Das grü­ne Pa­ra­dox

Architekturkritik MAS gta ETH

«Wertvolle Lebensräume für Mensch und Natur» verspricht die Stadt Zürich für den Ueberlandpark, ein gigantisches Bauwerk, das die Wunden der Vergangenheit vernarben soll. Doch dieses Projekt wird nicht nur die Identität, sondern auch die wirtschaftliche, politische und soziale Zukunft des Kreises 12 fundamental verändern.

Publikationsdatum
20-02-2026

Was bringt die Einhausung Schwamendingen? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Studierenden des MAS gta ETH

In einer Onlineserie und in espazium magazin 5/2026 zeigen wir die besten Architekturkritiken und laden zum Mitdiskutieren ein. Leserkommentare an maria.lampe [at] espazium.ch (maria[dot]lampe[at]espazium[dot]ch) oder auf social media

Zum Ende der 1970er-Jahre erfolgte die drastische Zerschneidung des Kreises 12, die das Quartier Saatlen von Hirzenbach und Schwamendingen-Mitte trennte. Der Bau der Autobahn zerstörte nicht nur das ökologische Gleichgewicht, sondern auch Nachbarschaften. In Schwamendingen verschwanden Räume für Mensch und Natur, sie wichen dem kalten Beton und der schweren Luftverschmutzung dieser hochfrequentierten Ausfallstrasse. Von diesem Moment an prägten Senioren, Migrantinnen und Familien mit geringem Einkommen die Identität des Stadtteils. Nach vielen Protesten gegen die schädlichen Auswirkungen der Autobahn konnten die Anwohnenden mit der Einhausung im Sommer 2025 den Lärm und die Disharmonie endlich hinter sich zu lassen. Ein neues Kapitel begann, in dem die Wunden der Vergangenheit zu vernarben schienen. Jedoch schwebt die Frage im Raum, ob der Ueberlandpark ein weiterer Fall von Green Gentrification ist.

Neuen Lebensraum erschliessen

Ähnlich wie andere Projekte, etwa der New Yorker High Line Park, ist der Ueberlandpark aus dem Bestreben zur urbanen Wiederbelebung und der Rückbesinnung auf die Natur erwachsen. Das Herzstück dieses Projekts bildet die Landschaftsgestaltung von Krebs und Herde Landschaftsarchitekten. Sie verfolgt das Ziel, eine Neuinterpretation des historischen Zürcher Enge-Arboretums zu erschaffen. Mit Fokus auf Biodiversität soll dieser Ort ein grünes Refugium für Tierarten und ein lebendiges Labor für klimaresiliente Bäume werden, die der Hitze des Klimawandels standhalten. Es handelt sich dabei um einen mächtigen Katalysator sowohl für die Transformation der Identität Schwamendingens als auch für ein neues ökonomisches Wachstum. Rund um den Ueberlandpark werden ganze Genossenschaftssiedlungen abgerissen und durch neue, höhere Bauten ersetzt. Schwamendingen entwickelt sich zu einem attraktiveren urbanen Quartier: neue Gebäude, eine hervorragende Anbindung an die Innenstadt und Brücken, die die Wohnhäuser direkt mit dem Ueberlandpark verbinden. 

Einhausung begrünt

Ob der Ueberlandpark die Versprechen einlöst oder zur grünen Fassade eines tiefgreifenden sozialen Wandels wird, kann aktuell niemand mit Gewissheit beantworten. Der Ueberlandpark schwebt zwischen Verheissung und Verhängnis, zwischen Reparatur und Verdrängung. Vielleicht wird er zum lebendigen Beweis, dass ökologische Transformation und soziale Gerechtigkeit Hand in Hand gehen können. Vielleicht wird er zur Mahnung, dass grüne Oasen in der Stadt allzu oft zu teuren Paradiesen für wenige führen. Die Ironie wäre bitter: Jene, die jahrzehntelang unter den Emissionen der Autobahn litten, könnten ausgerechnet durch die Bäume vertrieben werden, die nun auf der Einhausung wachsen.

Patricia Mosquera ist Kunsthistorikerin und Spezialistin bei Pro Helvetia. Derzeit absolviert sie den MAS GTA ETH. Ihr inhaltlicher Fokus liegt auf der Schnittstelle von Landschaft, Urbanismus und Architektur.

Verwandte Beiträge