«Wir brau­chen Na­tur über­all»

Für die Biologin Tina Heger steht die Beziehung zwischen Mensch und Natur im Zentrum ihrer Arbeit. Im Interview plädiert sie deshalb dafür, dass es auch in Städten überall Natur braucht, um mit ihr in den Dialog zu treten.

Publikationsdatum
25-06-2026

Der Biodiversitätskrise begegnet die Biologin Tina Heger nicht mit Resignation, sondern mit Visionen. In der Stärkung einer auch emotionalen Mensch-Natur-Beziehung sieht sie einen vielversprechenden Ansatz und plädiert für eine neue Naturverbundenheit. Ihre interdisziplinäre Arbeit nimmt Bezug auf philosophische Texte der Naturschutzethik. Dabei entwickelt sie Ansätze für einen zeitgemässen Umweltschutz und einen ethischen Umgang mit (urbaner) Natur.

Damaris Baumann: Tina Heger, warum steht die Mensch-Natur-Beziehung angesichts der Biodiversitätskrise für Sie im Fokus?
Tina Heger: Die Frage nach dem Mensch-Natur-Verhältnis begleitet mich seit meinem Doktorat über invasive Arten. In Naturschutzkreisen standen sich damals zwei ideologische Lager gegenüber: Das eine wollte die heimische Natur schützen, das andere sah im «Schützen» von heimischen Ökosystemen eine fast fremdenfeindliche Haltung. Als Wissenschaftlerin war ich nicht Teil dieses Diskurses, doch die damit implizit zugrunde liegenden Prämissen zum Mensch-­Natur-Verhältnis beschäftigen mich mit zunehmender Dringlichkeit.

«Einem Vogel zuzuhören ist erwiesenermassen wohltuend, gerade auch, weil es die Aufmerksamkeit von uns selbst weglenkt. Gleichzeitig profitiert die Natur davon, wenn Menschen sie wert­schätzen und sich folglich um sie kümmern.»

Was hat der Dringlichkeit Nachdruck verliehen?
Für mich war es der globale Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES1, der 2019 veröffentlicht wurde. Ich fragte mich, warum wir als Gesellschaft trotz des längst konsolidierten Wissens nicht ins Handeln kommen. Mir wurde immer klarer, dass ein Grund dafür in der fehlenden emotionalen Verbundenheit zur Natur liegt. Wenn wir ins Handeln kommen wollen, braucht es eine neue Naturverbundenheit – so wie auch gemeinsame Visionen.

Was meinen Sie mit einer «neuen Naturverbundenheit»? 
Häufig sprechen wir in den Wissenschaften und in Monitorings über das Inwertsetzen der Natur und meinen damit monetäre Werte. Dass die Natur auch einen Wert an sich hat, ist aber seit Längerem Konsens. Neuere Ansätze aus der Naturschutzethik befassen sich mit der Mensch-Natur-Beziehung und liefern uns Begründungen dafür, dass diese Beziehung einen eigenen Wert darstellt.

Und wie kommen wir wieder in Beziehung mit der Natur? 
Das aufmerksame und sinnliche Erleben von Natur stärkt die Mensch-Natur-Beziehung. Wie die Forschung belegt, profitieren wir gesundheitlich von der Interaktion mit der Natur. Einem Vogel zuzuhören ist erwiesenermassen wohltuend, gerade auch, weil es die Aufmerksamkeit von uns selbst weglenkt. Gleichzeitig profitiert die Natur davon, wenn Menschen sie wertschätzen und sich folglich um sie kümmern. Die regenerative Landwirtschaft ist ein Beispiel aus einem anderen Kontext. Sie bietet einen guten Ansatz für eine gelingende Mensch-­Natur-Beziehung.

Wo erleben Sie persönlich Naturverbundenheit? 
Für mich kann es eine einzelne Pflanze sein, die aus einer Ritze wächst, der Schrebergarten oder der nahe Wald – selbst, wenn er aufgeforstet wurde.

Sie nehmen in Ihrer Arbeit Bezug auf Ansätze aus der Natur­schutzethik. Wie werden in diesem Zusammenhang die Begriffe «Natur» und «Natürlichkeit» verstanden? 
Aktuelle Konzepte zeigen, dass der Naturbegriff nach wie vor relevant ist, sofern er perspektivisch und relational verwendet wird. Der Mensch ist gleichzeitig Teil der Natur, steht ihr aber auch gegenüber. Und natürlich – künstlich stehen nicht im Gegensatz, sondern in einem graduellen Verhältnis zueinander. Auch etwas, das künstlich erstellt wurde, kann später als natürlich betrachtet werden. Philosophinnen wie Anna Deplazes-Zemp, Anna Wienhues oder Elena Casetta haben dazu produktive Ansätze entwickelt.

Sie haben auch zu neuartigen Ökosystemen geforscht. Was ist damit gemeint?
In Berlin und anderen Städten existieren viele Rest- und Brachflächen. Es handelt sich bei diesen zwar nicht um ursprüngliche Natur – aber um funktionierende Ökosysteme. Manche von ihnen sind neuartig und so zuvor noch nie dagewesen. Wie der Stadtplaner Ingo Kowarik gezeigt hat, sind es wertvolle Flächen – trotz invasiver Arten. Gleichzeitig eignen sich auch die Menschen solche Räume an. Der Park am Gleisdreieck in Berlin ist beispielsweise aus einem brachgefallenen Bahngelände entstanden, das verwildert ist und dennoch – oder gerade deshalb – von Menschen wertgeschätzt und genutzt wurde. Auch kleine Flächen sind wichtig. Wir brauchen Natur überall und im nahen alltäglichen Umfeld, um von den positiven Effekten zu profitieren und mit der Natur in Beziehung zu treten.

Lassen sich Erkenntnisse aus dem Umgang mit Brachflächen auf weitere städtische Grünräume übertragen?
Dynamik ist ein zentraler Bestandteil von Natur, den wir nicht nur akzeptieren, sondern sogar fördern können. Aus naturschutzethischen Überlegungen darf zur Förderung der Biodiversität in Naturräume eingegriffen werden. Im urbanen Kontext bedeutet dies zum Beispiel eine Verschiebung ästhetischer Werte hin zu mehr Dynamik und Wildheit. Und ein adaptiver Ansatz für den Unterhalt einer Grünfläche ist gut denkbar, das heisst beobachten und situativ eingreifen, sofern es nötig wird.

Welche Zukunftsbilder für urbane Räume und unser Natur­verhältnis haben Sie persönlich?
Ich teile die Vision einer autofreien und durchgrünten Stadt mit begrünten Fassaden und viel Raum für soziale Interaktionen. Übergeordnet steht für mich die Vision des Symbiozän, ein Denken jenseits des Anthropozäns. Der Begriff stammt vom Umweltphilosophen Glenn A. Albrecht und meint, dass wir mit allem verbunden sind. Dafür gibt es ein starkes Bild: In der Erdschicht, die wir hinterlassen werden, soll es nicht mehr möglich sein, zu unterscheiden, ob Ablagerungen von Menschen oder anderen Lebewesen stammen. Es geht um eine Verbundenheit, wie sie der Autor und Philosoph Baptiste Morizot in seinem Buch «Arten des Lebendigseins» beschreibt: Wir müssen Allianzen bilden, um lebendig zu sein. 

Anmerkung
1 Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services.

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