es­pa­zi­um un­ter­wegs: von Bern nach Po­s­chia­vo

Die Idee, von Bern aus so weit wie möglich in eine Richtung zu fahren, ohne die Landesgrenzen zu tangieren, führt nach Poschiavo in Graubünden. Die Fahrt und das Ziel sind gleichermassen Teil dieser Empfehlung.

Publikationsdatum
06-07-2021

Auch in diesem Sommer bleibt das internationale Reisen schwierig. Unter dem Motto «In Grenzen unbegrenzt» präsentieren wir Ihnen daher wöchentlich unsere Redaktionstipps mit Ausflugsideen zu Schweizer Perlen der Baukultur.

Spätestens ab Chur wird die Reise kurvenreich, die Aussicht idyllisch, und eine Pause in Mulegns, einem 19-Seelen-Weiler am Strassenrand, lohnt sich. Heimkehrende Zuckerbäcker trugen im 19. Jahrhundert Geld ins Dorf und liessen sich stolze Häuser bauen. Das stark beeinträchtigte spätklassizistische Ensemble ist Teil des Rettungsprogramms der Stiftung Origen, die sich unter anderem für den Erhalt der ortstypischen Bebauung einsetzt.

Als für den Sommer gesichert darf eine erste Öffnung der restaurierten Räume im Post Hotel Löwen gelten. Nebenan in der mit grossem Aufwand verschobenen weissen Villa wird eine Installation der ETH zu bewundern sein. Hier dreht sich alles um die traditionelle Zuckerbäckerei – digital und zum Glück auch in natura.

Der Weg führt weiter über den Julierpass, unterdessen fast besser bekannt als das Festivalgelände des Origen. Ob dort in diesem Jahr gespielt werden darf, ist noch unklar. Als Signal der kulturellen Wiederbelebung steht weit sichtbar der rote Theaterturm.

Liegt nach St. Moritz und Pontresina erst der Berninapass im Rücken, flimmert schon ein südlicher Glanz über der Natur. Kurz vor der Landesgrenze zu Italien ist das Ziel erreicht. Hier liegt das Borgo Poschiavo, das ebenfalls einen städtisch anmutenden Teil umfasst: Das sogenannte Spaniolenviertel mit grosszügigen Palazzi und Gärten strahlt eine unerwartete Grandezza aus. Rund um den zentralen Platz dominieren aber die steingedeckten Häuser des 16. bis 19. Jahrhunderts, erste Ansiedlungen gehen sogar auf das 11. Jahrhundert zurück.

Passerella Sotsassa

Um sich einen Überblick zu verschaffen, sei der Aufstieg zum Bergwanderweg Runchett da Sotsassa empfohlen. Teil dessen ist der schmale Holzsteg Passerella Sotsassa (Architektur: Urbano Beti, Statik: Jon Andrea Könz), der wirkt, als sei er aus heimischem Fichten- und Lärchenholz zwischen die Felsen genäht. Im Zickzack gesetzte Fachwerkträger verbinden die schmalen Streifen von Steg und Dach zu einem Körper, der zu den Seiten hin transparent ist. Das 18 m lange Bauwerk scheint wie ein gefallener Baum auf halber Strecke eingeklemmt zu sein, so luftig ist es aufgelagert.

Wer länger verweilen kann, dem legen wir den Besuch des Klosters Santa Maria von Luigi Caccia Dominioni (Bau 1968–1972) ans Herz, dessen sorgsame Gestaltung sich erst im Innern offenbart.

Hotel Albrici

Die Exkursion macht auch vor dem Bett nicht halt. Denn im Glücksfall steht es in einem Patrizierhaus von 1682 direkt an der Piazza im Hotel Albrici, das hier seit 1828 residiert. Im ersten Stockwerk ist schon der zentrale Erschliessungsraum so schön, dass man sich gleich auf einer der Chaiselongues ausstrecken möchte. Ringsum schliessen sich hölzern ausgeschlagene Speiseräume an.

Zwei davon sind vielfach ergänzt, übermalt und mit Gemälden ausgestattet. Der dritte ist der Sybillensaal, der mit zwölf Bildtafeln auf Renaissancetäfer unter einer imposanten Kassettendecke aufwartet. Die wenigen, aber behaglichen Zimmer im 2. OG sind 2012 ausgesprochen umsichtig renoviert worden – mit regionalen Methoden, die die Historie der Räume nicht überdecken. Sie bilden einen ruhigen Fond für die prachtvollen Holzbetten, in denen es sich träumen lässt.

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