die Neugestaltung des Innenhofs des Kulturzentrums PROGR in Bern entstand in gleichberechtigter Zusammenarbeit zwischen einer Künstlerin, Landschaftsplanenden und Architekturschaffenden.
In dem Gebiet zwischen dem Kunstmuseum und dem Bahnhof Bern, das sich mit diesen beiden Grossprojekten im Umbruch befindet, liegt der PROGR, Zentrum für Kulturproduktion. Er nistete sich 2004 in einem neoklassizistischen Gebäude ein, das ursprünglich als Schulhaus gebaut worden war.
Nachdem die letzten Schulen abgewandert waren, haben sich Kunstschaffende um den Standort bemüht und ihn zu einem wichtigen Player in der Kulturszene entwickelt. Im Erdgeschoss befinden sich Galerien, ein Café und der Veranstaltungsort «Turnhalle», in den oberen Etagen unter anderem Ateliers sowie ein Saal.
Freiraum als Zentrum
Kulturbetrieb und Stadtbevölkerung begegnen sich zuerst im Hof, den die drei Gebäudeflügel umfangen. Über zwei schmiedeeiserne Tore ist er mit dem öffentlichen Raum verbunden, ohne dadurch seinen privaten Charakter einzubüssen. Der Hof ist nicht nur Aufenthaltsort für die Kunstschaffenden, sondern auch Foyer und Bühne für die Institutionen im Haus, die über kleine Treppen ins Hochparterre zugänglich sind.
Auf dem Gelände hatten sich über Jahre ephemere Bauten angesammelt, bis der Platz in seiner Gesamtheit nicht mehr erlebbar war. Die Unübersichtlichkeit führte zu Sicherheitsproblemen. Auch die zunehmende Hitzeentwicklung im Hof, verstärkt durch die versiegelte Asphaltoberfläche, beeinträchtigte das Wohlbefinden der Besuchenden und nicht zuletzt des Baumbestands – kurz: Es bestand Handlungsbedarf.
Die Stiftung PROGR veranlasste 2022 ein Planwahlverfahren, zu dem sie fünf interdisziplinäre Teams einlud, die jeweils die Bereiche Landschaftsarchitektur, Kunst und Architektur abdeckten. Die Ausschreibung legte fest, dass die Interessen und die Expertise der Beteiligten in den Entwürfen von Anfang an auf Augenhöhe zusammenkommen sollten.
Drei Gesten gliedern den Raum
Gefragt war eine klimagerechte Neuorganisation der Grünräume und Oberflächen, der Entwurf eines zentralen Pavillons sowie die Stärkung der Signalwirkung des PROGR als Ort der Kultur. Diese Rahmenbedingungen führen zu einer Weiterentwicklung des städtischen Treffpunkts als hindernisfreier und inklusiver Freiraum.
Die Planenden legten ihrem Entwurf drei Gesten zugrunde: Erstens die Öffnung der Mitte, zweitens die Aktivierung des Sockelbereichs vor den umlaufenden Fassaden für Sitze und Erschliessung und drittens die Setzung des Pavillons als Blickfang und Gravitationszentrum zwischen Speichergasse und Hof.
Neuer Sockel
Um die Mitte zu entlasten, haben die Planenden einen Sockel, der sich mal als Bank, mal als Rampe oder Treppenanlage in hellem Beton an die Fassaden schmiegt, eingefügt. Er aktiviert die Randzonen des Platzes und verbindet Innen- und Aussenraum. Ihm vorgelagert gewährleistet ein asphaltierter Streifen hindernisfreien Zugang für Anlieferung und Rollstuhlfahrende. Eigentlich hätte hier der bestehende Asphalt verbleiben sollen. Aufgrund seiner Schadstoffbelastung wurde er aber komplett entfernt.
