Vom Stadt­ni­veau zum Hoch­park: ei­ne Fra­ge der Ge­stal­tung

Architekturkritik MAS gta ETH

Die Einhausung Schwamendingen vereint Infrastruktur und Landschaft in einer Grossform. Der Ueberlandpark überzeugt als neuer Freiraum über der Einhausung. Doch die räumliche Verbindung zwischen Stadtniveau und Hochpark bleibt gestalterisch zurück. 

Publikationsdatum
11-02-2026

Was bringt die Einhausung Schwamendingen? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Studierenden des MAS gta ETH. 

In einer Onlineserie und in espazium magazin 5/2026 zeigen wir die besten Architekturkritiken und laden zum Mitdiskutieren ein. Leserkommentare an maria.lampe [at] espazium.ch (maria[dot]lampe[at]espazium[dot]ch) oder auf social media

Wo einst eine sechsspurige Schneise Schwamendingen durchschnitt, zieht sich heute ein fast kilometerlanger modellierter Betonriegel durch das Quartier. Die Einhausung der A1 ist Stadtreparatur und neue Topografie zugleich: Sie befreit das Quartier vom Lärm und gibt ihm eine zusätzliche Ebene. 

Die Gestaltung der Seitenwände, als vertikaler Mauergarten und «Betonnagelfluh» inszeniert, verleiht dem Bauwerk eine überraschende Leichtigkeit. Auch der Park überzeugt als eine sorgfältig komponierte Folge von Gartenräumen. 

Doch gerade diese Stärken machen das Manko der Einhausung sichtbar: die Übergänge zwischen unten und oben. Zwei Lifte, elf Treppen und drei Rampen erschliessen den neuen Freiraum. Die Kaskadentreppen und Rampen verlaufen parallel zum Betonkörper. 

Nur bei der Saatlen-Terrasse stehen sie quer und greifen weit in das Quartier hinaus. Konzeptionell sind diese Elemente als unabhängige Annexe gedacht: flexibel, technisch, austauschbar. Feuerverzinkter Stahl, offene Gitterroste und orangefarbene Akzentuierungen erzeugen eine technische Sprache, die eher an Betriebsbauten erinnert. 

Topografie und verpasste Möglichkeiten

An den beiden Enden der Einhausung, dem Schöneich-Parterre und dem Aubrugg-Belvedere, nimmt der Betonkörper selbst den Höhenunterschied auf. Diese Orte zeigen, welches Potenzial eine topografische Einbindung gehabt hätte. Im Studienauftrag 2004 präsentierten die Architektinnen und Architekten von agps die Idee eines Damms, der die Quartiere über sanft ansteigende grüne Flanken an die Hochebene anbinden sollte. 

Bereits in frühen Abklärungsphasen zeigte sich jedoch, dass eine ein Damm über die gesamte Länge der Einhausung technisch nicht umsetzbar war. Weder die Zugänglichkeit der Werkleitungen noch der Baugrund haben dies zugelassen. In einzelnen Abschnitten wäre eine modellierte Topografie trotzdem realistisch gewesen. 

2013 definierte das städtebauliche Leitbild die Grundlage für den Gestaltungsplan. Die Stadt wählte eine bauliche Strategie. Neubauten entlang des Parks sollten über horizontale Stege an die obere Ebene anschliessen. Diese Entscheidung verlagerte die räumliche Verbindung ins Quartier weg von der Topografie hin zu baulichen Add-ons. 

Blick Richtung Hardbrücke

Eine Fahrt Richtung Hardbrücke zeigt, wie überzeugend sich die vertikale Anbindung eines Verkehrsbauwerks gestalten lässt. Die Hardbrücke, eine der wichtigsten Verkehrsachsen Zürichs, führt als breite Hochstrasse über Limmat und Gleisfelder. 

Fünf Treppenaufgänge aus Beton schaffen es, sich einerseits der Infrastruktur anzunähern und andererseits eine poetische Einladung für Passierende zu bilden. Die geschwungenen Treppen schaffen eine harmonische Verbindung zur spröden Hochstrasse. Sie greifen ausladend in den Stadtraum ein und leiten die Fussgängerinnen und Fussgänger selbstverständlich zu den Bushaltestellen. Sie zeigen die architektonische Ausformulierung eines funktionalen Problems. 

Ein Zwischenzustand

Die Einhausung mit dem Ueberlandpark ist beeindruckend in politischer und technischer Hinsicht. Die Stadtreparatur ist gelungen, die Topografie gesetzt, doch die vertikalen Zugänge genügen noch nicht für die Einbindung ins Quartier.

Marie-Kristin Lutz ist als selbstständige Architektin in Zürich tätig. Sie forscht am MAS gta ETH Zürich zum Paradigmenwechsel im Städtebau der 1970er-Jahre.

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