Reparieren ist das neue Erfinden
Um wertvolle Ressourcen zu schonen, entwickeln Studierende im CAS ETH ReMain anhand konkreter Beispiele Ansätze für systemische Reparatur.
Durch den Abbruch von Gebäuden entstehen in der Schweiz pro Jahr rund 17 Mio. t nicht verwertbare Bauabfälle – für Umbauten und die Erstellung von Neubauten werden in ähnlichem Umfang Materialien verbraucht, und mit ihnen grosse Mengen an grauer Energie. Was ist notwendig, um diese und andere wertvolle Ressourcen zu schonen? Ein wirkungsvoller Ansatz ist die Verlängerung der Nutzungsdauer von bestehenden Gebäuden durch systematische Reparatur, Instandsetzung und Umbau. Studierende des CAS ETH ReMain entwickeln dafür Beispiele.
Durchblick auf dem Hönggerberg
Das HIL-Gebäude, ein grosses Lehr- und Lerngebäude aus den 1970er-Jahren auf dem ETH Campus Hönggerberg, steht am Ende seines ersten Lebenszyklus und vor umfassenden Sanierungsmassnahmen. Diese werden aktuell auch im Rahmen des HIL-Living-Lab entwickelt und begleitet. Insbesondere die Gebäudehülle, bestehend aus vorgehängten Aluminium-Paneelen mit grossflächigen Fenstern, entspricht nicht mehr den heutigen (und künftigen) klimatischen Anforderungen: zu starke Erwärmung im Sommer, zu hoher Wärmeverlust im Winter und ein daraus resultierender sehr hoher Energiebedarf für die Klimatisierung.
Die konzeptionelle Projektarbeit «ReGlaze – Strategien zur Glaserhaltung» von Monika Dobrakowska und Yael Liebetrau zeigt auf, wie die bestehenden Fenster in einer innovativen Feldfabrik auf dem Hönggerberg ertüchtigt werden können und wie dank kurzer Wege durch ein geschicktes Rotationssystem der Leerzug auf ein Minimum reduziert werden kann. So gelingt es, die Fenster, mit deren Glasherstellung grosse Mengen CO2-Emissionen entstehen, weiterzunutzen und die charakteristische goldene Tönung für die architektonische Identität der Gebäudehülle zu erhalten.
Gutes Licht für Schulen
Die Beleuchtung in den Schulen im Kanton Basel-Stadt steht unter einem «hohen Sanierungsdruck». Noch immer werden vielerorts Leuchtstoffröhren verwendet, die rasch ausgetauscht werden müssen. Unter anderem, weil die alten, mittlerweile verbotenen Röhren nicht mehr beschafft werden können. Der Sprung auf moderne LED-Technologie zieht aber neben dem Ersatz der Leuchtmittel den Austausch von Leuchtenträgern, Leuchtkörper und -diffusoren nach sich und auch die elektrische Verdrahtung muss angepasst werden.
Für solche Umbauten gibt es im aktuellen Bestell- und Betreibersystem noch keine Zuständigkeit. Asa Norman Schneider hat deshalb mit beteiligten Behörden und involvierten Herstellern das Pilotprojekt «Light as a Service» gestartet. Er entwickelt im Detail, wie ein zukunftsfähiges Service- und Geschäftsmodell für Schulbeleuchtung aussehen kann, bei dem der Kanton nicht Leuchtkörper und -mittel einkauft und sich um deren Unterhalt kümmern muss, sondern eine fortlaufende Leistung erhält, nämlich gutes Licht zum Lehren und Lernen für die hellen Kinderköpfe.
Der interdisziplinäre Nachdiplomstudiengang CAS ETH ReMain ist eine Kooperation zwischen dem ETH Departement Architektur (Prof. Dr.-Ing. Silke Langenberg, Programmleitung, Konstruktionserbe und Denkmalpflege) und dem Departement Maschinenbau und Verfahrenstechnik (Prof. Dr. Mirko Meboldt, Produktentwicklung).
Modern beheizt – und gekühlt!
Alte Heizungsradiatoren mit ihrer expressiven Formensprache und räumlichen Präsenz sind architektonisch gehaltvolle Elemente, sie können aber nur schwer recycelt werden und landen auch deshalb massenhaft auf Deponien. Im Projekt «Retrofit Radiator» entwickelt Anna Furrer-Flückiger in Zusammenarbeit mit einem Industriepartner einen mehrstufigen Ansatz, bei dem bestehende Radiatoren für die tieferen Vorlauftemperaturen von modernen Wärmepumpen umgebaut werden können. Ausgehend von einem DIY-Szenario, mit dem die Heiz-und Abstrahlflächen mit einfachen Mitteln vergrössert werden können, wird die Produktentwicklung für ein «Retrofit-Kit» angestossen, das bestehende Radiatoren einfach umrüstet, sodass diese potenziell sogar für die Kühlung genutzt werden können.
Repariert – skaliert!
Die Fallbeispiele veranschaulichen die Komplexität von Reparatur- und Upgrade-Vorhaben in der Baubranche. Oft handelt es sich um anspruchsvolle, systemische Fragestellungen, für die es neuer Technik- und Logistikprozesse bedarf. Ihre Planung und Umsetzung erfordert die Entwicklung zukunftsfähiger Geschäftsmodelle, denn nur so werden Reparaturmassnahmen skalierbar und auf andere Gebäude oder sogar grössere Bestände anwendbar. Und schliesslich gilt es, die architektonische Qualität des Bestandes zu stärken, weiterzuentwickeln und sich technologisch zukunftsoffen zu positionieren: Erfolgreiche Reparaturstrategien denken all dies zusammen.
Yves Ebnöther ist Industriedesigner und begleitet als Dozent die Studierenden des CAS ETH in Repair and Maintenance bei der Entwicklung von skalierbaren Reparaturstrategien.
Informationsveranstaltungen zum CAS ETH ReMain im Frühlingssemester 2027 auf www.cas-remain.ethz.ch
Dieser Beitrag ist in Partnerschaft mit der ETH Zürich entstanden.