Innerhalb dieser Umgrenzung, die durch eine leichte Asymmetrie der dreiflügeligen Bebauung schon etwas Dynamisches hat, entfalten sich die Aufenthaltsbereiche. Grundlage für ein verbessertes Mikroklima ist die Entsiegelung des restlichen Bodens. Eine helle Kiesschicht verleiht dem Platz einen warmen Grundton, der auch die Fassaden des Hauses in einem freundlichen Licht erscheinen lässt.
Pflanzmulden als Retentionsbecken
Die Hofanlage erweist dem Gebäude, das sie umfängt, Referenz: Ähnlich einem französischen «Cour» bilden die bestehenden Bäume – Spitz- und Bergahorn – ergänzt um orientalische Platanen ein orthogonales Raster. So wie die heutige freigeistige Nutzung in einem erfrischenden Kontrast zu der Strenge des ehemaligen Schulhauses steht, lockern nun organisch geformte Staudenbeete die Anlage auf.
Die eingestreuten Pflanzmulden dienen zugleich als Retentionsbecken. Sie sind mit mittelhohen Pflanzen und Sträuchern sowie niedrigen Stauden bestückt, denen Stauwasser keine Probleme bereitet. Hier kamen einheimische Nutzpflanzen wie Johannisbeeren oder Obsthölzer zum Einsatz.
Mildes Klima im Hof
Im Gegenzug halten die Pflanzungen in den konvexen Beeten längeren Trockenphasen stand. Entsprechend dem milden Klima im Hof gedeiht hier auch Mediterranes wie etwa Feigenbäume, sodass insgesamt ein vielfältiger, wilder und veränderlicher Grünraum entsteht. Einige der vorgefundenen Pflanzen, die in Kübeln über den Hof verteilt waren, konnten in die Beete übernommen werden.
Die gesamte Versorgung mit Regenwasser speist sich aus der bewegten Platzoberfläche. Das Wasser, das auf den Asphaltwegen landet, läuft Richtung Kies, wo es versickert oder zur nächsten Mulde abfliesst. Nur bei Starkregen gelangt es in einen Überlauf und von dort in die Kanalisation.
Bank als Reminiszenz
Eine Bank dient als Reminiszenz an eine frühere Zweiteilung des Hofs, als eine Mauer die unterschiedlichen Schulnutzungen voneinander abgrenzte. Sie besteht aus heruntergeschnittenen Natursteinblöcken der früheren Trennmauer und dient als verbindendes Element, auch zwischen Geschichte und Gegenwart.
Die früher getrennten Bereiche haben weiterhin einen unterschiedlichen Charakter: einmal zur freien Bespielung durch Kultur und Gastronomie, einmal mit dichterer Bepflanzung, um kleinteiligere Aufenthaltsräume zu bieten. Ein Kuriosum ist ein Doppelbrunnen, der zu Zeiten der getrennten Pausenräume in der Mauer klemmte. Seine früheren Anschlussstellen markieren die Leere, die die Platzmitte nun auszeichnet.
Ein Kunstwerk als Dach
Den Schlussstein dieser teils sichtbaren, teils gedachten Linie bildet ein Ensemble aus einem neuen Gastro-Pavillon, bestehend aus der ochsenblutroten Aussenbar von Salewski Nater Kretz, einem bestehenden gassenseitigen Brunnen in der Umzäunung und dem kolossalen Monolithen, den die Künstlerin Miriam Sturzenegger als überdimensionales Dach erfunden hat. Auf einer Betonscheibe und zwei Betonstützen gelagert, erhebt sich das Gebilde bis in die Baumkronen.
