De­ckel drauf und gut ist?

Architekturkritik MAS gta ETH

Der Ueberlandpark in Zürich ist nicht einfach ein grüner Wanderweg über einer Autobahn-Einhausung. Die Umbenennung von «Lärmschutztunnel» zu «Überlandpark» verschleiert ein grundlegendes urbanes Problem: Wer profitiert von dieser Infrastruktur, und wer zahlt den Preis?

Publikationsdatum
26-02-2026

Was bringt die Einhausung Schwamendingen? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Studierenden des MAS gta ETH


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Es könnte ein Wanderweg sein. Nur die gelben Markierungen fehlen. Ich folge der Fährte auf dem Schotterpfad in nördliche Richtung. Die Sicht nach vorn ist weit und offen, der Himmel spannt sich makellos blau. Dort in der Luft steigen Passagierflugzeuge im Minutentakt auf – ihr Lärm ist unüberhörbar, ihre Silhouetten scharf gezeichnet. Die unmittelbare Nähe des Flughafens und die rastlose Bautätigkeit rund um das Areal zeigen deutlich: Das ist kein Naturraum, sondern ein urbanes Konstrukt unter Stress.

Die Betonbrüstung, die massive Fernwärmezentrale, die Fahrzeuglawinen direkt unter mir – die Illusion eines Naturpfads zerbricht schnell. Die architektonisch gestaltete Struktur wird spätestens bei der Strassenkreuzung mit ihren komplexen Signalanlagen zur unangenehmen Realität. Der Überlandpark kaschiert sein wahres Wesen: Er ist ein Lärmschutzdeckel über einer Hochleistungs-Autobahn, ein Palliativ für ein strukturelles Verkehrsproblem.

Die unbeantwortete Kernfrage: Für wen ist dieser Park?

1998 als reiner Lärmschutztunnel konzipiert, wurde das Infrastrukturprojekt nach anderthalb Jahrzehnten zum «Ueberlandpark» umbenannt. Diese Umetikettierung ist kein harmloses Rebranding – sie ist ein PR-Kalkül zur Legitimation des Vorhabens im politischen Prozess. Die acht Meter hohe Einhausung schafft keine echte Quartierverbindung zwischen Dreispitz und Schwamendingen. Sie errichtet einen Riegel, der die beiden Quartiere faktisch weiter trennt, statt sie zusammenzubringen.

Der mikroklimatische Mehrwert ist messbar und für Anwohner spürbar: Die Lärmbelastung sinkt um bis zu 30 Dezibel,1 die Lebensqualität verbessert sich, das Wohnraumangebot wächst. Diese Verbesserungen sind real und wertvoll. Doch diese Aufwertung hat einen Preis, den nicht alle zahlen können. 

Empirisch absehbar: Zahlreiche Bewohnerinnen und Bewohner werden die Mietzinsen im aufgewerteten Quartier langfristig nicht mehr bezahlen können. Die soziale Durchmischung, die Dreispitz und Schwamendingen charakterisiert, gefährdet sich selbst durch den Erfolg dieser architektonischen Intervention.

Die stille sozioökonomische Transformation

Das Gefühl der Entfremdung, das den Spaziergang prägt, hat eine strukturelle Ursache: Die bauliche Überformung des Raums geht mit einer sozioökonomischen Transformation einher. Die Einhausung ist zwar ein architektonisches Objekt, aber auch ein städtebaulicher Widerspruch. Sie ordnet den Raum neu und setzt eine soziale Umformung in Gang. 

Infolge bewirkt der Lärmschutz hier Gentrifizierung. Ein grüner Wanderweg auf dem «Deckel» über der Autobahn hilft denen, die bleiben können. Er verdrängt diejenigen, die es sich nicht leisten können. So paradox es klingt: Die Infrastruktur, die das Wohnumfeld verbessert, zerstört die soziale Substanz jener Quartiere, die sie retten sollte.

Anmerkung

1 Die Dezibel-Zahl stützt sich auf folgende Aussage «In unmittelbarer Nähe zur Autobahn sollen mit der Einhausung die Lärmwerte auf erträgliche 42 Dezibel (dB) sinken von aktuell am Tag gemessenen 72 dB. Es handelt sich somit um einen Planungswert, der allerdings bisher nie dementiert wurde. Quelle: Stefan Schmid, «Einhausung Schwamendingen: Von der Lärmwüste zur Savanne», in: Baublatt, Nr. 28, 15. Juli 2016, S. 16.

Jean-Marc Hensch ist Business Angel und Publizist; er absolviert zurzeit den MAS gta ETH. Als Kenner von Zürich untersucht er Architektur interdisziplinär unter dem Aspekt von Soziologie, Ökonomie und Geschichte.

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