Von Hand geformt
Die Produktion der Betonskulptur erfolgte vor Ort durch die Künstlerin Miriam Sturzenegger, Assistierende und den Spezialbetonbauer Theo Bürgin. Der Dachkörper wurde während sechs Monaten in einem langsamen und handmodellierten Betonierverfahren Schicht für Schicht von unten nach oben erstellt. Auf die Tragkonstruktion wurde ein Schalungskasten gebaut, in den die Künstlerin und Assistierende in 40 Tagen akribischer Handarbeit eine detailliert strukturierte Sandlandschaft mit Materialien aus dem Rückzugsgebiet des Aaregletschers und vom Ufer der Aare modellierten. Als Formvorlage diente das bildhauerische Ausführungsmodell der Künstlerin. Anschliessend wurde die untere Schale dünn ausgespritzt, wurden die Eisenlagen gebogen und gebunden und die Schale weiter aufgespritzt. Danach wurden die aussteifenden Rippen geschalt, bewehrt und gegossen sowie die Zwischenräume gefüllt. Für die obere Schale wurden wiederum die Eisenlagen von Hand gebogen und der Beton schliesslich gespritzt und von Hand modelliert.
Von Bahnhof her kommenden Flanierenden schiebt es sich in die Blickachse und schafft einen Bezug zum Meret-Oppenheim-Brunnen auf dem Waisenhausplatz. Der Wunsch nach einem Aushängeschild für den PROGR erfüllt sich darin klar. Zugleich funktioniert die Skulptur als Schutz über dem historischen Brunnenbecken und als Platzhalter für die Bar, die den Raum unter der Skulptur einnimmt.
Die Form, die poetische Analogien evoziert, etwa zu einem Pilz oder einer steinernen Wolke, ist als körperhafte, lebendige und auch machtkritische Antwort auf die Konstruktionsordnung der umliegenden Fassaden entstanden.
Der Zauberwürfel
Ohne den aufgeständerten Koloss zu berühren, fügt sich die ochsenblutrote Aussenbar aus Nadelholz unter das Kunstwerk. Auf den ersten Blick unprätentiös, zeigt sie in der Nutzung einige Raffinesse, denn sie kann auf verschiedene Bedürfnisse reagieren. Zu drei Seiten lassen sich grossflächige Fenster aufschieben, die wie ein umlaufender Tresen funktionieren und sich hierarchiefrei den Aussenräumen zuwenden. Der Innenraum ist dem Barpersonal vorbehalten.
Jenseits der Öffnungszeiten erscheint der Pavillon vollkommen geschlossen. Vor die Fenster lassen sich Klappläden ausfalten und im unteren Bereich Sitzbänke herausklappen, so dass er auch in diesem Zustand als Anziehungspunkt funktioniert.
Alle beweglichen Metallbeschläge und Befestigungen sind bewusst sichtbar. Grün-graue Pfosten betonen und rhythmisieren den Körper in der Vertikalen. Der gesamte Holzbau ist so konzipiert, dass die einzelnen Teile der Pfosten-Rahmen-Konstruktion ablesbar sind. Die Nutzschicht bleibt demontabel und ist im Unterhalt unkompliziert.
Präzise Interventionen
Entsprechend dem Anspruch an einen vielgenutzten Aussenraum haben sich die Planenden einfacher, aber präzise gesetzter Interventionen bedient. Die gegebene ordnende Struktur hat durch die Stärkung der Ränder gewonnen und mit dem Pavillon ein Gegengewicht erhalten.
Dazwischen ist genügend Freiraum entstanden, den sich die Menschen spontan aneignen können. Und auch zukünftige Verlagerungen, wenn sich der PROGR etwa der rückwärtig verlaufenden Hodlerstrasse öffnet und mit dem Kunstmuseum zu einer Kulturmeile entwickelt, werden die identitätsstiftende Gestalt der jetzigen Hofsituation nicht schmälern.
Umgestaltung PROGR-Hof, Bern
Fertigstellung: Mai 2026
Bauherrschaft: Stiftung PROGR Bern
Landschaftsarchitektur: bbz landschaftsarchitekten, Bern
Architektur: Salewski Nater Kretz, Zürich
Kunst (Urheberin Dachkörper): Miriam Sturzenegger, Bern
Tragkonstruktion: Dr. Neven Kostic, Zürich
Betonexpertise: Bürgin Creations, Tagelswangen
Schreinerei: Querbau, Bern
Gärtnerei: Meyer Gärten, Belp